Manchmal macht es sich der Algorithmus zu einfach. Es ist ja nicht so, dass man sich gleich begeistert auf und in alle Serien stürzen möchte, die etwas mit High School respektive Universität, Liebesdrama und Eishockey zu tun haben, nur weil man „Maxton Hall“ (absurd schlecht), „The Summer I turned pretty“ (zwiespältig) und „Heated Rivalry“ (hach…!) gesehen hat.

Mit der subtilen Psychologie von „HR“ hat diese College-Romanze in der Tat leider so viel zu tun, wie Wimbledon mit dem Federballspiel im Park. Und trotzdem wäre es ein Fehler, „Off Campus“ komplett zu ignorieren. Die Serie ist konventionell und kitschig und zeigt dennoch (oder gerade deswegen), was sich in den letzten Jahren im Serien-Genre verändert hat. Zum Guten.

Eigentlich ist „Off Campus“ eine beinahe ermüdend klassische „Boy meets Girl“-Story, deren Plot schon so oft erzählt wurde, dass man sich zwischendurch fragt, ob man die Serie nicht vielleicht doch schon mal gesehen hat.

Hat man, in verschiedenen Variationen: Die schöne, kluge Hannah trifft auf Garrett, den sexy Kapitän des Sportteams (in diesem Fall ist es halt Eishockey), der ist Frauenschwarm und auch ein bisschen Bad Boy. Sie hilft ihm als Nachhilfelehrerin, den Philosophie-Kurs an der Uni zu bestehen, er gibt sich im Gegenzug als ihr Freund aus, um den Typen, den sie eigentlich mag, eifersüchtig zu machen. Denn – so die Grundphilosophie männlichen Paarungsverhaltens: Männer wollen immer das, was sie nicht haben können – eine These, die an anderer Stelle eine gründliche Analyse wert wäre.

Man muss keine Medienwissenschaftlerin sein, um die Plotentwicklung vorauszusehen, die unter anderem vorsieht, dass sich das Fake-Liebespaar schließlich zu einem echten entwickelt.

Spannender sind die Nebenstränge und „Back-Stories“, in denen überraschend schonungslos gesellschaftliche Problemfelder verhandelt werden: häusliche Gewalt, Vergewaltigung, familiäre Traumata, toxische Männlichkeit – alles Themen, die schon vor 20 Jahren erschreckend aktuell waren, in einer Teenie-Serie aber, wenn überhaupt, nur am Rande aufgetaucht sind. Zwar wirkt das zum Teil arg konstruiert – Bonus-Punkte für den guten Willen kriegen die Drehbuchschreiberinnen und -schreiber aber allemal.

Neben der Hauptrolle der klugen, schönen, musikalisch begabten Hannah ist da noch ihre beste Freundin Allie, der ebenso schöne, kreative, etwas unvernünftige, aber gleichzeitig irre romantisch veranlagte Sidekick. Sie liebt Sex, ist immer wieder halb (oder auch ganz nackt) zu sehen, sehnt sich aber eigentlich nach einer festen Beziehung. Das ist so konventionell, dass es nervt, zumal die persönlichen Entwicklungen der beiden Figuren in eine Art Alibi-Handlung gepresst werden und eher Mittel zum Zweck sind – der in beiden Fällen letztlich darin besteht, sich den perfekten Mann zu angeln. Immerhin agieren beide Frauen darin selbstbestimmt statt nur reaktiv, warten nicht, bis sie „erwählt“ werden.

Um richtigen Fortschritt zu entdecken, muss man auch hier einen Blick auf die Funktion der Nebenrollen werfen: Ganz den Regeln der Romanze folgend, hat Hannah eine Widersacherin, Kendall, die mit Garrett eine Affäre hatte und seine sich entwickelnde Zuneigung zu Hannah verständlicherweise nicht mit Begeisterung verfolgt. Statt aber die Schuld bei der „Neuen“ zu suchen, stellt sie Garrett zur Rede und wirft ihm vor, mit ihren Gefühlen rücksichtslos umgegangen zu sein. Hannah ist Konkurrenz, aber keine Gegnerin.

Kendall ist übrigens Teil einer Gruppe von sehr freundlichen Studentinnen, die sich selbst als „Puck Bunnies“ bezeichnen (wir verzichten an dieser Stelle darauf, das Wortspiel zu übersetzen). Diese Groupies – auch das ein klassisches, wiederkehrendes Motiv in Teenie-Komödien – wären vor 20 Jahren noch als Gruppe hübscher, aber missgünstiger und vermutlich ziemlich einfach gestrickter Nervensägen inszeniert worden, schon allein, um den hartnäckigen Mythos zu zementieren, unter Frauen könne keine Solidarität herrschen – erst recht nicht, wenn es um einen Mann geht.

Ganz offensichtlich herrschte beim Casting eine Art bitteres Gerechtigkeitsstreben, denn auch die Jungs sind ausnahmslos schön – und vor allem stark. Alle wesentlichen Rollen spielen Männern mit Oberkörpern, so stahlhart, dass die Goldkettchen klirren, wenn sie auf den Brustmuskel treffen. Auch wird sich klischeemäßig geprügelt, das Testosteron durchtränkt die Sportklamotten, animalisches Gebrüll in der Umkleidekabine trägt zum Sieg.

Der Unterschied zum althergebrachten Serienrezept besteht darin, dass dieses Konzept von Männlichkeit hinterfragt wird. In einer eindrucksvollen Szene konfrontiert Hannah Garrett, nachdem dieser einen Gegner auf dem Eis brutal verprügelt hat – angeblich, um Hannah zu beschützen. „Ich habe dich nicht darum gebeten“, schreit die ihm entgegen. „Es macht mir Angst, dass du alles für mich riskieren würdest, obwohl ich dir sage, dass ich das nicht will!“ Was Garrett schließlich dazu bringt, sich seinen eigenen Dämonen zu stellen – und sich anderen Menschen emotional zu öffnen.

Und wer zu recht enttäuscht ist, dass sich bei „Off Campus“ die körperlichen Zeichen männlicher Zärtlichkeit wieder nur auf rabiates Schulterklopfen und ein anerkennend gemurmeltes „Dude!“ beschränken, kann sich immerhin mit dem Promo-Material trösten: Wo immer der männliche „Off Campus“-Cast öffentlich auftaucht, wird auffällig offensiv gekuschelt – auch so etwas, dass sie sich bei den „HR“-Darstellern Hudson Williams und Connor Storrie abgeschaut haben.

Besonders divers geht es nicht zu bei „Off Campus“, fast alle sind ziemlich weiß, und Queerness spielt auch nur eine untergeordnete Rolle. Das kann man ärgerlich finden, tatsächlich hat gerade die Beiläufigkeit etwas Wohltuendes, weil Homosexualität in Filmen oder Serien immer noch viel zu selten vorkommt, ohne dramatisiert zu werden. „Off Campus“ vermittelt in dieser Hinsicht eine selbstverständliche „Love is Love“-Mentalität, von der man nur hoffen kann, dass sie die Realität der Gen Z einigermaßen akkurat abbildet.

Zumindest einige der Folgen sind mit dem Warnzusatz „ab 18“ und dem Hinweis auf sexuelle Inhalte, Gewalt, Flüche und Drogen versehen. Zwar vergnügen sich die College-Kids bei „Off Campus“ mit unterschiedlichen Leuten in unterschiedlichen Betten, doch bis auf Brüste ist dabei wenig zu sehen. Abseits vom Sex kommen auch Penisse vor, allerdings ohne die zugehörigen Oberkörper. Das ist trotzdem eine Neuerung: Während von Schauspielerinnen gewissermaßen erwartet wird, ihren Brüsten im Zweifelsfall die Welt zu zeigen (und umgekehrt), ist die Welt inzwischen offenbar immerhin für anonyme Penisse auf der Leinwand bereit.

Trotzdem waren es kaum die vorteilhaft ausgeleuchteten klassischen Sexszenen, die die Sittenwärter auf den Plan gerufen haben, sondern wohl ausgerechnet eine Szene, die völlig ohne Zurschaustellung von primären oder sekundären Geschlechtsteilen auskommt: Darin sitzen sich Hannah und Garrett gegenüber, sehen sich an – und berühren nur den eigenen Körper. Was sie fühlen, spielt sich ausschließlich in ihren Gesichtern ab. Schöner wurde Sex im Film selten gezeigt.