Hier trifft Taylor Swift auf Bruce Springsteen: Der 14-fache Grammy-Gewinner Jack Antonoff, den man vor allem als den Produzenten Taylor Swifts kennt, veröffentlicht an diesem Freitag mit seiner Band Bleachers das sensationelle Album „Everyone For Ten Minutes“. Antonoff erzählt darin wortgewaltig im Pop-Outfit („You And Forever“), zur Akustikgitarre („Dancing“) oder angesoult („I’m Not Joking“) von Träumern, Liebenden und Rastlosen. Und näher als bei so großartig inszenierten Nummern wie „The Van“, „Take You Out Tonight“ oder „Dirty Wedding Dress“ kann man Springsteen kaum kommen, außer man ist selbst The Boss. Wir haben Antonoff zum Zoom-Interview getroffen und mit ihm über Freundschaften, Trauer und KI in der Musik gesprochen – und darüber, warum Bruce Springsteen für ihn bis heute eine Schlüsselfigur ist.
Mr. Antonoff, wir haben uns schon einmal getroffen – vor 13 Jahren. Damals habe ich backstage ein Interview mit Ihnen, Nate Ruess und Andrew Dost geführt, bevor Sie mit ihrer Band Fun im Astra in Berlin gespielt haben. Immer wenn heute jemand Ihren Namen erwähnt, gebe ich an und sage „Den hab ich schon gekannt, bevor er so berühmt war.“ Ich hoffe, das ist okay für Sie.
Klar. Ich erinnere mich noch gut an diese frühen Deutschlandreisen. Wir konnten damals selbst kaum glauben, was gerade mit uns passiert.
Hatten Sie damals schon eine Vorstellung davon, wohin Ihre Karriere führen könnte?
Nein. Künstlerisch hatte ich schon eine Idee davon, wohin ich wollte. Aber alles, was danach passiert ist, hätte ich mir niemals ausmalen können.
Jack Antonoff bei einem Konzert mit den Bleachers Foto: imago/Avalon.red
Auf dem neuen Album geht es an einigen Stellen auch um jene Jahre, zum Beispiel in „We Should Talk“. Viele Songs handeln von komplizierten Freundschaften. Glauben Sie, dass zerbrochene Freundschaften manchmal mehr wehtun als Liebesbeziehungen?
Ja, manchmal schon. Für Trennungen in Beziehungen gibt es eine ganze Kultur des Verarbeitens – Ratschläge, Geschichten, Erfahrungen. Bei Freundschaften ist das anders. Wenn man sich mit einem Freund oder einer Freundin entfremdet, fühlt sich das oft sehr einsam an. Es ist schwer, darüber zu sprechen, und viele Menschen nehmen diesen Schmerz nicht ernst. Deshalb wollte ich darüber schreiben. Besonders „We Should Talk“ versucht das einzuordnen. Manche Menschen kommen nur für eine bestimmte Phase in unser Leben. Man sucht dann oft nach einem Grund, will wütend sein oder eine Erklärung finden – aber manchmal gibt es schlicht keinen anderen Grund als den Lauf der Zeit. Ich wollte einen Song schreiben, der sich eher wie eine Frage anfühlt. Genau das ist „We Should Talk“ für mich.
Werden Bands wirklich zu Familien – oder ist das nur ein Mythos, den Musiker gern erzählen?
Nein, absolut. Wir essen zusammen, streiten zusammen, reden miteinander wie Familienmitglieder. Vor allem verbringt man unfassbar viel Zeit miteinander. Je älter man wird, desto gezielter verbringt man normalerweise Zeit mit anderen Menschen. Aber in einer Band erlebt man dieses ganze alltägliche Leben gemeinsam: Reisen, Hotels, Backstage warten, einfach nur herumhängen. Diese vielen kleinen, unspektakulären Momente machen die Beziehung so besonders.
Ihre Liebeslieder handeln oft weniger vom Verliebtsein selbst als vielmehr davon, gerettet zu werden. Würden Sie sagen, dass das stimmt?
Ja, wahrscheinlich schon. Mich interessiert immer eher die dunklere Seite von Dingen. Ich habe vor Kurzem geheiratet – und das war das größte Geschenk meines Lebens. Aber ich sitze trotzdem nicht da und schreibe Songs wie: „Super, ich habe jetzt meinen Menschen gefunden.“ Viel interessanter finde ich die Frage, was danach passiert. Selbst wenn man den richtigen Menschen gefunden hat, bleibt man ja trotzdem man selbst. Man trägt weiterhin all seine Dämonen mit sich herum. Natürlich gibt es dieses Gefühl von Heilung und Rettung – aber gleichzeitig verschwinden die eigenen seltsamen Kanten eben nicht. Für mich erzählen genau diese Widersprüche die ehrlichere Geschichte. Und irgendwie auch die romantischere. Der erste Bleachers-Song war „I Wanna Get Better“. Manche halten ihn für deprimierend, aber für mich ist er extrem hoffnungsvoll. Genauso empfinde ich Songs darüber, gerettet zu werden oder sich selbst trotzdem nie ganz entkommen zu können. Schon darüber sprechen zu können, ist eigentlich etwas Hoffnungsvolles.
Jack Antonoff mit der Schauspielerin Margaret Qualley, mit der er seit 2023 verheiratet ist. Foto: imago/Janet Mayer
Ein weiteres großes Thema Ihrer Musik ist Trauer. Glauben Sie, dass Menschen Verluste jemals wirklich überwinden – oder lernen sie nur, damit zu leben?
Ich glaube nicht, dass es jemals wirklich besser wird. Es wird nur handhabbarer. Stellen Sie sich einen leeren Raum vor, in den jemand eine riesige Kiste voller Trauer stellt. Am Anfang ist das alles, was man sieht. Mit der Zeit kommen andere Dinge dazu. Irgendwann betritt man den Raum, und die Trauer ist nicht mehr das Einzige darin – aber sie ist immer noch da. Und wenn man sie sieht, sieht man sie vollkommen. Das ist gleichzeitig furchteinflößend und wunderschön. Genau darum geht es in „Can’t Believe You’re Gone“. Trauer funktioniert seltsam: Man hat vielleicht eine gute Woche oder einen guten Monat – und plötzlich sieht man irgendetwas, das einen sofort wieder komplett in dieses Gefühl zurückzieht. Nicht nur als Erinnerung, sondern mit voller Wucht. Das ist eine unglaublich intensive Erfahrung.
Wenn Sie nicht gerade Alben mit den Bleachers veröffentlichen, arbeiten Sie als Songwriter und Produzent mit Taylor Swift, Lana Del Rey oder Sabrina Carpenter zusammen. Sind eigentlich das Liederschreiben und das Produzieren zwei ganz unterschiedliche Jobs? Oder gehört das Nachdenken darüber, wie ein Song klingen soll, immer schon zum Schreiben dazu?
Die beiden Dinge sind gleichzeitig komplett miteinander verbunden und völlig unterschiedlich. Aber das Ziel ist identisch: ein Gefühl in etwas Reales zu verwandeln.
In den vergangenen Jahren hat sich vieles verändert, auch durch KI. Ist Künstliche Intelligenz für Sie aktuell die größte Gefahr für Musik?
Echte Künstler interessiert das ehrlich gesagt kaum. Aber ich glaube schon, dass KI dazu genutzt wird, ohnehin schon kämpfenden Künstlern das Leben noch schwerer zu machen. Aus künstlerischer Sicht mache ich mir allerdings wenig Sorgen. Kein echter Künstler denkt darüber ernsthaft nach.
Glauben Sie, dass das Publikum den Unterschied zwischen echter Kunst und KI-generierter Musik erkennt?
Ja, die Menschen spüren das. Ich glaube grundsätzlich daran, dass Menschen ziemlich klug sind. Diese Erfahrung habe ich immer wieder gemacht: Wenn man an Menschen glaubt, bekommt man auch die beste Version von ihnen zurück.
Was macht Ihnen mehr Angst: irrelevant zu werden oder missverstanden zu werden?
Darüber denke ich ehrlich gesagt kaum nach. Und das sage ich nicht, um auszuweichen. Wenn man Musik macht, darf man nicht ständig darüber nachdenken, wie andere reagieren könnten. Natürlich hat man manchmal irgendwelche seltsamen Gedanken im Kopf, aber die verschwinden schnell wieder. Beim Musikmachen ist man so fokussiert, dass eigentlich nur zählt, dem ehrlichsten Gefühl zu folgen. Sobald man zu viel darüber nachdenkt, was andere denken könnten, verliert man den Zugang dazu.
Auf dem Album gibt es einige sehr große Bruce-Springsteen-Momente – besonders in „Dirty Wedding Dress“ oder „Take You Out Tonight“. Da klingen die Bleachers so grandios wie Bruce Springsteens E Street Band. Wie wichtig ist Springsteen für Sie?
Enorm wichtig. Ich bin in New Jersey geboren und aufgewachsen, lebe immer noch hier – das ist mein musikalisches Zuhause. Und Bruce ist derjenige, der diesen Sound in die ganze Welt getragen hat.
Bruce Springsteen gehört auch zu den lautesten Stimmen gegen Trumps Amerika. Glauben Sie, dieser Kampf lohnt sich noch? Können die USA überhaupt noch gerettet werden?
Ich glaube grundsätzlich daran, dass alles gerettet werden kann. Damit muss man anfangen. Politik und Kultur werden allerdings immer chaotisch bleiben. Aber wenn Menschlichkeit wenigstens noch Teil der Diskussion ist, dann kann es deutlich besser werden als das, was wir gerade erleben. Denn das hier ist offensichtlich ein Tiefpunkt. Ich glaube nicht daran, dass einzelne Menschen plötzlich alles „reparieren“. Aber ich glaube daran, dass Dinge ansteckend sind. Hass ist ansteckend. Nihilismus ist ansteckend. Hoffnung ist ansteckend. Liebe ist ansteckend. Und deshalb will ich Teil einer Bewegung nach vorne sein – nicht jemand, der behauptet, die komplette Lösung zu haben.
Wenn Sie sich entscheiden müssten, entweder das nächste Bruce-Springsteen-Album oder das nächste Taylor-Swift-Album zu produzieren – welches würden Sie wählen?
(lacht) Das ist eine fiese Frage. Aber die ehrliche Antwort ist: Es würde komplett davon abhängen, wie sich das Gespräch mit der jeweiligen Person in diesem Moment anfühlt. Beim Produzieren geht es nicht darum, wie sehr man jemanden mag oder wie sehr man dessen Musik liebt. Es geht darum, ob man dieselbe Vision spürt. Deshalb kann ich mich da wirklich nicht festlegen.
Dann noch eine letzte Frage: 2013 in Berlin haben Sie eine ziemlich chaotische Version von Billy Joels „We Didn’t Start the Fire“ gespielt. Machen Sie solche spontanen Cover öfter? Und welchen Song covern Sie dann, wenn Sie im November wieder in Berlin auftreten?
Ich covere eigentlich immer gern lokale Musik. Vielleicht würde ich heute etwas von den Einstürzenden Neubauten spielen. Aber ehrlich gesagt erinnere ich mich überhaupt nicht daran, jemals „We Didn’t Start the Fire“ gespielt zu haben.
Doch haben Sie, ich war da.
(lacht) Verrückt. Diese Zeit war ohnehin total chaotisch. Damals dachte ich, das wäre mein ganzes Leben und ich würde für immer nur mit dieser einen Sache verbunden werden. Wenn Leute heute davon erzählen – was nicht oft passiert –, erinnert mich das daran, wie aufregend diese Zeit war. Aber auch daran, wie gestresst ich damals permanent gewesen bin. Darüber könnten wir eigentlich ein komplett eigenes Interview führen.
Jack Antonoff und Bleachers
Person
Jack Antonoff wird 1984 in Bergenfield, New Jersey, geboren. Er hat als Songwriter und Produzent mit Taylor Swift, Lorde, Lana Del Rey, St. Vincent, Pink, Kendrick Lamar oder Sabrina Carpenter gearbeitet. Er wurde bisher insgesamt mit 14 Grammys ausgezeichnet – darunter auch als Produzent des Jahres. Seit 2023 ist er mit der Schauspielerin Margaret Qualley verheiratet.
Band
Jack Antonoff hat im Jahr 2014 die Band Bleachers gegründet, die am Freitag, 22. Mai, ihr fünftes Studioalbum, „Everyone For Ten Minutes“ (Dirty Hill), veröffentlicht hat. Die Blechers geben im November vier Konzerte in Deutschland. Sie treten am 7. November in der Tonhalle München (ausverkauft), am 9. und 10. November in der Berliner Columbiahalle und am 15. November in der Hamburger Sporthalle auf. Tickets gibt es hier.