Wie betrifft eine kompaktere Bauweise die Wohnfläche pro Einwohner:in?
Der Flächenbedarf pro Person ist in den vergangenen Jahrzehnten stetig gestiegen und beträgt derzeit durchschnittlich rund 41 Quadratmeter. Diese Wohnfläche liesse sich in Blockrandbauten und niedrigen Türmen ohne grosse Einbussen an Wohnqualität auf rund 30 Quadratmeter senken, zumal wenn grössere Gemeinschaftsflächen oder flexibel nutzbare Innen- und Aussenräume verfügbar sind.
Wie beurteilen Sie die Zukunft von Hochhäusern und Einfamilienhäusern in Zürich?
Eine Stadt lebt von der Vielfalt an Wohntypologien, dazu zählen auch Hochhäuser und Einfamilienhäuser. Wenn jedoch 100’000 zusätzliche Menschen in die Stadt ziehen, ist das Einfamilienhaus städtebaulich nicht optimal. Neue Hochhäuser wären vom Fassungsvermögen her zwar in der Lage, diesen Zuwachs aufzunehmen – städtebaulich aber werfen sie Fragen auf.
Welche?
Wie gut sich Hochhäuser in eine historisch gewachsene Stadt einfügen, hängt stark von der jeweiligen Lage und Umgebung ab. Unsere historische Forschung hat gezeigt, dass es in Zürich sowohl gelungene als auch weniger überzeugende Beispiele gibt. Wie unsere Analysen belegen, kann Zürich 100’000 zusätzliche Personen sehr gut in Blockrandbauten und niedrigen Türmen aufnehmen. Dieses Forschungsergebnis hat uns selbst überrascht: Ursprünglich dachten wir, dass die Stadt zwingend viele Hochhäuser benötige.
Der Bau eines Hochhauses wäre demnach situativ zu beurteilen?
Ja, mit Fokus auf Lage, Umgebung und Nutzungsdurchmischung. Das entspricht der Tradition europäischer Städte, dass Wachstum ohne Hochhäuser möglich ist, und dass je nach Ort und Situation verdichtet wird.
Gilt das auch für Bürohochhäuser?
Ja. Auch sie sind situativ zu beurteilen. Wir können von der Entwicklung von Städten wie Brüssel, wo ich herkomme, viel lernen: Reine Bürohochhaudistrikte wirken abends und an Wochenenden wie ausgestorben. Solche urbanen Monokulturen werden heute hinterfragt, und es wird sehr viel investiert, um sie stärker mit Wohnen, Arbeiten und Freizeit zu durchmischen und so zu beleben.
Wie sehen Sie die optimale Durchmischung von Wohnen und Arbeit in Zürich?
Wohnen und Arbeiten vermischen sich zunehmend – das ist eine tiefgreifende Transformation unserer Städte. In Zürich zeigt das Hunziker-Areal exemplarisch, wie sich beides verbinden lässt. Die Schlüsselfrage lautet: Wie lassen sich Arbeit und Wohnen künftig so kombinieren, dass sie in der Stadt nahe beieinander oder sogar im selben Gebäude Platz finden?
Spielt dabei Homeoffice eine Rolle?
Ja. Homeoffice ist ein Ausdruck für die verschobenen Grenzen zwischen Wohn- und Arbeitsräumen. Deshalb brauchen wir in Zürich mehr Gebäude, die beide Funktionen integrieren – etwa mit Arbeitsräumen, die in demselben Gebäude wie die Wohnungen sind, oder mit teilbaren Büroflächen in der Überbauung. Ein Beispiel ist in Zürich die Wohn- und Gewerbesiedlung Kalkbreite. Auch dafür eignen sich Blockrandbauten und niedrige Türme gut. Neubauten sind nicht in jedem Fall nötig. Bestehende Gebäude lassen sich umnutzen und aufdatieren – auch ältere Hochhäuser. Das Erweitern und Anpassen des Bestands sind uns ein grosses Anliegen.
Was ist die Alternative zu einseitig genutzten Stadtteilen?
Die Zehn- oder Fünfzehn-Minuten-Nachbarschaften: Wohnen, Arbeiten und der tägliche Bedarf befinden sich da in Gehdistanz. Die Stadt wird sich noch stärker polyzentrisch entwickeln, also mehrere Nebenzentren ausbilden. Diese können wie Fünfzehn-Minuten-Nachbarschaften funktionieren. Kinder etwa hätten dann Spielplätze, Sportanlagen und Grünräume in der Nähe.
Welche Rolle spielen Schulen für die Stadtentwicklung?
Schulen hatten in Zürich stets eine Bedeutung, die über reine Bildungsstätten hinausgeht. Mit ihren Pausenplätzen, Sportanlagen und Infrastrukturen wirken sie als kleine Zentren der Nachbarschaft – als Treffpunkte, die sich abends und an Wochenenden für Quartieranlässe, Sport und Kultur nutzen lassen, für Kinder wie für Familien und ältere Menschen. Diese zentrumsbildende Rolle der Schule ist im internationalen Vergleich nicht selbstverständlich und wird mit der polyzentrischen Entwicklung noch wichtiger – generell empfehlen wir für öffentliche Gebäude, verschiedene und zeitlich gestaffelte Nutzungen einzuplanen.