Der Film läuft noch keine 30 Sekunden, da heult Campino bereits. Es löse etwas in ihm aus, sagt er. Und „es“, das ist natürlich das letzte Album seiner Band.

„Was bleibt“ heißt die 90-minütige Dokumentation, für die Eric Friedler die Toten Hosen über zwei Jahre hinweg bei den Aufnahmen für ihr finales Werk begleitet hat. Der Beginn des Films zeigt die Musiker beim Aufbruch aus Düsseldorf ins Studio ihres Leib-und-Magen-Produzenten Vincent Sorg im Münsterland. Klassenfahrt-Atmo: Campi isst beim Fahren Käsestullen, Andi sitzt daneben. Kuddel reist im Muscle Car an, auf dessen Rückbank liegt ein Buch oder eine CD-Box mit einem Logo, das stark an das der Ärzte erinnert.

Obwohl das eine Dokumentation ist, gelingt es Friedler, den Film so zu inszenieren, dass wie in einem Spielfilm jeder eine bestimmte Rolle übernimmt. Die lustigste hat Schlagzeuger Vom Ritchie. Er beklagt sich immerzu, stänkert rum, auf so eine augenzwinkernde Weise. Das klingt dann so: „Wenn dir etwas gefällt und Campi nicht, dann war’s das.“ Oder so: „Nach 27 Jahren bin ich immer noch der Neue, das wird auch immer so bleiben.“ Der stille Held dieser Produktion ist Breiti. Von ihm geht eine enorme Ruhe aus, man hört ihm unheimlich gerne zu. „Ich bin ja bis heute kein richtiger Musiker“, sagt er trocken, „dafür sind meine Fähigkeiten zu beschränkt“.

Überraschende Ankündigung von Campino – für alle

Überhaupt ist das im Grunde ein Familienroman, der da erzählt wird. Von den Anfängen im Ratinger Hof über den Durchbruch in den 1990er-Jahren. Das Ganze gipfelt darin, dass Campino eine Ankündigung macht. „Tatsächlich bin ich überraschenderweise – also für mich selbst sehr überraschenderweise – noch mal Vater geworden.“ Die Vaterschaft bedeute einen Umsturz in seinem Leben, wie er es sich bisher eingeteilt habe. „Ich hatte mir den Weg zur Rente anders vorgestellt, aber das fällt jetzt aus.“

Die Kamera begleitet die Gruppe auf ihrer Clubtour durch Europa, im Nightliner gibt es Goldbären und Doppelkeks. Und die interessantesten Stellen sind jene, die die Hosen im Studio zeigen. Sie übernachten während der Aufnahmen in dem Studio-Hof im Münsterland, jeder in seiner eigenen Mönchszelle. Sie schmieren sich morgens in der Küche Nutella- und Salamibrötchen. Und sie sitzen danach leicht verpoft und in Bio-Sandalen beieinander und probieren etwas aus. Zum Beispiel einen Oktoberfest-Song, den Campino geschrieben hat, den die anderen aber nicht so gut finden. Abends wird eine Pizza bestellt, die in Campinos Worst-Of-Liste unter die schlechtesten drei kommt.

Der Weg zum letzten Album der Toten Hosen

Es gibt nette Details: Campino singt neue Texte traditionell erstmal nur in Anwesenheit von Vincent Sorg ein, alle anderen müssen rausgehen. Sorg ist ohnehin der Fels in der Brandung. Egal, wie spät es wird und wie knifflig: An ihm scheint jede Nervosität abzuprallen.

Man merkt, wie viel Druck auf der Gruppe lastet, als der Veröffentlichungstermin näher rückt. Vor allem Campino hadert nun. Er zieht sich auf Waldspaziergänge zurück, sucht Textideen und treffende Verse. Und wenn er morgens merkt, dass eine geniale Idee irgendwie nicht zündet, sagt er: „Nachts hörte sich das aber gut an.“ 40 bis 50 Songs schreiben die Hosen, 16 schaffen es aufs Album. Man fragt Andreas Gursky, ob er das Covermotiv fotografieren möchte. Und fünf Wochen vor der Deadline veranstaltet die Band eine Listening Session mit Freunden und Wegbegleitern. Jeder Zuhörer bekommt einen Fragebogen, in den eingetragen wird, wie einem die Songs gefallen haben. Die drei am schwächsten Benoteten werden aussortiert.

Das alles ist nun zu Ende. Das letzte Album ist fertig. Campino heult. „Ich komme mir wie verprügelt vor.“

Info „Was bleibt: Die Toten Hosen – Das letzte Album“ ist ab 20. Mai in der ARD-Mediathek zu sehen. Am 23. Mai gibt es um 23.25 Uhr (nach dem DFB-Pokalfinale) im Ersten die TV-Premiere.