Hans Reusser lebt die Utopie. Im 50-Liter-Fass holt er von einem Betrieb, der auf Rennfahrzeuge spezialisiert ist, synthetisches Benzin. Er betankt damit den 80-PS-Verbrennermotor seines Boots. Wirtschaftlich hat das keinen Sinn. Der Bootshändler zahlt für den Liter sieben Franken (7,65 Euro). Seit drei Jahren macht er es dennoch, um zu beweisen, dass es keinen Elektro-Motor braucht, um das Klima zu schützen.
Mario Illien, Ingenieur und bekannter Rennsport- und Formel-1-Motorenbauer, spricht als Referent beim Konstanzer Bootservice Valentina zunächst wie der klassische Klimawissenschaftler. Die Sonne schicke keine Rechnung, sondern pro Jahr viel mehr Energie auf die Erde, als die Welt braucht. Man müsse sie nur nutzen, aber nicht für Elektro-Motoren, sondern für die klimafreundliche Alternative zum fossilen Benzin. Er meint damit die Synfuels, künstlich hergestellte Treibstoffe. Zu ihnen gehören zum Beispiel E-Fuels. Diese werden unter dem Einsatz erheblicher Mengen erneuerbaren Stroms produziert.
Rennsportlegende Mario Illien plädiert für Synfuels
Unter dem Strich soll nur die Menge des Klimagases Kohlendioxid frei werden, die vorher der Atmosphäre entzogen wurde. Der riesige Vorteil: Man könnte die herkömmlichen Verbrenner-Motoren, Tankstellen und Pipelines weiter nutzen, bräuchte also keine Elektro-Motoren und Ladestationen. Illien ist sich sicher: Bisher glaube die Politik, die Zukunft sei elektrisch. Würde sie aber auf synthetische Kraftstoffe setzen, werde es bald genügend davon geben und der Preis fallen. „Die Frage ist nur: Wie viel nimmt der Staat.“

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Hans Reusser tankt sein Boot schon heute mit synthetischem Benzin. Er bezieht dieses von einer Firma, die im Rennsport tätig ist. Er ist hier mit einem Schiff des Valentina-Bootservice zu sehen.
Foto: Claudia Rindt
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Hans Reusser tankt sein Boot schon heute mit synthetischem Benzin. Er bezieht dieses von einer Firma, die im Rennsport tätig ist. Er ist hier mit einem Schiff des Valentina-Bootservice zu sehen.
Foto: Claudia Rindt
Das generelle Verbrenner-Aus in Europa im Jahr 2035 ist gekippt worden, unter anderem zugunsten synthetischer Kraftstoffe. Kritiker werfen ein, bei der Herstellung von E-Fuels gehe extrem viel Energie verloren. Es sei deshalb sinnvoller, den Strom direkt im Elektro-Motor zu nutzen. Doch Illien argumentiert anders. Wenn die Produktionsanlagen dort stehen, wo es Sonne im Überfluss gibt, also in Australien, Südamerika oder in der Sahara, dann spiele der große Stromverbrauch keine Rolle mehr.
Die Lieferung und der Preis des Kraftstoffs wären dann aber wieder abhängig von der weltpolitischen Lage. Illien sagt, dies sei auch bei Elektro-Motoren der Fall. Denn bei der Herstellung der Batterien würden seltene Erden benötigt, die aus Ländern wie China kommen. Er plädiert zudem dafür, weniger Kraftstoffe zu verbrauchen. Mit Blick auf die riesigen Fahrzeuge (SUV) sagt er: „Es ist völlig unsinnig, was da auf der Straße herumfährt.“ Es sei auch nicht zielführend, riesige und schwere Batterien in Boote einzubauen.
„Allenfalls eine Zwischenlösung“, sagt der BUND
Für Jarid Zimmermann, Geschäftsführer des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) in Konstanz, sind Synfuels dagegen „allenfalls eine kurzfristige Zwischenlösung.“ Denn es gebe Abhängigkeiten und Haken. Mit Blick auf Kraftstoffe, die aus Biowaren hergestellt werden, sagt er: Nach den Zahlen der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung würden gebrauchte Speiseöle zu 80 Prozent importiert. Synthetische Kraftstoffe, die durch Strom hergestellt werden, seien noch nicht ausreichend verfügbar und würden für Wirtschaftszweige wie die Stahlindustrie gebraucht, die sich ansonsten nicht so leicht klimafreundlich umstellen lassen.
Zimmermann warnt: Die Bedrohung durch die Folgen des Klimawandels sei für Mensch und Natur gewaltig. Angesichts des aufgeweichten Verbrenner-Verbotes bestehe die Gefahr, dass man versucht sei, einfach wie bisher weiterzumachen. So aber lasse sich die Katastrophe nicht abwenden.
Kritik am Bio-Diesel
Es gibt am Bodensee und an den Bootstankstellen in Konstanz den HVO100-Bio-Diesel. Es handelt sich um einen synthetischen Kraftstoff aus biologischen Abfallstoffen und Altspeiseölen. Jarid Zimmermann, Konstanzer Geschäftsführer des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland, stellt fest: „Die Idee, dass diese Kraftstoffe nachhaltig sind, basiert auf der Annahme, dass hier nur unvermeidbare Abfälle verbrannt werden. Dem ist aber nicht so.“ Er bemängelt, die Inhaltsstoffe seien undurchschaubar deklariert. „Es steht der Verdacht im Raum, dass vielfach frisches Palmöl und/oder Nebenprodukte davon für die Produktion von HVO verwendet werden.“ Er verweist auf Zahlen der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung: Demnach wurden bei 20 Prozent der Produktion frisches Palmöl eingesetzt. „Für die Herstellung werden oft große Flächen sensiblen Regenwalds gerodet und in Monokulturen umgewandelt.“ Auch die Deutsche Umwelthilfe kritisiert, die Herstellung heize die klimaschädliche Palmöl-Produktion an.