TTS-Player überspringen↵Artikel weiterlesen
Marilyn Monroe wäre heute wahrscheinlich mehr als ein Hollywoodstar. Sie wäre ein globales Internetphänomen. Eine Frau mit Millionen Instagram-Followern, eigener Beauty-Marke, Netflix-Deal und Podcast über Ruhm, Mental Health und Männer mit Machtproblemen. Sie wäre die berühmteste Frau der Welt.
BILD wagt zu ihrem 100. Geburtstag dieses Gedankenspiel und bringt die Blondine in die Echtzeit, inklusive eigenem Social-Media-Account. Mit viel Augenzwinkern, mit einer Prise Melancholie und vor allem voller Bewunderung. Für eine Frau, die eigentlich schon in den 50ern das war, was wir heute Influencerin nennen. Die etwas verinnerlicht hat, wofür heute ganze Agenturen beschäftigt werden: Aufmerksamkeit ist Macht. Niemand wusste besser als sie, wie man Kameras und Schlagzeilen kontrolliert und gleichzeitig Sehnsucht verkauft.

Foto: Corbis via Getty Images
Trend- und Zukunftsforscher Tristan Horx (32) sagt: „Marilyn als Influencerin? Das ist eine absolut spannende These. Sie hat schon damals die Klaviatur der Aufmerksamkeitsökonomie bespielt wie keine Zweite. Sie polarisierte, sie hat Themen wie Körperbewusstsein, Mental Health, Feminismus eindrucksvoll besetzt und war ihrer Zeit weit voraus. Und natürlich war sie sehr fesch. Vermutlich wäre sie heute größer als die Kardashians. “

Foto: David Ebener/dpa
Das Mädchen aus schwierigen Verhältnissen, geboren als Norma Jeane Mortenson, aufgewachsen in Pflegefamilien und Kinderheimen, erfand sich selbst neu. Lange bevor „Personal Branding“ ein Wort wurde. Marilyn Monroe war keine zufällige „Blondine“. Eine zu sein, war ihr Projekt. Vielleicht sogar das erfolgreichste Selbstvermarktungsprojekt des 20. Jahrhunderts.

Foto: NY Daily News via Getty Images, Marcus Brandt/dpa
Denn Marilyn kapierte schon damals, was heute das ganze Internet antreibt: Menschen lieben schöne Frauen, aber sie lieben gebrochene schöne Frauen noch mehr. Dabei wäre Marilyn eine der lautesten feministischen Stimmen unserer Zeit. Nicht mit erhobenem Zeigefinger und dogmatischen Männer-Hasserinnen-Posts. Sondern mit perfektem roten Lippenstift und messerscharfer Ironie.

Foto: Herbert Dorfman/Corbis via Getty Images/Gene Lester/Getty Images
Viele vergessen heute: Marilyn Monroe war für ihre Zeit radikal unabhängig. Sie gründete ihre eigene Produktionsfirma, kämpfte gegen dämliche Rollenklischees und widersprach offen den Studiobossen Hollywoods. In einer Zeit, in der Frauen einfach nur dekorativ sein sollten, wollte Marilyn Kontrolle. Und nahm sie sich. Das allein würde sie heute zur Ikone machen.

Foto: Evan Agostini/Invision/dpa
Wahrscheinlich würde sie über Altersdruck sprechen, über Schönheitsideale, Depressionen, Männerfantasien und die Absurdität weiblicher Perfektion. Sie wäre die Frau, die glaubwürdig den Spagat schafft, gleichzeitig Sexsymbol und Kritikerin des Sexsymbols zu sein.
Natürlich würde das Internet auch obsessiv ihr Liebesleben sezieren. Die Affäre mit John F. Kennedy? Popcorn!!! Paparazzi-Fotos, geleakte geheime Chats, TikTok-Analysen ihrer Blicke beim Staatsdinner: Das wäre Taylor Swift mit Chilli drüber.

Foto: Bettmann Archive
Hinter dem Glamour steckte eine Frau, die permanent unterschätzt wurde. Die sich durch eine Männerwelt kämpfte, die sie gleichzeitig begehrte und belächelte. Die intelligent war, belesen, ehrgeizig. Eine Frau, die verzweifelt darum kämpfte, ernst genommen zu werden.

Foto: GHI/Universal History Archive/Universal Images Group via Getty Images/Bettmann Archive
Wahrscheinlich wäre genau das heute ihr größter Triumph. Nicht das gehauchte „Happy Birthday“ oder das weiße, verwehte Kleid über dem U-Bahn-Schacht. Sondern die Erkenntnis, dass sie ihrer Zeit Jahrzehnte voraus war. Aber wahrscheinlich hätte Marilyn Monroe auch heute noch dasselbe Problem wie damals: Die ganze Welt würde ihr Bild kennen. Aber nur die wenigsten wirklich sie.