Auch 35 Jahre nach seinem Tod wirkt das Pariser Anwesen des französischen Chansonniers Serge Gainsbourg, als sei er noch fünf Minuten zuvor dort gewesen. Museum oder Mausoleum? Fakt ist: Besucher führt indirekt Charlotte durchs Haus – das viel über ihren einsamen Vater verrät.
Das Geräusch des Motors eines ankommenden Autos. Die Tür einer Limousine, die leise zuklappt, Schritte, dann ihre zarte Stimme im Ohr, über den Kopfhörer, unverkennbar, Charlotte Gainsbourg. „Kommen Sie, ich habe die Schlüssel“, flüstert die Schauspielerin und Sängerin, Tochter zweier Stars, Jane Birkin und Serge Gainsbourg. Sie bittet uns, einen Schritt nach rechts zu machen, die Tür zu öffnen und das Wohnzimmer zu betreten: Es wirkt wie ein Ort, an dem die Zeit stehen geblieben ist. Museum oder Mausoleum?
Der Raum ist komplett mit schwarzem Stoff bespannt, „weil die Wände von Irrenhäusern weiß sind“, lautete die Erklärung des Hausherren, schwarz wie der Steinway-Flügel, der mittendrin thront. Ansonsten schweift der Blick über so viele Objekte, dass es unmöglich ist, alles aufzuzählen: die Lowrey-Orgel. Goldene Schallplatten. Ein lebensgroßes Foto von Brigitte Bardot. Parfumflakons.
Eine ausgestopfte Riesenspinne hinter Glas. Mikrofone, Noten, Kopfhörer. Mehrere Packungen Gitanes. Affenfiguren arrangiert auf einer Silberkommode wie zu einer Zirkusnummer. Eine Porzellanschale mit Veilchenbonbon-Dose von Flavigny, daneben eine Rolle Smarties, Stimorol-Kaugummi.
Der Glastisch mit den sauber angeordneten Handschellen, Epauletten, Orden und Insignien, die ihm die Polizisten dagelassen haben, die er nachts auf einen Whisky in sein Haus in der Nummer 5 bis, Rue de Verneuil bat, weil er auf Machtsymbole stand. „Es ist das Haus eines einsamen Mannes, der die Einsamkeit nicht mochte“, flüstert uns Charlotte ins Ohr.
Bienvenue dans la maison de Serge Gainsbourg, willkommen in den vier Wänden eines Mythos, eines französischen Nationalhelden, der gefeiert und gehasst wurde, geliebt und verachtet, vergöttert und verpönt. „Ich habe dich mein ganzes Leben geliebt. Marcelle, 78 Jahre“ steht, umgeben von einem Herz, auf seiner Hauswand, eines der unzähligen Graffiti, die seine Fans bis heute dort hinterlassen. Die Liebeserklärung einer alten Dame lässt uns nachrechnen: 98 Jahre alt wäre Gainsbourg im April geworden, ein Wiedergänger aus einer anderen Zeit.
Das Haus im vornehmen sechsten Arrondissement von Paris hatte er 1967 erworben, kurz bevor er die damals unbekannte englische Schauspielerin Jane Birkin bei Dreharbeiten kennenlernte. Besichtigt hatte er es noch gemeinsam mit ihrer Vorgängerin Brigitte Bardot. Die soll vor die Tür getreten sein und den anderen Interessenten zugerufen haben, dass sie gehen können, das Haus sei bereits verkauft. So sicherte sie Gainsbourg sein Refugium, 130 Quadratmeter verteilt über zwei Stockwerke, kein Stadtschloss, sondern verschachtelte Räume mit niedrigen Decken, eine Art Höhle.
Auf die zerbrochene Liebe folgt der Selbstmord in Zeitlupe
Seit Herbst 2023 kann man das Haus besichtigen, immer nur zwei Gäste gleichzeitig. Ein paar Hausnummern weiter lebten Juliette Gréco und Michel Piccoli. Charlotte erinnert sich, wie die Eltern sie ins Bett brachten, dann ausgingen und erst in den frühen Morgenstunden wiederkamen, um das Frühstück für die Kinder zuzubereiten, sie zur Schule zu bringen und dann bis in den Nachmittag zu schlafen. Das ging zwölf Jahre lang gut.
Dann hatte Birkin genug von seinem Alkoholismus, von seinen Launen, seiner Dominanz, seiner Liebe, die sich immer häufiger in Besitzansprüchen, Wutanfällen und Gewalt äußerte. „Männer sahen mich oft als B-Seite der Platte“, zitiert die Autorin Marisa Meltzer sie in ihrer jüngsten Biografie, „It Girl“, aber sie wollte mehr sein als eine Muse, bemerkt Meltzer, sie wollte Künstlerin sein.
Wenige Tage vor seinem Tod hatte Gainsbourg seiner Tochter Charlotte einen Schlüssel in die Hand gedrückt. Als sie am 2. März 1991 das Haus betrat, fand sie ihn in seinem Schlafzimmer im ersten Stock. Ein nacktes Bein lugte unter dem Laken vor. Der Chansonnier, Schauspieler, Maler, Drehbuchschreiber, Autor und Filmemacher war im Alter von 62 Jahren gestorben. Ein fünfter Herzinfarkt.
Es war Selbstmord in Zeitlupe: Zigaretten, Alkohol, Exzesse. „Das Leben von beiden Seiten abbrennen“, wie die Franzosen das Spiel mit dem Feuer beschreiben. „Er hat zu viele Zigaretten getrunken“, stand in einem der Nachrufe. François Mitterrand, damals Präsident, lobte die Tatsache, dass er das Chanson zur hohen Kunst erhoben hatte. „Er war unser Baudelaire, unser Apollinaire“, so Mitterrand. Und das mit Liedern über Inzest, Tod in KZ oder einfach Gemüse.
1928 als Lucien Ginsburg, Sohn jüdischer Emigranten mit russisch-ukrainischen Wurzeln, in Paris geboren, ist er mit seiner unverkennbaren Visage zum Symbol seiner Zeit geworden: von den Jazzkellern in Saint-Germain-des-Prés zur Ikone der sexuellen Befreiung, Dandy und Provokateur bis zum bitteren Ende und fester Bestandteil des französischen Kulturerbes.
Ein großer Moment TV-Geschichte bleibt ein Interview, währenddessen er lallend einen 500-Franc-Schein aus der Tasche zog und mit dem Feuerzeug anzündete. Damals rauchte man noch in Fernsehstudios. Mit „Je t’aime, moi non plus“ eroberte er zusammen mit Birkin stöhnend die Charts. Viele Radios boykottierten den Welthit. Der Vatikan, so heißt es, exkommunizierte den italienischen Plattenverleger. Gainsbourg, das Genie.
Charlotte war 19, als sie ihren Vater verlor. Im Audioführer erzählt sie, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, wie sie sich damals neben seinen toten Körper legte und dort lange verharrte. Gefühlt hat dieser Abschied tagelang gedauert, sagt sie, die eigentliche Trauerphase allerdings Jahrzehnte.
Nach seinem Tod kaufte sie ihren drei Geschwistern und Miterben, zwei aus erster Ehe, ein jüngerer Bruder war nach der Beziehung zu Birkin geboren, die Anteile des Hauses ab. Sie veränderte nichts. Nur die großen Kunstwerke, eine Zeichnung von Paul Klee („Schlechte Nachrichten von den Sternen“), ein Gemälde von Salvador Dalí und das Originalmanuskript der Marseillaise, das Gainsbourg ersteigert hatte, kamen in einen Safe.
Der Rest blieb unangetastet und enthüllt das Wesen eines Mannes, der Moderne und Nostalgie, der Chaos und Ordnung auf rätselhafte Weise verband. In der winzigen Küche stehen die Gewürze in Reih und Glied, genauso wie er sie angeordnet hatte. Im Badezimmer wartet noch die Zahnpasta, im Schrank hängen ein paar wenige Hemden, darunter liegt seine Sammlung von weißen Ballettschuhen, den Richelieu Zizi von Repetto, die sein Markenzeichen waren. Er trug sie „selbst bei Eis und Schnee“, erklärt Charlotte.
„Ich tat so, als würde er wiederkommen. Ich habe auf sehr egoistische Weise nicht zu trauern gewusst. Das war meine Art, wie ich mit seinem Tod umgegangen bin“, erzählt sie im Nachhinein. Aber sie sagt auch, dass sie in das Haus ging, um sich zu „quälen“. Drei Jahrzehnte hat es gedauert, bis sie bereit war, „meinen Vater mit anderen Menschen zu teilen“.
Immer wieder ist das Projekt, sein Haus für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen, gescheitert. Stararchitekt Jean Nouvel hatte die Idee, es mit einem Glaskasten zu umhüllen. Die Besucher wären in Gondeln drum herumgeschwebt und hätten in die Räume geschaut wie in ein Puppenhaus.
Die Zimmer kann man auch heute nicht betreten, man steht an der Tür und blickt hinein. Im Schlafzimmer fällt der Blick auf eine persische Tapisserie mit Folterszenen. Hier, erzählt Charlotte, hätten sie auf einer großen Leinwand „Ladungen“ VHS-Kassetten amerikanischer Filme geschaut, die der Vater in einer Videothek auf den Champs-Élysées auslieh. „Wir gingen nie ins Kino oder ins Museum.“
Mit der Unterstützung eines Immobilieninvestors ist es Charlotte Gainsbourg gelungen, das Haus zugänglich zu machen, auf der gegenüberliegenden Seite ein Museum einzurichten und eine Bar, „Le Gainsbarre“, ganz in Schwarz. Keine zwei Jahre nach der Eröffnung des Komplexes haben die Betreiber vergangenes Jahr Konkurs angemeldet. Der Investor entpuppte sich als Betrüger, ein Freund kaufte dessen Anteile und rettete das Projekt.
Hätte es Serge Gainsbourg gefallen, aus seinem Haus ein Museum zu machen? In einem alten Video führt er einen Gast ins Wohnzimmer und kommentiert: „Ich weiß nicht, was das hier ist: Sitting Room, Musiksaal, Bordell, Museum?“ Schwer zu sagen. Es ist von allem etwas. Und es wirkt, als könne er jeden Augenblick zurückkehren und sich auf sein Empire-Sofa setzen – zwischen den Adlerflügeln der Lehnen, genau dort, wo sein Körper eine sichtbare Kuhle hinterlassen hat. Es mag das Haus eines einsamen Mannes sein, der die Einsamkeit nicht mochte. Es ist auch das Haus eines berühmten Künstlers, der den Ruhm nicht ertrug.