Stephen Graham in Good Boy© RPC Good Boy Limited & Skopia Film, photograph by Thomas Wood, X Verleih

Stephen Graham spielte im Netflix-Hit „Adolescence“ den überforderten Vater. Im Psychothriller „Good Boy“ verkörpert er nun ein Familienoberhaupt mit einem dunklen Geheimnis.

„Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes“ beginnt mit einem Absturz. In einer wilden, atemberaubenden Montage stürzt sich der Teenager Tommy (Anson Boon) in eine Partynacht. Er kokst, säuft, wichst, hat Sex, pinkelt an eine Haltestelle, liegt zugedröhnt auf dem Asphalt. Bässe wummern durch den Kinosaal. Als er durch die Straßen taumelt, nähert sich ihm ruckartig die Kamera. Irgendjemand oder etwas hat ihn ereilt. Schnitt. Man sieht ein Einstellungsgespräch.

Eine Migrantin namens Rina wird von dem Familienvater Chris angeheuert, gespielt von Stephen Graham mit einem wahrlich schrecklichen falschen Haarteil. Rina soll auf seinem abgelegenen Anwesen an geregelten Terminen als Haushälterin zu arbeiten. Als sie in dem Gemäuer ankommt, durch die Räumlichkeiten geführt wird und Chris‘ benebelt wirkende Frau (Andrea Riseborough) und seinen Sohn (Kit Rakusen) kennenlernt, folgt schnell der Schock. Im Keller findet sie nämlich den eingangs erwähnten Tommy. Angekettet.

Anson Boon als Tommy im Keller© RPC Good Boy Limited & Skopia Film, photograph by Lukasz Bak, X Verleih

Worum es in „Good Boy“ eigentlich geht

Der polnische Regisseur Jan Komasa („Corpus Christi“) hat hier eine ziemlich spannende Konstellation inszeniert. Abgründig in ihrer Gewalt, pechschwarz in ihrem Humor und mit erstaunlicher Ruhe in den zwischenmenschlichen Szenen. Statt drastischer Eskalation setzt Komasas Inszenierung auf gesetztes Dialogkino und eine unterschwellig brodelnde Ausweglosigkeit, die immer beklemmender wirkt. Was „Good Boy“ dabei anstellt, ist zunächst einmal eine Parabel über die Gewalt der Erziehung. Er zeigt einen bildungsbürgerlichen Schein: gepflegtes, traditionsreiches Haus. Man hütet kostbare Shakespeare-Ausgaben als Erbstücke, hört klassische Musik, bereitet gemeinsam das Dinner vor.

Unter der Fassade wird dann die Grausamkeit sichtbar, mit der die bürgerliche Familie ihre Ordnung erzwingt. Jugendlicher Eigensinn soll ausgetrieben werden. Die Lust am Exzess, an der Verausgabung oder dem Hedonismus wird unter dem Deckmantel der Kultiviertheit mit drakonischen, rückschrittlichen Maßnahmen in Zaum gehalten. Als der Sohn der Familie heimlich raucht; Teenager eben; quält ihn die Mutter mit körperlicher Folter. Und dort unten im Keller verfolgen die Eltern ihr ganzes eigenes Resozialisierungsprogramm.

Stephen Graham Jones und der gefesselte Anson Boon auf dem Bett in Good Boy© RPC Good Boy Limited & Skopia Film, photograph by Lukasz Bak, X Verleih

Abgründe einer familiären Ordnung

Tommy erscheint dabei als ultimatives Feindbild dieser Sitte und Ordnung. Er hat keine Lust auf Literatur, vernachlässigt seine Gesundheit und treibt sich selbst und andere an den Rand der Zerstörung. Nun wird er über einen Fernseher mit seinen Schandtaten filmisch konfrontiert und soll kitschige Besserungsratgeber konsumieren, um ein sozialverträgliches Subjekt zu werden, das dem gesellschaftlichen Fortschritt dient. So die Ideologie, die hier auf erbarmungslose Weise durchgesetzt werden soll.

Insofern ist „Good Boy“ auf der Plot-Ebene natürlich erst einmal ein Psychothriller und Horrorfilm über eine Entführung. Es ist aber auch ein Film über die Fantasie der bürgerlichen Familie als Allheilmittel und Keimzelle eines rigiden Systems, das zum Schaurigen verfremdet und verzerrt wird. Gerade Stephen Graham legt dabei eine beachtliche schauspielerische Leistung hin, die ihre sanfte, väterliche Fürsorge mit furchteinflößender Erbarmungslosigkeit paart. Gewalt und liebevolle Gesten wechseln sich verstörend ab.

Die metaphorischen und wortwörtlichen Fesseln des jungen Gefangenen werden derweil immer länger. Mit mathematischer Präzision wird vermessen und berechnet, wie viel Handlungsspielraum man ihm erlaubt. Und das sind zum Teil Momente voll konzentrierter Anspannung, wenn Tommy dann doch einmal versucht, aus diesem System mit seinem Schienen und Ketten auszubrechen! Dazu sind viele Bilder von albtraumhafter Schönheit. Gerade wenn die Kamera in die Totalen geht und die Dimensionen des Hauses bedrohlich erscheinen lässt. Oder wenn sie Panoramen eröffnet, in denen die gespannte Kette den Raum vermisst.

Die Familie vor dem Fernseher in GOOD BOY© RPC Good Boy Limited & Skopia Film, photograph by Lukasz Bak, X Verleih

Die Probleme von „Good Boy“

Schade ist nur, dass „Good Boy“ dann doch einen recht langen Atem für eine eher dürftige Schlusspointe benötigt. Viele Fäden verheddern sich ein wenig in diesem Kammerspiel. Das liegt vor allem daran, dass die eigentlich angenehm abstrahiert gedachte Parabel und Anordnung wiederholt mit dem psychologischen Erzählen auf Konfrontationskurs gerät. Konkret bedeutet das etwa, dass der Film seiner Opferfigur ambivalente Charakterzüge verleihen will, die es dem Publikum umso mehr erleichtern, die Qualen nicht allzu sehr an sich heranzulassen oder aber sie sogar zu befürworten. Oder ist das sogar der Geniestreich, dass man sich zwischenzeitlich dabei ertappt, dem Jungen diese Tortur und Umerziehung an den Hals zu wünschen?

Die Eltern werden derweil vor dem Hintergrund einer Verlusterfahrung positioniert. Selbige suggeriert ebenfalls eine Erklärbarkeit des Schreckens, die das Allgemeine zu stark auf etwas Konkretes und den Versuch einer Kompensation herunterbricht. Dazu verliert der Film gerade die neue Bedienstete im Haus, eigentlich die spannendste Figur, zu häufig aus den Augen, die in ihrer Abhängigkeit mit ihrem Gewissen und ihrer eigenen Anpassung zu kämpfen hat.

Immerhin: „Good Boy“ versieht dann sein Ende mit so fauligen, vergifteten Gefühlen, dass einem die Sentimentalität und der Zynismus des Gezeigten unweigerlich im Halse stecken bleiben. Stoff zum Diskutieren bietet der Film zur Genüge an. Was ist also schlussendlich gruseliger? Das Gefangensein oder das Leben in Freiheit, was immer sie heißen soll?

„Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes“ läuft ab dem 4. Juni 2026 im X-Verleih in den deutschen Kinos. Die Deutschlandpremiere fand auf den Fantasy Filmfest Nights statt.

„Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes | Trailer 2 | Ab 04. Juni 2026 nur im Kino“ von YouTube anzeigen