The Black Ball ist meine große Überraschung beim diesjährigen Filmfestival von Cannes. Das 155 Minuten lange queere Epos, das auf drei Zeitebenen von Krieg, Liebe und einer Leidenschaft erzählt, die fast die Leinwand abfackelt, hat mich regelrecht umgehauen. Der in Windeseile entfachte Hype um den Film ist offenbar auch Netflix aufgefallen. Der Streamer setzte sich im Bieterwettstreit gegen A24 und Mubi durch und soll rund 5 Millionen Dollar für die US-Rechte an The Black Ball geboten haben.
In The Black Ball kreuzen sich Schicksale zwischen 1932, 1937 und 2017
Im Auftakt flüchtet ein junger Mann während des spanischen Bürgerkriegs in eine Kirche. Aus einem Trümmerhaufen erhebt sich darin die Statue eines Märtyrers, der über die Jahrhunderte als Symbol queerer Lust aufgeladen wurde: der nackte, von Pfeilen durchbohrte Körper des heiligen Sebastian. Der junge Mann – sein Name ist ebenfalls Sébastian – klettert an dem Koloss entlang, bis er auf dem Trümmergipfel ankommt. Es ist ein monumentales Bild, das die Ambitionen hinter dem Film gleich zu Anfang proklamiert. Es gibt das Thema vor. Soeben wurde Sébastians Dorf von einem italienischen Fliegergeschwader beschossen, seine Mutter getötet. Sein Martyrium beginnt.
Es ist das Jahr 1937 und Sébastian (gespielt vom Sänger Guitarricadelafuente) trägt nun eine Uniform der von General Franco geführten Nationalisten. In einem improvisierten Stützpunkt der Faschisten tut er seinen Dienst, als der schwer verletzte republikanische Offizier Rafael (Miguel Bernardeau) eingeliefert wird. Wieder zusammengeflickt, wird der Gefangene für Verhöre am Leben gehalten, bevor er wie die anderen Verteidiger der spanischen Republik enden soll: vor einem Erschießungskommando. Der schüchterne Sébastian muss auf Rafael aufpassen. Die Begegnung weckt ein unbekanntes Verlangen in dem Wächter.
Dem erzählerischen Furor sei Dank kann man in The Black Ball in Sekundenschnelle vom repressiven Spanien der 30er zu einem Grindr-Chat im Jahr 2017 springen. In dieser Zeitebene muss sich der Historiker Alberto (Carlos González) wegen eines unerwarteten Erbes mit seiner Familiengeschichte auseinandersetzen.
Als Drittes gibt es eine Geschichte im Jahr 1932 und schenkt dem Film seinen Namen. Sie basiert auf einem Fragment des von den Nationalisten ermordeten schwulen Autors Federico García Lorca und fungiert als eine Art Schnittstelle zwischen den 30ern und den 2010ern. Carlos (Milo Quifes) wirbt auf Druck seines Vaters um den Beitritt zu einem lokalen Casino. Die Mitglieder müssen abstimmen: Eine weiße Kugel heißt «ja», eine Schwarze bedeutet «nein». Carlos wird wegen seiner Homosexualität abgelehnt.
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Sogar Penélope Cruz und Glenn Close schauen in dem mitreißenden Epos vorbei
The Black Ball feierte spät im Festival Premiere und fühlte sich vielleicht deswegen an, als hätte mir jemand eine Dosis puren Koffeins injiziert. Mit seinen 155 Minuten und der erzählerischen Spannweite queerer Erfahrungen von Unterdrückung und Konformitätszwang hätte der Film auch zur drögen Geschichtsstunde verkommen können.
Stattdessen setzen «Los Javis», wie das Regieduo Javier Ambrossi und Javier Calvo genannt wird, wirklich alles daran, um der Sehnsucht ihrer Figuren bildgewaltig Ausdruck zu verleihen – ob in wuchtigen Naturpanoramen oder regelrecht sakral aufgeladenen Momenten verbotener Zuneigung. Sogar Penélope Cruz, die eine schillernde Sängerin spielt, und Glenn Close (als Literaturprofessorin) fahren sie auf. Los Javis haben ihre bis dato größten Erfolge im Fernsehen gefeiert, mit den Serien La Mesías – Die Auserwählte und Veneno. Ihren zweiten Spielfilm pumpen sie nun voll mit Ideen und großen Gefühlen, die einen überwältigen sollen. Und das hat bei mir zumeist auch funktioniert.
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Gegen Ende wirkt das alles ein bisschen überfrachtet. Dann unterstreicht der Film seine Kernthesen über die persönliche und politische Bedeutung von Kunst in Zeiten der Repression doppelt und dreifach. Aber da hatte ich mein Herz schon an Sébastian und Rafael verloren. The Black Ball ist kein fehlerfreier Film. Aber wen interessiert schon Perfektion, wenn Rafael-Darsteller Miguel Bernardeau – bekannt als unausstehlicher/unwiderstehlicher Guzmán aus der Netflix-Serie Elite – in einem nordspanischen Hospital wie ein heiliger Sebastian aus Fleisch und Blut aufersteht?
Ich habe The Black Ball beim Filmfestival in Cannes 2026 gesehen, wo er seine Weltpremiere im Wettbewerb gefeiert hat. Einen deutschen Kinostart gibt es noch nicht.