2018 mieteten Beyoncé und Jay-Z für zwei Nächte den Pariser Louvre. Hier entstand ihr „Apeshit“-Video, das mittlerweile als popkultureller Meilenstein gilt. Für den sechsminütigen Clip hatte sich das Duo in illustre Gesellschaft begeben – mit am Set waren schließlich unter anderem die Venus von Milo und die Mona Lisa. Jetzt tritt Helene Fischer in die musealen Fußstapfen des Pop-Duos: Das Video zu ihrem soeben erschienenen Song „Heute Nacht“ drehte die „Queen of Schlager“ („The Guardian“) vor und in der Hamburger Kunsthalle.
Das Lied ist gleichsam die Hymne für ihre große „360° Stadion Tour 2026“, die im Juni startet. Am 23. Juni tritt Fischer in Gelsenkirchen auf (Veltins-Arena), am 26. und 27. Juni in Köln (Rhein Energie Stadion). Nicht zuletzt wurde „Heute Nacht“ von MagentaTV zum senderinternen WM-Song für die Übertragungen der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 gekürt. Man hofft auf ein neues Sommermärchen – 2014, als die deutsche Nationalmannschaft die WM in Brasilien gewann, feierte Helene Fischer gemeinsam mit den frischgekürten Fußballhelden ausgelassen vor dem Brandenburger Tor.
Die Hamburger Kunsthalle, wo derzeit eine große Doppelschau Brücken zwischen Edvard Munch und der österreichischen Körpermalerin Maria Lassnig schlägt, musste jedenfalls nicht zweimal überlegen, als das Management der Sängerin anklopfte: „Wir haben uns über diese Anfrage von Helene Fischer für den Dreh bei uns sehr gefreut“, sagt Jan Metzler, Leiter Marketing & Customer Relations der Kunsthalle – sie zählt hierzulande zu den beliebtesten und bestbesuchten Museen.
Wie eine deutsche Kylie Minogue
Den gediegenen Gründungsbau von 1869 verwandeln Fischer und ihre Tänzer ohne jeden Anflug von bildungsbürgerlicher Scheu in einen Dancefloor. Nur 2:40 Minuten dauert das Video. Kurz und knackig, passend zu dem energiegeladenen Song, den Helene Fischer selbst als „Anfang einer neuen Ära“ beschreibt. Und als Versprechen, dem Normaltrott einen Halleluja-Moment der gefühlten Ewigkeit entgegenzusetzen: „Heute Nacht können wir unsterblich sein“. Schluss mit der Leisetreterei: „Wir haben viel zu lange nicht mehr laut gelebt.“
Eine Feier des Lebens und der Liebe also ist dieses Musikvideo. In Szene gesetzt mit derart viel Karacho, dass die Gemälde beinahe zu beben beginnen. Atemlos durchs Museum. Enttäuschend, weil arg konventionell allerdings der Beginn: Da steigt Helene Fischer aus einem silbernen Cabriolet, das vor der Kunsthalle parkt. Im knallroten, minikurzen Lackkostüm pflanzt sie sich vor der Nobelkarre auf, als verdinge sie sich als „Grid Girl“ bei einer Automesse. Eindeutig unter ihrem Niveau.
Dafür entschädigt die dynamische Performance im Museum selbst. Vor allem im prächtigen historistischen Treppenhaus und in den angrenzenden Altmeister-Sälen toben sich die Tänzerinnen und Tänzer aus, angeführt vom Wirbelwind Helene. Hinterfangen von futuristischen Laserstrahlen wie bei Kylie Minogue und mit gehörigem Vorwärtsdrive bei ihrer Choreografie macht die Sängerin das Museum zur Bühne für einen mitreißenden Auftritt.
Die Kunst spielt nur eine Nebenrolle
Der Kunst freilich wird hier nur eine Nebenrolle zugestanden. Das war vor sechs Jahren bei dem „Apeshit“-Video anders: Kunstwerke wie die Nike von Samothrake oder Géricaults „Das Floß der Medusa“ gerieten explizit ins Visier der Kamera. Damals, so die vorherrschende Lesart, durchbrachen Beyoncé und Jay-Z als neue, schwarze Elite die weiße Vorherrschaft der Louvre-Ikonen – das Magazin „Monopol“ attestierte eine „Umschreibung von Machtsymbolik in der Kunstgeschichte“. Von solch hochfahrenden Ambitionen ist „Heute Nacht“ meilenweit entfernt. Das Video will vor allem gute Laune machen. Das gelingt.
Museen sind keine unnahbaren Kunsttempel mehr
Ohnehin vorbei die Zeiten, da das Museum als unnahbarer Kunsttempel sakrosankt war. Zum Glück. Schlägt das Pendel jetzt in die andere Richtung aus? Bewirkt die Allianz von Hochkunst und Popkultur, von E und U, von Bildungsfracht und Leichtgewichtigem eine Nivellierung nach unten? Das befürchten Kulturpessimisten. In Helene Fischers Gastspiel im Museum dürften sie allenfalls einen Marketing-Gag sehen, völlig losgelöst von den Kunstwerken, die hier präsentiert werden.
Vorstellbar ist aber auch eine andere Interpretation. Hier kommt der Begriff „Atmosphäre“ ins Spiel. Für den Schweizer Architekten (und Museumsspezialisten) Peter Zumthor ist er konstitutiv. In seinem Buch „Atmosphären. Architektonische Umgebungen – Die Dinge um mich herum“ beschreibt Zumthor eindringlich jenes intuitive Erleben von Architektur, das in Sekundenbruchteilen einsetzt und dem rationalen Denkprozess vorangeht. Eine solche unmittelbare Berührung durch ein Bauwerk vermittelt auch das „Heute Nacht“-Video. Insofern hat sich Helene Fischer kongenial mit der Atmosphäre der Kunsthalle verschwistert, obwohl die Bilder bei dem Dreh bloß Kulisse sind.