Chicago — Forscher haben in 2 Studien Risikofaktoren identifiziert, die möglicherweise mit der zunehmenden Zahl von Darmkrebsfällen bei jüngeren Erwachsenen in den USA zusammenhängen. „Die meisten Fälle treten sporadisch auf, was darauf hindeutet, dass veränderbare, nicht genetische Faktoren eine wichtige Rolle spielen könnten“, sagte Mohamed Eldesouki vom New York Medical College am Saint Michael’s Medical Center in Newark bei der Digestive Disease Week (DDW) 2026 [1].

In der 1. Studie identifizierten Eldesouki und Kollegen einen eigenständigen Phänotyp, der mit einem erhöhten Risiko für Darmkrebs bei Menschen zwischen 18 und 49 Jahren verbunden ist. Besonders entzündliche Darmerkrankungen, familiäre Vorbelastung, schwere Adipositas und Adipositas erwiesen sich als unabhängige Risikofaktoren, die das Risiko für früh auftretenden Darmkrebs im Vergleich zu später auftretenden Erkrankungen mehr als verdoppelten.

Die 2. Studie zeigte, dass eine frühere Einnahme oraler Antibiotika mit einem erhöhten Risiko für kolorektale Adenome verbunden war, speziell bei Menschen mit längerer oder intensiverer Antibiotika-Exposition.

Stoffwechsel- und Entzündungsprozesse als mögliche Treiber

„Es gibt zunehmend Hinweise darauf, dass früh auftretender Darmkrebs mit Adipositas, metabolischem Syndrom und Diabetes zusammenhängt“, erklärte Eldesouki. Die genauen Risikofaktoren seien bislang abe rkaum bekannt.

Um diese Zusammenhänge genauer zu untersuchen, analysierten die Forscher Daten von 46.099 Menschen mit Darmkrebs sowie passenden Kontrollpersonen aus der TriNetX US Collaborative Network-Datenbank (2010 bis 2023). Verglichen wurden 3 Gruppen: 2.584 Personen mit früh auftretendem Darmkrebs gegenüber 5.168 Patienten mit spät auftretender Erkrankung, 3.217 Patienten mit früh auftretendem Darmkrebs gegenüber 6.434 gesunden Kontrollpersonen sowie 12.112 Patienten mit spät auftretendem Darmkrebs gegenüber 24.336 Kontrollpersonen.

Die Forscher identifizierten mehrere Faktoren, welche mit früh auftretendem Darmkrebs assoziiert waren. Besonders stark war der Zusammenhang bei entzündlichen Darmerkrankungen mit einer adjustierten Odds Ratio (aOR) von 2,52. Eine familiäre Vorbelastung erhöhte das Risiko um den Faktor 2,44. Auch Adipositas spielte eine Rolle: Für Adipositas lag die aOR bei 2,14, für schwere Adipositas sogar bei 2,61. Zusätzlich zeigten sich metabolisches Syndrom, Diabetes und eine metabolisch bedingte Fettleber innerhalb von 24 Monaten vor der Diagnose als relevante Risikofaktoren.

Auch bestimmte Laborparameter erwiesen sich als aussagekräftige Prädiktoren. Eine Mikrozytose war mit einer aOR von 2,29 verbunden, niedrige Ferritinwerte mit 2,11. Erhöhte CRP-Werte steigerten das Risiko um den Faktor 1,87, eine erhöhte Erythrozytenverteilungsbreite um den Faktor 1,72. Zudem waren niedriges HDL-Cholesterin, Hypertriglyzeridämie, erhöhte HbA1c-Werte im diabetischen Bereich sowie Thrombozytose mit einem erhöhten Risiko assoziiert. Das Vorhersagemodell erreichte mit einer Fläche unter der ROC-Kurve (AUC) von 0,86 eine hohe Trennschärfe.

Bei spät auftretendem Darmkrebs fanden sich ähnliche Risikofaktoren, allerdings waren die Zusammenhänge dort um etwa 25 bis 40% schwächer. 

Zudem zeigten sich Unterschiede in der Tumorlokalisation: Rektumtumoren traten häufiger bei jüngeren Patienten auf als bei älteren (37% vs. 27%), während proximale Kolontumoren häufiger bei älteren Patienten beobachtet wurden (34% vs. 23%).

In multivariaten Analysen erwiesen sich schwere Adipositas, Mikrozytose und niedrige Ferritinspiegel als die stärksten unabhängigen Signale für früh auftretendem Darmkrebs. Eine metabolisch bedingte Fettleber blieb ebenfalls ein signifikanter Risikofaktor bei jüngeren Patienten, verlor jedoch bei älteren Patienten ihre statistische Bedeutung.

„Früh auftretender Darmkrebs könnte einen eigenständigen metabolischen, entzündlichen und hämatologischen Phänotyp darstellen“, vermutet Eldesouki. Beschwerden wie Bauchschmerzen, rektale Blutungen, Gewichtsverlust, Eisenmangelanämie, Tenesmen und Durchfälle traten häufiger bei jüngeren Betroffenen auf, während Verstopfung häufiger bei älteren Patienten beobachtet wurde. Künftige Studien sollten diese Risikofaktoren weiter validieren und dazu beitragen, altersabhängige Risikomodelle für die Vorsorge zu entwickeln, so Eldesouki.

Personalisierte Vorsorge rückt in den Fokus

Swati Patel von der University of Colorado Anschutz bezeichnete die Ergebnisse als „interessant“. Es sei wichtig, zu verstehen, warum jüngere Menschen zunehmend an Darmkrebs erkrankten und inwiefern sich ihre Risikofaktoren von denen älterer Patienten unterschieden.

Bekannte Risikofaktoren bei älteren Erwachsenen wie metabolisches Syndrom, Diabetes, Fettlebererkrankungen und Adipositas zeigten sich nun offenbar auch bei jüngeren Menschen. Dies könne den Weg zu stärker personalisierten Vorsorgestrategien ebnen.

Dennoch reichten die Daten derzeit noch nicht aus, um das empfohlene Vorsorgealter unter 45 Jahre zu senken, betonte Patel.

Antibiotika und Darmtumoren

Die 2. auf der DDW 2026 präsentierte Studie untersuchte den Zusammenhang zwischen früherer Antibiotikaeinnahme und dem Risiko für kolorektale Adenome bei Menschen unter 50 Jahren. „Studien haben gezeigt, dass Patienten mit Darmkrebs ein verändertes Darmmikrobiom aufweisen“, erklärte Amanat Bal vom Kaiser Permanente San Francisco Medical Center. Dazu gehörten eine verringerte mikrobielle Vielfalt sowie eine Zunahme potenziell krankmachender Keime.

Neuere Untersuchungen hätten außerdem gezeigt, dass bereits präkanzeröse Adenome mit hochgradiger Dysplasie vermehrt Fusobakterien enthielten. Das deute darauf hin, dass Darmbakterien möglicherweise schon früh an der Tumorentstehung beteiligt seien.

Für die Studie wurden 6.936 Menschen mit früh auftretenden kolorektalen Adenomen mit 16.900 passenden Kontrollpersonen verglichen. Grundlage waren elektronische Gesundheitsdaten aus dem Kaiser-Permanente-Gesundheitssystem in Nordkalifornien zwischen den Jahren 2006 und 2023.

Die Forschenden analysierten die Einnahme oraler Antibiotika mindestens zwei Jahre vor dem Nachweis eines Adenoms. Dabei wurde sowohl berücksichtigt, ob überhaupt Antibiotika verwendet wurden, als auch die kumulative Dauer und verschiedene Zeitfenster vor der Diagnose. Alle Teilnehmer wurden mindestens 10 Jahre nachverfolgt, und die Kontrollpersonen hatten unauffällige Koloskopien.

Insgesamt war die Einnahme oraler Antibiotika sowohl in unadjustierten als auch in adjustierten Analysen mit einem erhöhten Risiko für früh auftretende kolorektale Adenome verbunden. In der unadjustierten Analyse lag die Odds Ratio bei 1,59, nach Anpassung relevanter Einflussfaktoren bei 1,45. Der Zusammenhang zeigte sich unabhängig davon, ob Breitband- oder Schmalspektrumantibiotika verwendet worden waren.

„Mit zunehmender Zahl der Antibiotikaverordnungen zeigte sich auch eine stärkere statistische Assoziation“, erklärte Bal. Das Risiko nahm kontinuierlich mit der Anzahl der Antibiotikakuren zu und erreichte seinen Höhepunkt bei sieben bis neun Behandlungen mit einer adjustierten Odds Ratio von 1,60.

Auch der zeitliche Abstand spielte eine Rolle: Das Risiko für kolorektale Adenome war 5 bis weniger als 8 Jahre nach Antibiotikaexposition am höchsten. In diesem Zeitraum lag die adjustierte Odds Ratio bei 1,71.

Menschen mit kolorektalen Adenomen waren häufiger adipös und hatten öfter eine familiäre Vorbelastung für Darmkrebs als die Kontrollpersonen. Die familiäre Belastung lag bei 29 Prozent gegenüber 18 Prozent in der Kontrollgruppe.

Weitere Forschung notwendig

Zu den Stärken der Studie zählten laut Bal die große Zahl früh auftretender Fälle sowie die vielfältige und sozioökonomisch repräsentative Studienpopulation. Außerdem hätten alle Kontrollpersonen negative Koloskopien gehabt, und die elektronischen Verordungsdaten ermöglichten eine langfristige Erfassung der Antibiotikanutzung über acht Jahre oder länger.

Zu den Einschränkungen gehörte jedoch, dass Antibiotikaverordnungen in der Kindheit oder Jugend nicht berücksichtigt werden konnten – möglicherweise ein besonders sensibles Zeitfenster für spätere Veränderungen des Mikrobioms. Zudem könnten manche Teilnehmer Antibiotika außerhalb des Kaiser-Systems erhalten haben.

Weitere Studien zu frühen Antibiotikaexpositionen seien notwendig, ebenso Untersuchungen dazu, welche Antibiotikaklassen das Mikrobiom besonders stark verändern und wie sich dies auf das Krebsrisiko auswirkt.

Noch keine unmittelbaren Konsequenzen für die Praxis

Auch Patel bewertete die Ergebnisse als „wirklich interessant“. Es gebe zunehmend Hinweise darauf, dass Veränderungen des Darmmikrobioms langfristig eine Rolle bei der Krebsentstehung spielen könnten.

Allerdings sei die Interpretation schwierig, solange nicht alle anderen Einflussfaktoren ausreichend berücksichtigt würden. Die Ergebnisse seien vor allem hypothesengenerierend und noch keine Grundlage für konkrete klinische Empfehlungen. 

Der Beitrag ist im Original erschienen auf Medscape.com