Das ist ein schauerliches Buch, das gleich mit dem Tod der Mutter beginnt und jede Trauer vermissen lässt. Und in dem von einer Jugend ganz ohne Hoffnung erzählt wird. Es wäre also eine deprimierende Lektüre, würde man nicht den Ausgang der Geschichte kennen, den späteren Werdegang ihres Erzählers. Denn es ist die Geschichte des Schweizer Bestsellerautors und Büchner-Preisträgers Lukas Bärfuss.
Diese Lebensgeschichte setzt an ihrem Ende ein, als Bärfuss – vom Tod seiner Mutter benachrichtigt – in die Dominkanische Republik reist. Dort lebte sie mit ihrem zweiten Mann als eine sogenannte Armutsmigrantin. 60 Franken hatte sie noch auf ihrem Konto, und Bärfuss macht die Rechnung auf, was damit bis zur nächsten Rentenzahlung in 13 Tagen noch bezahlbar gewesen wäre: pro Tag eine kleine Mahlzeit, eine Tasse Kaffee, ein Kinoticket. Eine solche Buchführung klingt ziemlich herzlos. Erschreckende Sätze folgen. Wie: „Er kennt seine Mutter nicht.“ Oder: „Er brauchte keine Mutter.“ Verstößt er damit gegen das Vierte Gebot, wonach Vater und Mutter geehrt werden sollen? Das fragt sich der Autor selbst, Dabei war seine Mutter doch „Die Königin der Nacht“, wie der Titel annonciert!
Diese Königin aber, die erst mit dem letzten Wort des Buches ihren Namen Ursula erhält, herrscht nur in ihrem kleinen Reich, rücksichts- und verantwortungslos. Sie hat als Bardame und Prostituierte gearbeitet, miese Gelegenheitsjobs angenommen, hat ihren Sohn bestohlen, hat ihn für eine Zeit an einen Bauern verkauft, ihn als 15-Jährigen auf die Straße gesetzt und obdachlos gemacht. Und als er durch Zufall an 30 Lexikonbände gelangt, der Faszination der Literatur erliegt und wie durch ein Wunder die Aufnahme ins Lehrerseminar schafft, streicht sie sich auch noch das Geld seines Stipendiums ein. Alles grausam. Jahre später kommt es zu einem bedrückend sprachlosen Treffen in der Dominikanischen Republik. Als Ort wählt die Mutter ein Bordell und haut ihm diese Worte um die Ohren: „Was hast du? Die Chicas sind jung, sauber, billig. Bist du ein Spießer? Zum ersten Mal im Puff? Oder schwul?“
Und doch klagt Bärfuss seine Mutter nicht wirklich an, sondern folgt am Ende der Geschichte seiner Familie, den Vagabunden, Erzählern und Rumtreibern unter seinen Vorfahren. Und erzählt, wie die Schweiz mit ihnen umging, sie aussonderte und einsperrte. „Das Land, in dem du lebst, verfolgt die Schwachen. Hüte dich! Sei stark!“ heißt es über ein Land, in dem der „entscheidende Maßstab für den Stellenwert eines Menschen sein Vermögen ist“. Im Gespräch mit unserer Redaktion sagte Lukas Bärfuss einmal, dass die Autoren auch für jene schreiben, die nach uns kommen: „Jedes Buch ist ein Zeugenbericht, aus dem wir bestenfalls etwas lernen können über unsere Herkunft, über den Weg, den wir als Gesellschaft gegangen sind.“
Was für ein ungeheuerliches, schonungsloses, ehrliches und lesenswertes Buch „Die Königin der Nacht“ ist!
Info Lukas Bärfuss: „Königin der Nacht. Ein kurzes Buch über meine Mutter“. Rowohlt, 130 Seiten, 22 Euro