Darstellerische Kraft

Überhaupt vertraut Marston stark auf die darstellerische Kraft der Tänzerinnen und Tänzer. Jede Nebenfigur erhält Kontur. Kampfszenen wirken teilweise wie brasilianische Capoeira–Kunst.  Charles-Louis Yoshiyama gibt einen brillanten Mercutio – charmant, überdreht, tragisch. Gerade sein Tod markiert den emotionalen Kipppunkt des Abends: Aus jugendlichem Übermut wird plötzlich tödlicher Ernst. Esteban Berlanga stattet Tybalt mit explosiver Aggressivität aus, während Yun-Su Park als Lady Capulet eine fast eisige Strenge entwickelt.

Die Partitur mit ganzer Wucht

Musikalisch wurde die Premiere durch Gianandrea Noseda mit dem Orchester der Oper Zürich prächtig getragen. Prokofjews Partitur entfaltete ihre ganze Wucht – mal brutal rhythmisch, mal von melancholischer Zartheit. Noseda lässt die Musik atmen und schafft jene gefährliche Spannung, die dieses Werk bis heute so modern erscheinen lässt. Zwischenapplaus und Bravorufe adelten sein Dirigat und die Leistung des Orchesters.

Reduzierte Eleganz

Visuell setzt die Produktion auf reduzierte Eleganz. David Fleischers Bühne und Kostüme verzichten auf opulente Renaissancefolklore und konzentrieren sich stattdessen auf atmosphärische Räume aus Licht, Schatten und klaren Linien. Gerade diese Zurückhaltung verleiht den grossen Ensembleszenen enorme Wirkung. Wenn sich das Corps de Ballet wie eine bedrohliche soziale Masse formiert, wird spürbar, wie sehr diese Gesellschaft ihre Kinder erdrückt.

Einbindung des Junior Balletts

Bemerkenswert auch die Einbindung des Junior Balletts, das sich organisch in die Produktion einfügt und den Massenszenen jugendliche Dynamik verlieh. Selten wirkte die Welt Veronas so lebendig und gleichzeitig so gefährlich.

Marstons Zugriff folgt dabei weniger dem klassischen Handlungsballett als einer modernen Lesart der Vorlage. Ihre «Romeo und Julia»-Version interessiert sich sichtbar für die politischen und gesellschaftlichen Dimensionen des Stoffes – für Hass, patriarchale Machtstrukturen und die Gewalt kollektiver Systeme. Dass diese Themen heute erschreckend aktuell erscheinen, machte den Abend zusätzlich eindringlich und sorgte für Gänsehautmomente.

Begeisterung und Ergriffenheit

Am Ende herrschte im Opernhaus jene seltene Mischung aus Begeisterung und Ergriffenheit, die nur grosse Premieren erzeugen können. Cathy Marston hat mit dieser Uraufführung kein museales Shakespeare-Ballett geschaffen, sondern es ist ihr ein intensives Tanzdrama unserer Zeit gelungen – klug erzählt, exzellent getanzt und emotional überwältigend. Das Ballett Zürich hat damit womöglich bereits einen neuen Repertoireklassiker.