Kleines Geständnis vorneweg: Auch Musikkritiker sind Fans. Wenn man mit zwölf Jahren als erste Single „Bock Buster!“ von Sweet gekauft hat, dann prägt einen das ein Stück weit. Deshalb bekommen Sweet für ihren Auftritt im Ulmer Zelt vom Schreiber dieser Zeilen einen gewissen Sympathiebonus. Den haben sie sich nach eineinhalb Stunden solide gespieltem Ohrwurm-Hardrock redlich verdient.

Last Man Standing bei Sweet ist Gitarrist Andy Scott

Genau genommen spielt da nur ein Viertel der originalen Band, denn bis auf Gitarrist Andy Scott haben alle bereits das Zeitliche gesegnet. Der wird demnächst 78 Jahre alt, hat eine Krebserkrankung hinter sich, wirkt ein wenig tapsig und sieht mittlerweile aus wie eine etwas fülligere Version von Gandalf dem Weißen. Zwischendrin muss er für ein paar Minuten die Bühne verlassen und ausschnaufen, während die restliche Band alleine weiterspielt. Andy Scott rockt zwar mit gebremster Energie, aber er rockt – und das randvolle Zelt freut sich, endlich mal wieder die alten Klopper zu hören, die sie in ihrer Pubertät begleitet haben.

Es gab Mitte der Siebziger keine andere Band, die so klang wie Sweet mit ihrem Charts-freundlichem Hardrock und dem hohen, scharfen Chorgesang. Damit haben sie zahlreiche spätere Bands inspiriert, von Kiss und Def Leppard bis zu Hair-Metaller wie Mötley Crüe und Poison. Selbst die Scorpions haben den Riesenhit „Fox On The Run“ zum peinlichen „Fuchs geh voran“ auf Deutsch umgetextet. Der enorme Einfluss von Sweet auf den Hardrock wird wegen des grotesken Glitzer-Looks ihrer Glamrock-Zeit gerne unterschätzt. Zu Unrecht.

Sweet brachten eine Generation zum Ausflippen

An diesem Abend im Zelt spielt die Band all ihre großen Hits, die vor allem in Deutschland eine Generation zum Ausflippen brachten, angefangen mit „Action“ und „Hellraiser“ bis zum finalen „Ballroom Blitz“. Die Band rockt das sehr solide und mit wachsender Freude in die reichlich ergraute Menge. Frontmann Paul Manzi macht einen guten Job, auch wenn ihm die stimmliche Schärfe von Brian Connolly abgeht, den die Band 1979 feuerte.

Nicht alle Songs von Sweet an diesem Abend sind echte Hits

Zwischendrin hängt der Auftritt etwas durch, denn Songs wie „Lost Angels“ oder „Windy City“, kennen die wenigsten, ganz zu schweigen von „Circus“ vom kernigen letzten Studioalbum „Full Circle“. Aber es werden ja noch die frühen Hits aus der Bubblegum-Pop-Zeit unters Volk gebracht wie „Co-Co“, „Little Willy“ oder „Wigwam-Bam“. Da reicht es, sie zum Medley zu verhackstücken. Natürlich singen alle mit – war ja schließlich unsere Pubertät. Aber mit so einem reifen Stück wie ihrem letzten Hit „Love Is Like Oxygen“ können sie nicht mithalten. Natürlich haben sie „Block Buster“ als Zugabe gespielt. Plötzlich ist man für drei Minuten wieder zwölf.