Wenn das mit den Gefühlen immer so einfach wäre wie mit den Worten, manchmal jedenfalls. „Meine Frau weint“ heißt der neue Film der Berliner Regisseurin Angela Schanelec, der Titel beschreibt auf grammatikalisch denkbar knappste Weise einen emotionalen Zustand. Hinter den klaren Worten aber verbergen sich komplexe innerliche Zerwürfnisse und einander widerstrebende Begehren, die, einmal ausgesprochen, zu folgenschweren Missverständnissen führen können.
Die Tränen im Titel sind nie zu sehen, nur zu hören. Der Kranfahrer Thomas (Vladimir Vulević) bekommt am Arbeitsplatz einen Anruf von seiner aufgelösten Frau Carla (Agathe Bonitzer) und trifft sie im Park auf einer Bank. Aber die passenden Worte für die Traurigkeit zu finden, erweist sich als schwierig. Carla muss sich später, bei einem gemeinsamen Spaziergang, erst auf Umwegen mit einer Geschichte erklären. Wie das Paar einmal einen Tanzkurs genommen hat, zu dem er nur ihr zuliebe mitkam. Und wie sie, als er den Kurs nicht fortsetzen will, allein hingeht und dort zufällig David kennenlernt, der ebenfalls keine Partnerin hat.
Das Gefühl der Geborgenheit, das sie in diesem Moment in den Armen des Unbekannten verspürte, habe sie vorher noch nie erlebt. Jetzt ist David tot, gestorben bei einem Autounfall. Thomas hört zu, stellt Fragen, aber versteht nicht. Ihm platze der Kopf, schreit er irgendwann und setzt sich unter Schmerzen auf den Boden. Seine Gefühle, die er nicht artikulieren kann, haben sich in seinem Kopf eingenistet und expandieren.
Körper, Räume, Sprache – die Dreieinigkeit des Kinos
Schanelec hat sich in ihren letzten Filmen „Ich war zuhause, aber …“ und „Music“, die auf der Berlinale mit Silbernen Bären ausgezeichnet wurden, schrittweise vom klassischen Erzählkino entfernt und sich abstrakteren Formen des Denkens über Körper, Räume und Sprache – die Dreieinigkeit des Kinos – zugewandt.
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„Meine Frau weint“ verzichtet so radikal wie keiner ihrer Filme zuvor auf eine konventionelle Dramaturgie, der man noch mit einer Inhaltsangabe beikommen könnte. Stattdessen sehen wir ihren Figuren beim Formulieren von Gefühlen zu – „als läge der Sinn im Sprechen selbst“, wie es die Kindergärtnerin Carla dem Vater (Ben Carter) eines Kindes erzählt, der sich später selbst als Dichter und Nobelpreis-Kandidat herausstellt. Denn im Akt des Sprechens entsteht Bewusstsein, und der Raum, den die Worte füllen, ist das Fundament für eine zwischenmenschliche Beziehung.
Der Film
Meine Frau weint. Deutschland, Frankreich 2026 Regie und Buch: Angela Schanelec. Mit: Vladimir Vulević, Agathe Bonitzer, Birte Schnöink, Pauline Rebmann, Clara Gostynski, Ben Carter, Thorbjörn Björnsson. 93 Minuten. Kinostart: 11. Juni
Schanelecs vorsichtiges Ertasten dieser Beziehungen erfordert vom Publikum viel Geduld. Doch wer sich darauf einlässt, wird reich belohnt, weil der Fokus auf die „Gefühlsarbeit“ im Artikulieren das Prozesshafte, das Fragmentarische, aber auch verblüffende Nebenwege gedanklicher Assoziationen zutage fördert.
Sprechakte lösen sich in komischen Irritationen auf
Carla ist nicht die einzige Protagonistin, die über eine Beziehung sinniert. Thomas’ Arbeitskollegin Karen (Pauline Rebmann) erzählt, dass sie sich freuen würde, wenn ihr Partner Valentin den grüblerischen Thomas als seinen Freund bezeichnen würde, „weil ich dann denken würde, dass er nachdenklich ist“. Esteban (Thorbjörn Björnsson) wiederum, ein Freund Carlas, spricht von der Unmöglichkeit, die Leerstelle zu füllen, die die Gefühle seiner Frau nach dem Ende ihrer Liebe in ihm hinterlassen würden.
Thomas (Vladimir Vulević) versteht seine Frau Carla nicht.
© PR/Grandfilm
Schanelec zerlegt die Gefühle ihrer Figuren in einzelne Sprechakte, die sich auch mal in komischen Irritationen auflösen können. Beim Spaziergang im Tiergarten wird das Gespräch zwischen Carla und ihrer Arbeitskollegin Caudia (Clara Gostynski) plötzlich von einem anschwellenden, kakophischen Klang übertönt: Eine Blaskapelle probt im Park einen Marsch, im einsetzenden Regen löst sich die Musik bald aber wie eine Sandskulptur wieder auf. Und wenn das Reden über Gefühle an einen Endpunkt gekommen ist, geht die Choreografie der Worte im Raum in einen improvisierten Ausdruckstanz auf der Veranda zu Leonard Cohens „Lover Lover Lover“ über.
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Die Abstraktion von Schanelecs Erzählung ergibt sich eher aus dem scheinbar willkürlichen Nebeneinander von Alltagseindrücken und fragmentarischen Szenen. Einmal kommt Carla mit dem Fahrrad an Thomas’ Baustelle und winkt ihrem Mann in der Kanzel seines Krans aus der Ferne zu. Die langsame Bewegung des Kranarms lässt einen unwillkürlich daran denken, dass Thomas mit seinem Arbeitsgerät zurückwinkt.
„Meine Frau weint“ ist voll von solchen hinreißenden Details, für die sich im Laufe der 93 Minuten der Blick schärft, weil die statuarischen Einstellungen von Marius Panduru wie eine Einladung an das Publikum wirken, sich auf den Rhythmus und die Genauigkeit von Schanelecs Erkundigungen einzulassen.
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Das Ertasten der Sprache bekommt in „Meine Frau weint“ aber auch noch eine sinnlich-ästhetische Abstraktionsebene, weil Vladimir Vulević, Agathe Bonitzer, Thorbjörn Björnsson und Ben Carter als Nicht-Muttersprachler im Reden erst noch eine emotionale Bindung zu den deutschen Worten zu suchen scheinen, mit denen sie ihren Gefühlen nachspüren.
Ihre Sätze klingen in der Aussprache weich und überdeutlich, als müssten sich die Sprecherinnen und Sprecher ihres Sinnes erst habhaft werden. Der Raum, den ihre Worte füllen, behaust nicht nur zwischenmenschliche Beziehungen, sondern auch das Bewusstsein, das in ihm das Gefühl der Einsamkeit sicher aufgehoben ist.