
In Tianjin tragen Polizisten 40 Gramm leichte KI-Brillen, die Gesichter in Millisekunden scannen und direkt mit Datenbanken abgleichen.
Während man hierzulande noch über den Einsatz von Palantir-Produkten durch die Polizei streitet, setzt China in Metropolen wie Tianjin bereits auf KI-gestützte Smart Glasses im Streifeneinsatz. Bei der vernetzten staatlichen Überwachung ist man dort schon einen entscheidenden Schritt weiter.
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Wo in Deutschland die private Überwachung und deren Vernetzung und Auswertung durch private Firmen wie der Schufa oder den Wirtschaftsauskunfteien Creditreform und CRIF (ehemals CRIF Bürgel) bislang als unvermeidlich hingenommen wird und nur eine Verknüpfung mit staatlichen Einheiten befürchtet wird, ist die staatliche Aufsicht in China schon weiter fortgeschritten.
In China gehören Überwachung und Gesichtserkennung im öffentlichen Raum schon seit Jahren zum Alltag. Ein Ausgangspunkt war in China das Sozialkreditsystem, welches sich das deutsche private Schufasystem zum Vorbild nahm und in der schnell wachsenden wirtschaftlichen Entwicklung Licht in die teilweise verborgenen wirtschaftlichen Aktivitäten und die Steuermoral brachte.
Im Rahmen des Systemausbaus sollen inzwischen landesweit mehrere Hundert Millionen Kameras installiert sein. Eine Kameradichte wie sie in Europa nur aus London bekannt ist. So sollen im Großraum London rund 630.000 bis 1 Million Kameras installiert sein.
Mit mobilen vernetzten Kameras wird das Überwachungssystem erweitert
In China tragen Polizisten KI-Brillen, die in Millisekunden Gesichter, Nummernschilder und Objekte erkennen. Die 40 Gramm leichte Brillen mit Kamera, OCR-KI-Erkennungssystem und Internetanbindung scannen in Echtzeit alles. Was sich wie Science-Fiction anhört, soll in Tianjin schon Alltag sein.
Die Smart Glasses aus Tianjin sollen komplett in China entwickelt worden sein. Hard- und Software sollen aus chinesischer Produktion stammen. Die Technik basiert auf OCR-Bilderkennung und KI-Sprachmodellen.
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Dazu kommen Texterkennung, Sprachsteuerung sowie Echtzeit-Datenbankabgleich. Laut China Daily erreichen die Brillen eine Erkennungsgenauigkeit von über 95 Prozent, was für OCR-Programme heute der Mindeststandard ist, und liefern Ergebnisse in Millisekunden.
Mussten sich Polizisten auf Streife früher vor allem auf ihre eigene Beobachtung und Erinnerung stützen, würden die Smart Glasses, die über eine zentrale Plattform vernetzt sind, heute bereits in Bereichen wie Verkehrsmanagement, Streifendienst sowie bei der Suche nach vermissten Personen eingesetzt, heißt es in dem Bericht.
Beamte können mit den Brillen Identitätsprüfungen direkt vor Ort durchführen, ohne Funkgerät oder Tablet. Im Gegensatz zu am Körper getragenen Bodycams, die an der Brust befestigt werden, bieten die Smart-Brillen die Ich-Perspektive, sodass das Bild nicht wackelt, wenn sich der Beamte bückt oder dreht.
Die Smart Glasses wiegen laut dem Bericht etwa 40 Gramm und ermöglichen eine Akkulaufzeit von bis zu zwei Stunden im durchgehenden Einsatz. Dies sei ausreichend für einen gewöhnlichen Streifengang.
Sensoren in den Bügeln aktivieren die Brille beim Aufsetzen und schalten sie in den Standby-Modus beim Abnehmen. Das spart Akkukapazität und macht die Technik für die Polizeiarbeit alltagstauglich.
Berichtet wird über die Erfahrung bei der Identifizierung eines desorientierten alten Mannes der an einer Kreuzung stand und weder Namen noch Adresse nennen konnte. Die Brille identifizierte ihn sofort, binnen 20 Minuten war die Familie kontaktiert und der Mann sicher zu Hause.
Zunehmende Vernetzung der Überwachungsmöglichkeiten
Der Markt für öffentliche Sicherheitstechnologie verzeichnet laut Branchenanalysen ein deutliches Wachstum zwischen 2015 und Mitte der 2020er Jahre, mit jährlichen Wachstumsraten je nach Segment oft im hohen einstelligen bis zweistelligen Prozentbereich.
Ob Smart Glasses, Polizeiroboter oder Drohnen. In Chengdu arbeiten humanoide Roboter, Roboterhunde und KI-Brillen zusammen, um ein dreidimensionales Kontrollsystem aus Luft, Boden und Einzelbeamten aufzubauen. In Shenzhen ist für 2026 ein weiterer Ausbau dieser Techniken geplant.
Ein leitender Verantwortlicher der Polizeitechnikabteilung in Tianjin kündigte die Vernetzung von Roboterhunden, intelligenten Polizeifahrzeugen und humanoiden Robotern an. Damit sollen koordinierte Mehrsystem-Einsätze ermöglicht werden.
In China ist die Verzahnung mit dem Sozialkreditsystem Realität. Wer negativ auffällt, kassiert Sanktionen. Diese beginnen bei Reiseverboten und reichen bis zu eingeschränktem Zugang zu Dienstleistungen. China fährt offensichtlich seine Überwachungsinfrastruktur massiv hoch.
An einer Schule in Tianjin registrieren Eltern, die ihre Kinder zur Schule bringen oder von dort abholen wollen, ihre Kennzeichen vorab in einer App, die mit dem Backend der Polizeibrillen verknüpft ist. Beamte erkennen dann die autorisierten Fahrzeuge sofort und leiten sie zügig durch die Hol- und Bringzone, während andere Autos umgeleitet werden.
In Tianjin soll die 2026 World Intelligent Industry Expo einen Überblick über den Stand der chinesischen Sicherheitstechnik bringen. Es ist damit zu rechnen, dass sich auch europäische Spezialisten auf der Messe umsehen und es letztlich nicht beim Bestaunen der chinesischen Erfolge bleibt, die politischen Weltreisenden regelmäßig die Sprache verschlägt.
Ist eine derartige Polizeiunterstützung auch in Deutschland denkbar?
Die Überwachungstechnik bleibt nicht auf China beschränkt. New Delhi setzte im Januar KI-Brillen bei den Feierlichkeiten zum Tag der Republik ein, die niederländische Polizei testet seit 2020 Vuzix Blade AR-Brillen für Streifenbeamte. Während China seine Technik massiv ausbaut, stoßen solche Systeme in Europa noch auf beachtliche rechtliche Hürden.
Die DSGVO setzt sehr enge Grenzen für eine anlasslose, massenhafte Überwachung. Die Zweckbindung, Datenminimierung und strenge Regeln für biometrische Daten behindern bislang die polizeiliche Kontrolle.