Wo sind wir nicht überall gewesen mit der „Dark Pictures“-Reihe?! Auf einem Geisterschiff, in einem verlassenen Dorf mit Hexen-Vergangenheit, in einem unterirdischen Höhlensystem während des Irak-Kriegs und im Horror-Hotel von H. H. Holmes.

Das Spielprinzip dieser Horrorspiel-Reihe aus der Schmiede der „Until Dawn“-Macher ist alt und bewährt: Wir steuern abwechselnd fünf Leute aus der Third-Person-Perspektive und versuchen, durch mehr oder minder kluge Dialog-Entscheidungen und das Überstehen von Quick-Time-Events (das frenetische Hämmern auf die richtige Taste am Controller zur richtigen Zeit) möglichst alle vor dem Tod zu bewahren. Das war manchmal träge und ausgesprochen mittelmäßig, manchmal aber auch wirklich spannend. Oft zum Fremdschämen waren die schlechten Teenie-Dialoge, die deutlich machten, dass wir teilweise Figuren spielten, die die tiefen Teller nicht erfunden haben.

Information

Kaufempfehlung
Für wen lohnt sich „Directive 8020“?

Horror- und Sci-Fi-Fans: Wer Filme wie „Event Horizon“, „Alien“ oder „The Thing“ liebt, bekommt hier ein intensives Survival-Horror-Abenteuer voller Misstrauen, Isolation und paranoider Spannung.

Fans der „Dark Pictures“-Reihe: Der bislang stärkste Teil der Anthologie entwickelt die bekannte Formel spürbar weiter – mit mehr Atmosphäre, stärkerem Writing und deutlich höherem emotionalem Druck.

Story- und Entscheidungs-Fans: Die verzweigte Handlung, moralischen Konflikte und schweren Entscheidungen sorgen dafür, dass sich jede Szene bedeutungsvoll anfühlt. Besonders die Gruppenpsychologie funktioniert hervorragend.

Spieler, die cineastische Horror-Erlebnisse mögen: Die dichte Inszenierung, das starke Sounddesign und die klaustrophobische Raumstation erzeugen eine fast durchgehend nervenaufreibende Stimmung.

Eher nichts für: Spieler, die eher passiven Horror bevorzugen oder mit Stealth-Passagen und Quick-Time-Events wenig anfangen können. Auch die deutsche Synchronisation kann die Atmosphäre stellenweise unnötig brechen.

„Directive 8020“, der erste Teil der zweiten Staffel, verlegt den Schrecken nun ins Weltall und wird erstmals erwachsen: Auf dem Kolonieschiff Cassiopeia erleben wir einen paranoiden Überlebenskampf gegen eine außerirdische Lebensform, die ihre Opfer perfekt imitieren kann. Wer ist Freund, wer ist Feind, wenn beide dasselbe Gesicht tragen? Wahnsinnig gut gemacht! Schon nach wenigen Minuten ist uns klar: „Directive 8020“ arbeitet mit wesentlich mehr Druck, Unruhe und Atmosphäre – und scheint von allerlei Spielen wie „Dead Space“ und Filmen wie „Passengers“ und „Event Horizon“ gelernt zu haben. Unsere Crew ist isoliert, der Gegner ist fast unsichtbar, und jede unserer Entscheidungen fühlt sich falsch an. Ganz ohne Schwächen ist das alles aber trotzdem nicht. Schlüpfen wir rein, in den Raumanzug!

Worum geht’s in „Directive 8020“?

Wir sind mit dem Kolonieschiff „Cassiopeia“ im Weltall unterwegs und haben nicht die Pest an Bord, aber etwas Ähnliches. - © Supermassive Games

Wir sind mit dem Kolonieschiff „Cassiopeia“ im Weltall unterwegs und haben nicht die Pest an Bord, aber etwas Ähnliches.
(© Supermassive Games)

Die Erde geht zugrunde (natürlich!), und die Menschheit klammert sich nun an den Planeten mit dem flüssig auszusprechenden Namen Tau Ceti f als letzte Hoffnung für eine neue Heimat. Den Planeten gibt’s übrigens wirklich, und er gilt laut Wikipedia und der dort angegebenen Quelle als „der potenziell bewohnbarste Exoplanet, der einen sonnenähnlichen Stern umkreist“.

Wir sind mit unserer Crew, die zunächst noch überwiegend im Kälteschlaf liegt, und unserem Schiff „Cassiopeia“ unterwegs zum Planeten, um dort nach Antworten suchen. Statt der Rettung für die Menschheit gibt es allerdings einen Absturz und statt Neuanfang eine ziemlich feindliche Umgebung. Ich dem riesigen Stahlkorsett haben wir es mit einem Gegner zu tun, der sich in uns selbst verbergen kann. Und genau daraus zieht „Directive 8020“ seinen Reiz: aus Misstrauen, beängstigender Isolation und der Frage, wem man überhaupt noch trauen kann. Bist du Monster oder Freund?

Supermassive verkauft das als filmisches Survival-Horror-Abenteuer mit verzweigter Geschichte, echten Konsequenzen und neuen Gameplay-Elementen wie Echtzeitgefahren und Schleichen. Neu ist vor allem das Gefühl, endlich einen ernst zu nehmenden Survival-Horror zu spielen.

Was hat uns gefallen?

„Directive 8020“ ist das erste „Dark Pictures“-Spiel, das uns von Sekunde eins an dramatisch in den Bann gezogen hat: Die klaustrophobischen Korridore, die kalte Technik, das Spiel von Licht, Schatten und Dunkelheit, das dauernde Gefühl, abgeschnitten und allein im leeren und stillen Raum schutzlos allem ausgeliefert zu sein, erzeugen eine Spannung, die bei den Kulissen früherer Teile oft nur angedeutet wurde. Der Horror von „Directive 8020“ hat uns beim Spielen schwerwiegend nervös gemacht.

Hier sind wir in den Versorgungsschächten unterwegs. Manchmal nutzen wir sie zur Flucht, manchmal müssenm wir rein, um den Feind aufzuspüren. Nur: was lauert an der nächste Wegbiegung? - © Supermassive Games

Hier sind wir in den Versorgungsschächten unterwegs. Manchmal nutzen wir sie zur Flucht, manchmal müssenm wir rein, um den Feind aufzuspüren. Nur: was lauert an der nächste Wegbiegung?
(© Supermassive Games)

In einer der acht Episoden zum Beispiel haben wir die Gefahr bereits ausgemacht und vermuten sie in den Versorgungsschächten des riesigen Schiffes. Wir müssen da rein, und zur Sicherheit der restlichen Besatzung wird hinter uns jedes Schott geschlossen, das wir passieren. Die Spannung, die das erzeugt, ist körperlich spürbar, weil sie mit allen Facetten ausgespielt wird, die das haben kann: In völliger Anspannung vermuten wir hinter jeder Wegbiegung einen Gegner. Lassen wir die Taschenlampe an oder verrät sie uns? Wie sehr können wir die neue Schleichfunktion nutzen, wenn wir uns ohnehin kriechen fortbewegen? Und sind die Geräusche, die wir hören, die des Schiffes oder die des Gegners?

Das Spiel nutzt in seiner Dramaturgie außerdem oft Livebilder von Überwachungskameras, die wir nutzen können. Ehrlicherweise haben wir den Thrill dahinter zunächst nicht verstanden, denn auf den ersten Bildern haben wir in die Schlafsäle schauen können. Oder in die leeren Labore, medizinischen Anlagen oder ins Maschinendeck. Aber als wir zu einer weiteren Kamera umschalten, sehen wir am Bildrand eine Bewegung. Das Bild ist krisselig, aber wir sehen: Da geht jemand herum, der da nicht sein dürfte. Die Person geht durch eine Tür. Wir schalten eine Kamera weiter und sehen die Person im nächsten Raum. Und denken sofort: Den Raum kennen wir doch! Da waren wir gerade noch!! Die Person ist hinter uns!!! Und sprinten sofort in Deckung. Und dann passiert zunächst nichts. Lange passiert nichts. Wir denken: Wir haben uns getäuscht. Komm, wir gehen weiter. Und dann: tschschsch … geht die Tür auf.

Wer bin ich, und wenn ja, wie viele? Gejagt von einem außerirdischen Organismus, der die Gestalt seiner Beute annimmt, ist oft die Frage: wie echt ist der Mensch noch, der mir gegenübersteht? - © Supermassive Games

Wer bin ich, und wenn ja, wie viele? Gejagt von einem außerirdischen Organismus, der die Gestalt seiner Beute annimmt, ist oft die Frage: wie echt ist der Mensch noch, der mir gegenübersteht?
(© Supermassive Games)

Besonders gut tut der Reihe, dass sie endlich noch mehr Barrierefreiheit zulässt. Die neue Mechanik der „Wendepunkte“, also der Möglichkeit des Zurückspulens von wichtigen Entscheidungen, ist eine kluge Reaktion auf die Frustration, dass man sich in diesen Spielen oft für ein Verhalten bestraft fühlt, das man gerne ungeschehen machen würde. Die Entwickler haben das bereits in dem leider von der Kritik völlig unverstandenen Knaller-Spiel „The Casting of Frank Stone“ mit der sogenannten „Schnittraum-Etage“ etabliert. Uns persönlich gibt diese Mechanik bei „Directive 8020“ nichts, denn wir wollen das Spiel erleben und ersterben wie eh und je, aber es ist dennoch eine lobenswerte Alternative für all jene, die früher an diesen Wendepunkten sagen mussten: „Na gut, dann stirbt eben jemand, weil mein Finger zu spät gezuckt hat.“

Mit Licht und Schatten und purer Dunkelheit spielt

Mit Licht und Schatten und purer Dunkelheit spielt «Directive 8020» sehr gerne, und es sieht hervorragend aus.
(© Supermassive Games)

„Directive 8020“ ist insgesamt lebendiger geworden, auch wenn es uns immer noch auf vielfältige Weise nach dem Leben trachtet. Die Geschichte ist schön eng geführt, die Figurenkonstellation trägt uns wesentlich besser als bei den Vorgängern durch das Spiel, und die Entscheidungen fallen gefühlt wesentlich stärker ins Gewicht als bisher. Ja, es gibt auch noch sehr schöne Jumpscares und fiese Schicksalsschläge, aber insgesamt fokussiert sich der neueste Teil wesentlich stärker auf das sich entwickelnde gegensätzliche Misstrauen, auf moralischen Druck und allgemeine Gruppenpsychologie. Und das hat uns ungeheuren Spaß gemacht und zugleich an unserem Nervenkostüm gezerrt!

Über die Spielzeit lässt sich streiten. Wir haben Rezensionen gelesen, die die recht kurze Spielzeit von sechs bis acht Stunden für einen Durchlauf bemängelten. Uns hat die Kürze dagegen sehr zugesagt: Das Spiel bleibt dadurch schön unter Spannung, anstatt sich wie manche Vorgänger in der eigenen Bedeutung zu verlieren. Gerade bei diesen Horror-Adventures ist das ein echter Gewinn. Lieber acht konzentrierte Episoden mit sauberem Puls als zwölf Stunden lähmende Ziellosigkeit. Das scheint Supermassive begriffen zu haben.

Was hat uns nicht gefallen?

Die Charakterauswahl: Die Pilotin Brianna Young ist eine der Hauptfiguren in „The Dark Pictures: Directive 8020“. - © Supermassive Games

Die Charakterauswahl: Die Pilotin Brianna Young ist eine der Hauptfiguren in „The Dark Pictures: Directive 8020“.
(© Supermassive Games)

Vor allem machen wir ein Fragezeichen an die neuen Stealth-Passagen. Wiederholt drängt uns das Spiel in diesen Mechanismus, und es fühlt sich leider nicht immer elegant an, wie das in die Dramaturgie eingebettet wird. Es ist eher ein: Ach, da stehen ja Kisten, lass uns die Leute doch mal zwingen, dahinter in Deckung zu gehen – wir können ja jetzt Stealth! Und schickt das Monster in den Raum!

Einige Tests sprechen von technischen Problemen. Die sind uns bei unserem Test auf der Playstation 5 Pro nicht aufgefallen, im Gegenteil: Das Spiel läuft bei uns flüssig, ohne Ruckler oder Glitches. Die deutsche Sprachausgabe ist jedoch noch immer gewöhnungsbedürftig. Zwar hat sich der Ton von unfreiwillig komischem Teeniegeplapper auf erwachsene und nachvollziehbare Dialoge verstärkt, aber die werden teilweise so emotionslos vorgetragen, dass wir eher empfehlen würden, auf die englische Sprachfassung umzustellen und dann auch die Originalstimmen von Lashana Lynch (als Brianna Young) zu genießen, gegebenenfalls mit deutschen Untertiteln.

Denn die fantastische filmische Inszenierung bekommt einen Bruch, wenn etwa Tomas Carter direkt in der ersten Episode eine Videobotschaft seiner Frau und seiner kleinen Tochter ansieht, die ihn schwer vermissen, und er antwortet auf die Frage seiner Kollegin, wie oft er sich das schon angesehen habe: „Hab aufgehört, zu zählen.“ Hölzern, völlig ohne Emotion, ohne Wärme. Sein Gesicht dagegen ist traurig. Neue Kameraeinstellung. Carter: „Antenne voll funktionsfähig. Das ist gut für die Mission.“ Man wird das Gefühl nicht los, dass die Sprecher eine Schulung in Hauptsatz-Kommunikation bekommen haben, aber nicht in Emotionalität. Die Originalversion ist um Längen besser!

Ein letzter Punkt noch: Wer vor allem nach dem klassischen „Dark Pictures“-Gefühl aus Staffel eins sucht, könnte „Directive 8020“ als kleinen, unangenehmen Kulturbruch empfinden. Denn das Spiel will wesentlich aktiver gespielt werden. Das sehen wir grundsätzlich als Fortschritt, aber es ist eben auch eine Verschiebung. Nicht jeder Horrorfreund liebt es, wenn das Spiel plötzlich mehr von einem verlangt, als panisch die eigenen Konsequenzen zu betrachten …

Unser Fazit zu „Directive 8020“

„Directive 8020“ ist das wichtigste und beste Spiel der ganzen Reihe! Misstrauen, Identitätsangst, moralischer Druck und eine klaustrophobische Endzeitlage prägen das gesamte Design und fesselten uns fast die gesamte Zeit. Wer die Vorgänger gespielt hat, merkt sofort, mit wie viel mehr Wucht hier inszeniert wird.

Und ja: Das hier ist der Oberknaller! Endlich arbeitet Supermassive mit echter Konsequenz! „Directive 8020“ zeigt, dass diese Reihe mehr kann als atmosphärische Routine. Es ist das bisher spannendste „Dark Pictures“-Spiel, weil es endlich etwas wagt. Wir können nur hoffen, dass der nächste Teil diese Stärke beibehält. Und dass es bitte nicht wieder vier Jahre dauert, bis wir weiterspielen können.

„The Dark Pictures Anthology: Directive 8020“ ist seit dem 12. Mai 2026 für Playstation 5, Xbox Series X|S und PC via Steam verfügbar und kostet rund 50 Euro. Das Spiel ist freigegeben ab 18 Jahren.

Transparenzhinweis: Für den Test wurde uns vom Publisher ein kostenloses Review-Exemplar zur Verfügung gestellt. Dies hatte keinen Einfluss auf unsere Wertung. Wir haben das Spiel auf der PS5 Pro getestet.

Teilwertungen:

Gameplay: 8/10
Story / Präsentation: 9/10
Technik: 8/10
Umfang / Content: 7/10
Innovation: 8/10

Gesamtbewertung: 8/10

«>

Empfohlener redaktioneller Inhalt

Wir bieten an dieser Stelle weitere externe Informationen zu dem Artikel an. Mit einem Klick können Sie sich diese anzeigen lassen und auch wieder ausblenden.

Wenn Sie sich externe Inhalte anzeigen lassen, erklären Sie sich damit einverstanden, dass personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Weitere Hinweise dazu finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.