Eine ketzerische Erkenntnis: Impfungen können einen Schutzeffekt für Demenz haben. Prof. Dr. Hans-Christoph Diener stellt diese und 5 weitere Studien vor.
Transkript des Videos:
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
mein Name ist Christoph Diener von der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen. Ich freue mich, Ihnen heute eine Auswahl wegweisender Studien vorstellen zu dürfen, die im Januar 2026 erschienen sind.
1. Prävention von Demenzen durch Impfungen
In der Neurologie mehren sich die Belege, dass Impfungen bei älteren Menschen vor Demenz schützen können. Eine aktuelle Großstudie aus den USA, veröffentlicht im Fachmagazin Vaccines, untersuchte hierzu die Daten von 120 Millionen Bürgern.
Studienaufbau: Analysiert wurden Personen über 60 Jahre, die gegen das RS-Virus (36.000 Personen), Herpes zoster (103.000 Personen) oder gegen beides (79.000 Personen) geimpft worden waren. Als Kontrollgruppe dienten Grippegeimpfte.Ergebnisse: Über einen Beobachtungszeitraum von 18 Monaten zeigte sich ein signifikanter Schutzeffekt vor einer Demenzdiagnose – sowohl für die Herpes-zoster-Impfung als auch für die RSV-Impfung. Wurden beide Vakzine verabreicht, war die Schutzwirkung am höchsten.
Fazit: Unabhängig vom Schutz vor Infektionen ist die RSV-Impfung neben der Herpes-zoster-Vorsorge eine wichtige Empfehlung für ältere Patienten.
2. Neuer Serum-Marker für die Alzheimer-Diagnostik
Bei der Therapie mit monoklonalen Antikörpern gegen Beta-Amyloid ist die frühzeitige Identifizierung geeigneter Patienten entscheidend. Während bisher aufwendige Amyloid-PET-Untersuchungen oder Liquor-Analysen nötig waren, rückt nun der Serum-Marker phosphoryliertes Tau 217 in den Fokus.
Studiendaten: Eine Auswertung in JAMA Neurology mit 7.800 Teilnehmern belegt, dass dieser Marker hochsensitiv ist. Er identifiziert zuverlässig Personen mit Amyloid-Ablagerungen, unabhängig davon, ob bereits kognitive Einschränkungen vorliegen oder nicht.
In Zukunft könnte dieser einfache Bluttest das Amyloid-PET in der Frühdiagnostik des Morbus Alzheimer ersetzen.
3. Herpes-simplex-Enzephalitis: Dexamethason ohne Zusatznutzen
Eine frühe antivirale Therapie mit Aciclovir ist bei der Herpes-simplex-Enzephalitis lebensrettend. Die Frage nach einer begleitenden Kortisongabe wurde nun in einer randomisierten Studie in Lancet Neurology in Großbritannien geklärt.
Die Patienten erhielten zusätzlich zu Aciclovir entweder ein Plazebo oder für 4 Tage Dexamethason.Es konnte kein Nutzen hinsichtlich der Sterblichkeit oder des funktionellen Outcomes festgestellt werden.Eine routinemäßige Zusatztherapie mit Dexamethason ist daher nicht zu empfehlen.4. Chirurgische Therapie bei intrazerebralen Blutungen
Die Get-With-The-Guidelines-Gruppe hat Daten von über 500.000 Patienten mit spontanen intrazerebralen Blutungen (2011–2021) ausgewertet und in Annals of Neurology veröffentlicht.
Der Vergleich zwischen minimalinvasiven neurochirurgischen Eingriffen und der offenen Kraniektomie zeigt: Minimalinvasive Verfahren reduzieren zwar die Mortalität im Krankenhaus, haben jedoch keinen Einfluss auf das langfristige funktionelle Outcome. Die generelle Sinnhaftigkeit operativer Eingriffe bei spontanen Blutungen bleibt somit ein Thema für weitere Studien.
5. Migräne-Therapie: Antikörper bei Kindern und Sport als Prävention
Hier gibt es gleich 2 wichtige Neuigkeiten:
Fremanezumab für Kinder: Im New England Journal of Medicine wurde die erste Studie zum Einsatz von CGRP-Antikörpern bei Kindern und Jugendlichen mit episodischer Migräne publiziert. Die Dosierung erfolgte gewichtsadaptiert (120 mg bei < 45 kg; 225 mg bei > 45 kg). Fremanezumab senkte die Migränetage signifikant; die 50%-Responderrate lag bei 47 % (Plazebo: 27 %). Die EU-Zulassung wurde bereits beantragt.Das richtige Maß beim Sport: Eine Meta-Analyse in Headache untersuchte den Effekt von aerobem Ausdauertraining. Es zeigte sich eine U-förmige Verteilung. Sowohl zu wenig als auch exzessiv betriebener Sport führen zu mehr Migränetagen. Dreimal wöchentlich 30 Minuten moderates Training scheinen ideal zu sein, um die Häufigkeit und Schwere der Migräne zu reduzieren.
Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit und hoffe, dass diese Erkenntnisse Ihren klinischen Alltag bereichern. Herzliche Grüße, Ihr Christoph Diener Medizinische Fakultät der Universität Duisburg-Essen