Unterseite des JAS-39C Gripen-Jets in der Luft.

Saab JAS-39C Gripen. Foto: Oleg V. Belyakov – AirTeamImages / CC BY-SA 3.0 Deed

Schweden plant die Lieferung von Gripen-Kampfjets. Entscheidend könnte aber eine andere Waffe sein. Sie bedroht russische Bomber weit hinter der Front.

Die Ukraine könnte schon bald neue Kampfflugzeuge bekommen. Zwei Gripen-Kampfjets standen als Kulisse bereit, als Schwedens Ministerpräsident Ulf Kristersson und der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am 28. Mai auf dem Luftwaffenstützpunkt Uppsala vor die Kameras traten.

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Schweden will der Ukraine bis zu 16 Gripen C/D aus eigenen Beständen überlassen; parallel soll Kiew den Kauf von bis zu 20 Gripen E/F zusagen. Erste Lieferungen sollen Anfang 2027 erfolgen, die neuen E/F bis 2030.

Den Kaufpreis von 2,5 Milliarden Euro will Kiew aus dem europäischen Ukraine-Unterstützungsdarlehen bestreiten. Selenskyj verwies auf das 90-Milliarden-Euro-Paket der EU als Finanzierungsquelle. Die älteren Maschinen gibt Stockholm allerdings nur ab, wenn der Kaufvertrag für die neuen E/F tatsächlich zustande kommt.

Die geplante Bewaffnung

Verteidigungsminister Pål Jonson nannte die geplante Bewaffnung: IRIS-T, AMRAAM und die weitreichende Meteor-Rakete. Selenskyj erwartet ausdrücklich, dass die Gripen C/D mit Meteor geliefert werden.

Vorausgegangen war eine Absichtserklärung vom Oktober 2025, die beide in Linköping unterzeichnet hatten – damals noch über 100 bis 150 Gripen E. Den Kurs begründete Selenskyj persönlich mit Kosten, Wendigkeit und Bedienbarkeit: «Für unsere Armee sind Gripen die Priorität», zitierte ihn Flug Revue.

Saab wies darauf hin, dass für die E/F-Variante noch kein Vertrag unterzeichnet und keine Bestellung eingegangen sei – die Transaktion existiert bislang als Absichtserklärung.

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Das Training ukrainischer Piloten und Techniker auf dem Gripen läuft bereits und soll im Herbst ausgeweitet werden.

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Warum der Gripen: Konzept und Konstruktionsphilosophie

In den 1980er-Jahren stand für Schwedens Militärplaner eine Frage im Mittelpunkt: Wie kämpft man weiter, wenn der Gegner die eigenen Flugplätze in den ersten Kriegsstunden zerstört hat?

Die Antwort auf diese Bedrohung war das Bas-90-System – kurz für Flygbassystem 90, Schwedens Konzept verteilter Luftwaffenbasen aus den 1980er Jahren: Kampfjets über das ganze Land verteilt, in Wäldern versteckt, startend von Straßenabschnitten, gewartet von kleinen Teams unter freiem Himmel. Diese Überlebensphilosophie steckt bis heute in jedem Detail des Jets.

Der Gripen E startet von Straßenabschnitten mit 500 Metern Länge und 16 Metern Breite und landet auf 600 Metern. Das Triebwerk lässt sich im Wald in einer Stunde wechseln, Wartungsklappen öffnen sich per Knopfdruck, auch mit Winterhandschuhen. Fünf Techniker können den Jet in weniger als 15 Minuten neu betanken und bewaffnen.

Jussi Halmetoja, ehemaliger schwedischer Luftwaffenmajor und heute Berater bei Saab, brachte den Unterschied zu anderen Westjets auf eine einprägsame Zahl: Während der Gripen in rund 15 Minuten wieder einsatzbereit sei, bräuchten F-16, Rafale und Eurofighter dafür dreimal so lang – 45 bis 60 Minuten, sagte er gegenüber dem ukrainischen Portal United24 Media. Vom Alarmruf bis zum Start vergehen beim Gripen unter günstigen Bedingungen weniger als fünf Minuten.

Schwedischer Verteidigungsminister Pål Jonson erklärte die Logik dahinter:

«Der Gripen wurde für ein Land gebaut, das möglicherweise zahlenmäßig unterlegen kämpfen muss, unter Druck und von verteilten Basen aus. Das macht ihn für die Ukraine hochrelevant.»

Was Schweden im Kalten Krieg als Planspiel entwickelte, ist in der Ukraine seit 2022 gelebter Alltag. Russland greift die ukrainische Militärinfrastruktur systematisch mit Raketen, Marschflugkörpern und Drohnen an. Ein ukrainischer Mirage-Techniker schilderte gegenüber dem Fachportal The War Zone die Realität:

«Gerade sind wir auf einem vorgeschobenen Feldflugplatz, unserem dritten in dieser Woche. Der Feind versucht ständig, unsere Flugzeuge und Ausrüstung zu zerstören.»

Die ukrainische Luftwaffe hat unter diesen Bedingungen bereits mit F-16 und Mirage gelernt, von verteilten Standorten zu operieren. Der Gripen ist für genau dieses Konzept konstruiert.

Die Rakete als Kernfrage: Meteor

Was den möglichen Kauf strategisch interessant macht, ist eine Rakete: die Meteor, eine europäische Luft-Luft-Waffe der Firma MBDA, die mit keiner anderen westlichen Rakete vergleichbar ist.

Der entscheidende Unterschied liegt im Antrieb. Während herkömmliche Luft-Luft-Raketen einen Feststoffmotor haben, der nach dem Abschuss abbrennt und das Geschoss im Endanflug immer langsamer werden lässt, hat die Meteor ein Staustrahl-Triebwerk, das während des gesamten Fluges Schub erzeugt und gedrosselt werden kann.

Das bedeutet: Die Rakete behält ihre Energie bis kurz vor dem Einschlag – und ein ausweichendes Zielflugzeug hat deutlich weniger Chancen zu entkommen. Fachleute sprechen von einer besonders großen «No-Escape-Zone» – dem Bereich, aus dem kein Manöver mehr hilft.

Offizielle Reichweitenangaben bleiben vage; in offenen Quellen kursieren Werte von deutlich über 100 Kilometern bis etwa 200 Kilometern. Entscheidend ist aber weniger die nominelle Maximalreichweite als die hohe Restenergie im Endanflug.

Zum Vergleich: Die modernste AMRAAM-Variante, die Ukraine derzeit mit ihren F-16 einsetzt, erreicht zwischen 120 und 160 Kilometern. Russlands R-37M-Rakete, die von Su-35 und MiG-31 abgefeuert wird, soll Ziele in bis zu 200 Kilometern Entfernung treffen können – und hat ukrainische Piloten seit Kriegsbeginn immer wieder gezwungen, tief zu fliegen und Umwege zu nehmen.

Genau hier liegt die operative Bedeutung der Meteor für die Ukraine. Russische Su-34-Kampfbomber feuern ihre Gleitbomben derzeit aus 60 bis 100 Kilometern hinter der Front ab, ohne in Reichweite ukrainischer Abwehrsysteme zu geraten, wie der ehemalige estnische Luftwaffenchef Jaak Tarien gegenüber dem estnischen öffentlich-rechtlichen Rundfunk ERR erklärte.

Die Meteor könnte diese Rechnung verändern – indem sie die Trägerflugzeuge bedroht.

Verstärkt würde diese Fähigkeit durch die Kombination mit den zwei Saab-340-Frühwarnflugzeugen, die Schweden der Ukraine bereits übergeben hat. Diese Maschinen können russische Ziele orten, priorisieren und die Daten direkt an die Gripen-Piloten weiterleiten – und sogar Raketenlenkdaten während des Fluges übermitteln, sodass der Pilot sein eigenes Radar gar nicht einschalten muss. Seit März 2026 gibt es erste Hinweise, dass die Saab 340 bereits über der Ukraine im Einsatz ist.

Meteor steht bislang nur auf Schwedens Lieferliste. Andere europäische Betreiberländer verfügen zwar über eigene Bestände – Frankreich bestellte 200 Raketen, von denen 160 geliefert wurden, Spanien 100, Deutschland mehrere Hundert in verschiedenen Tranchen – doch die verfügbaren Mengen sind begrenzt, wie das ukrainische Fachmagazin Defense Express berichtet. Hersteller MBDA hat angekündigt, die Produktion bis 2026 um rund 40 Prozent zu steigern. Direkte Nachbestellungen für die Ukraine oder Transfers über Partnerländer wären denkbar, gelten aber derzeit als offen.

Was der Gripen für die ukrainische Luftwaffe bedeutet

Die ukrainische Luftwaffe begann den Krieg im Februar 2022 mit rund 100 bis 120 einsatzbereiten Kampfflugzeugen – allesamt sowjetischer Bauart, sagte der ehemalige estnische Luftwaffenchef Jaak Tarien gegenüber ERR.

Russland habe seitdem rund 100 bis 110 davon abgeschossen. Dass die Ukraine trotzdem noch ungefähr gleich viele Maschinen im Einsatz habe, liege daran, dass sie aus Flugzeugfriedhöfen ausgemusterte Maschinen reaktiviert und Ersatzteile aus aller Welt zusammengesammelt habe.

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Parallel dazu hat die Ukraine begonnen, ihre Flotte systematisch auf westliche Muster umzustellen. Nach Verlusten verfügt sie derzeit über bis zu 39 F-16, geliefert von den Niederlanden und Dänemark. Norwegen hat sechs weitere zugesagt, Belgien bis zu 30 – manche Berichte sprechen sogar von einer Übergabe der gesamten belgischen F-16-Flotte von 53 Maschinen bis 2029. Frankreich hat sechs Mirage 2000-5 zugesagt, drei davon sind bereits geliefert, eine ging bereits verloren.

Realistisch könnte die Ukraine bis Anfang der 2030er-Jahre also zwischen 96 und 129 westliche Kampfflugzeuge im Dienst haben.

In diese Flotte fügen sich nun die Gripen ein. Das Fachportal Army Recognition beschreibt die entstehende ukrainische Luftwaffe als potenziell eine der größten Konzentrationen westlicher Kampfflugzeuge in Europa – mit zwei verschiedenen Technologiegenerationen: Sowjetbestände, F-16 und Mirage 2000-5 stammen aus der späten Kalten-Kriegsära, Gripen E und Rafale F4 gehören einer späteren Generation an, die auf Sensorfusion, digitale Architektur und Vernetzung setzt.

Die wachsende Typenvielfalt bringt allerdings erhebliche logistische Herausforderungen mit sich. Jeder neue Typ bedeutet eigene Ersatzteile, eigene Ausbildung, eigene Bodencrew und eigene Waffenintegration. Für den Gripen müsste eine vergleichbare Infrastruktur erst aufgebaut werden.

Die entscheidende operative Frage

Der Gripen ist konzeptionell das passendste westliche Kampfflugzeug für die ukrainische Kriegsrealität – weil Überlebensfähigkeit am Boden, verteilte Operationen und hohe Einsatzrate unter den Bedingungen des russischen Raketenbeschusses mehr zählen als Spitzenleistung unter Idealbedingungen. Was Schweden im Kalten Krieg als Doktrin entwickelte, ist in der Ukraine seit 2022 militärische Notwendigkeit.

Die entscheidende operative Frage ist dabei weniger der Jet selbst als die Meteor-Rakete. Erst die Kombination aus Gripen, Meteor und den bereits im Einsatz befindlichen schwedischen Saab-340-Frühwarnflugzeugen könnte die russische Gleitbombenkampagne unter Druck setzen – nicht durch direkte Abwehr der Bomben, sondern durch Bedrohung der Trägerflugzeuge.

Der Vergleich mit Himars drängt sich auf: Auch der amerikanische Raketenwerfer hat 2022 den Krieg nicht entschieden, aber russische Kommandeure gezwungen, anders zu planen. Ein ähnlicher Zwang zur Taktikanpassung wäre vom Gripen im Luftkrieg denkbar.

Der Zeitplan bleibt das größte Problem. Die älteren C/D kommen frühestens Anfang 2027, die neuen E/F nicht vor 2030. Ob der Krieg dann noch läuft und in welcher Form, ist offen.