Um kurz vor Mitternacht, im fernen Seattle hat die USA gerade den zweiten Sieg erspielt, setzt Marcus Wiebusch den fußballkulturellen Kontrastpunkt. Dort, bei der WM, bietet der generische David-Guetta-Sound von „DNA» die perfekte Kommerz-Nebenbeschallung. Hier, beim Duisburger Traumzeit-Festival, spricht und singt sich der Kettcar-Frontmann durch „Der Tag wird kommen». Ein lyrisches Kunstwerk über einen schwulen Fußballer, der noch immer nicht zu seiner Sexualität stehen kann. „Einer wird es schaffen, aber ich bin es nicht.»

Mit der ihr eigenen Mischung aus politischem Erzähllied und Indie-Liebeshymne steht die Hamburger Band am Ende des ersten Festivaltags auf der Cowperbühne mit Blick auf den roterleuchteten alten Wärmespeicher im Landschaftspark Duisburg-Nord.

Den Anfang macht rund fünf Stunden zuvor Sören Link nebenan in der Giesshalle, auf der industrieromantischsten der drei Festivalbühnen. „Herzlich willkommen zum Sommerkino», sagt Link dort. Ein Witz, der zwei Dinge zeigt: Er fühlt sich wohl und die Stimmung ist gut. Sehr gut sogar. Festival- und Campingtickets waren schon vor Beginn ausverkauft, nur für Freitag und Sonntag gab es noch Tageskarten für Spontane. Während viele kleine Festivals in Deutschland schwächeln, scheinen sie in Duisburg etwas sehr richtig zu machen.

Vielleicht liegt es auch an der Tradition, die sie hier nach 29 Jahren Traumzeit noch immer sehr hoch halten. Denn gleich nach Link und der Verabschiedung des langjährigen Festival-Organisator Frank Jebavy, war wie immer der Knappenchor an der Reihe. Zwar nicht mehr „Rheinland» aus Moers, der sich kürzlich endgültig auflösen musste. Aber auch die nachgefolgten Kollegen aus Gelsenkirchen verwandelten erst die Tribüne in einen Steigerlied-Chor der Tausenden Kehlen. Dann feuchteten sie die ihrigen mit einer von Link servierten Runde Schnaps. Die Traumzeit 2026 konnte beginnen.

Das Publikum zwischen Park und Industriebrache ist zum Auftakt sehr gemischt. Fast alles ist vertreten, was nicht jugendlich ist. Ü-30 dominiert im Duisburger Norden, dazwischen auch viele Kinder. Wer hier hinkommt, sieht nicht wirklich nach Festival aus. Eher nach Menschen, die sich für einen netten Sommer-Ausgehabend zurechtgemacht haben. Hier essen, da trinken, dort tanzen. Festival light in schön beleuchteter Atmosphäre. Das funktioniert.

Viel politische Schwere bringt hingegen Marlo Grosshardt mit, der zweite Act an diesem Hamburger Hauptbühnen-Abend. Wie bei Kettcar geht es meist um Politik, Liebe oder gleich beides. Nur eine Spur jünger und radikaler. Im Stile eines linken Liedermachers der Gen Z singt Grosshardt begleitet von seiner fünfköpfigen Band darüber, beim Krieg nicht mitzumachen, sich gegen den Faschismus aufzulehnen und ein fatalistisches letztes Liebeslied, bevor „alle krepieren“. Zwei Songs stechen besonders hervor: „Oma“, das sich in seiner Angst vor der politischen Zukunft an seine verstorbene Großmutter richtet und ein viraler Internet-Hit wurde, sowie „Astronaut“, eine Hommage an den Umgang seiner Eltern mit ihm, ihrem als Kind schwer lungenkranken Sohn. Es ist der Auftritt eines jungen Musikers, der sich aufmacht, einer der ganz Großen zu werden.

Die Stimmung am ersten Traumzeit-Tag ist durchweg gut. Knappenchor, Grosshardt und Kettcar werden ebenso wie die auf dem Gelände verteilt spielenden kleineren Acts dazwischen von viel Applaus begleitet. Dass es hingegen in der Duisburger Festival-Geschichte schon bewegungsfreudigere Publikums gab, lässt sich wohl in Teilen dem Wetter zuschreiben. Da startete das Programm schon erst am Abend und dennoch waren es noch deutlich mehr als 30 Grad. Dass es auch noch nachts tropisch warm war, lag am Glück der Verantwortlichen. Das Gewitter samt Unwetter, das Düsseldorf am Abend traf, trug im Duisburger Norden mit seinen fernen Blitzen allenfalls zu einer noch stimmungsvolleren Kulisse bei.

Abseits vom Hamburger Liedermachen bot das Programm der übrigen Bühnen zum Auftakt mehr musikalische Vielfalt. Takeshi’s Cashew muteten wie eine spontane Jam Session einiger Hochbegabter an, die sich an Melodien zwischen Balkan und Orient bedienten. Florence Road präsentierten gefälligen irischen Indie-Rock, dem die letzte Besonderheit fehlte.

Neft lieferten sehr tanzbare House-Beats, unterbrochen von harten Bässen, die man so eher bei der Nature One als der Traumzeit erwartet hätte. Am Samstag werden dann rund um die Londoner Alternative-Band White Lies auch die Hauptacts internationaler sein.

Nach den „Polit-Brechern“ über Rassismus, Flucht und die Wendejahre kündigt Kettcar-Sänger Marcus Wiebusch den Emo-Block aus Liebesliedern an. Im Duo mit seinem in wenigen Tagen nach 25 Jahren aus der Band aussteigenden Bruder Lars am Keyboard singt er das gefühlvoll-reduzierte „Balu“. Zwischendurch geht es immer wieder auch um Duisburg, die guten Erinnerungen an ihre beiden vorherigen Traumzeit-Auftritte und die fehlenden an einen aus dem Jahr 2003, bei dem die Band heute die Location nicht mehr weiß.

Mit Hinweis auf den größten Binnenhafen Europas leiten Kettcar „Landungsbrücken raus“ ein, dann ist es nicht mehr lange bis zum abschließenden „Deiche“. Und der darin enthaltenen Botschaft, mit der die Band ihr Publikum in die warme Nacht entlässt. „Nur weil man sich so dran gewöhnt hat, ist es nicht normal. Nur weil man es nicht besser kennt, ist es nicht, noch lange nicht, egal.“