Ihren ersten öffentlichen Mozart spielte die Geigerin Anne-Sophie Mutter mit neun Jahren: das „kleine“ D-Dur-Violinkonzert (KV 211), begleitet von einem Provinzorchester. Nur vier Jahre später debütierte sie bei den Salzburger Pfingstkonzerten mit dem G-Dur-Konzert KV 216 unter der Leitung ihres Entdeckers und Mentors Herbert von Karajan. Für sie ist der Komponist ein „Fixpunkt und zugleich eine Variable“. Das gilt auch für das Programm, mit dem die Künstlerin am 4. Juni (20 Uhr) im Rahmen der Heinersdorff-Reihe „Faszination Klassik“ in die Tonhalle zurückkehrt.
Vom Wunderkind aus Rheinfelden im Südwesten Baden‑Württembergs führte ihr Weg früh auf internationale Konzertbühnen. In diesen Tagen ist sie anlässlich ihres 50. Bühnenjubiläums mit den Berliner Barock-Solisten auf Tournee, einem Ensemble, dem sie seit vielen Jahren eng verbunden ist. Gemeinsam präsentieren sie ein Programm, das Linien vom Barock bis zum Jazz zieht. Anne-Sophie Mutter, die als Solistin zugleich die Leitung übernimmt, hat Mozarts erstes und letztes Violinkonzert als Klammer gewählt. An den Konzerten Nr. 1 (B-Dur KV 207) und Nr. 5 (A-Dur KV 219) lässt sich exemplarisch ablesen, wie rasant sich der Komponist in diesen Jahren entwickelt hat. Der Klang türkischer Militärkapellen, eine säbelrasselnde „Janitscharenmusik“, hat den Finalsatz des A-Dur-Konzerts besonders berühmt gemacht.
Als europäische Erstaufführung führt Anne-Sophie Mutter ein Solo-Stück der Iranerin Aftab Darvishi auf, das sie selbst in Auftrag gegeben hat: „Es ist mir wichtig, den Frauen im Iran eine Stimme zu geben durch die Musik.“ Als Inspirationsquelle für das Werk mit dem Titel „Likoo“ nennt die Komponistin die Gesänge aus der Grenzregion des Iran zu Pakistan und Afghanistan, die entweder auf der Laute oder einer Art Flöte gespielt werden. Die Geigerin ergänzt: „Ich wollte dezidiert einen Klagegesang von uns Frauen über alles, was wir verloren haben in unserem Leben.“
Ein Werk ihres langjährigen musikalischen Weggefährten André Previn hat die Künstlerin ebenfalls in ihr Programm aufgenommen. Sein Violinkonzert Nr. 2 mit zwei Cembalo-Interludien greift Previns Erfahrung als Jazz-Pianist auf und erinnert mit den ausführlichen Cembalo-Zwischenspielen zugleich an die Barockmusik.
Zum 50‑jährigen Bühnenjubiläum hat Anne‑Sophie Mutter ein weiteres Projekt: Sie will endlich alle für sie geschriebenen Werke einspielen. „Likoo“ ist eine der Kompositionen, für deren Weiterleben sie sich einsetzen will.