Filme über Ingeborg Bachmann können schief gehen. Der pathetische und teils unfreiwillig komische Spielfilm „Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste“ (2023) mit Vicky Krieps in der Titelrolle ist dafür ein Beispiel. Nun gibt es zum 100. Geburtstag der Schriftstellerin wieder eine Kinoproduktion. In „Ingeborg Bachmann – Jemand, der ich einmal war“ mischt Regina Schilling dokumentarisches Material mit Spielszenen.

Der Kniff des Films besteht darin, dass Sandra Hüller als Ingeborg Bachmann auftritt. Aber nicht als Schauspielerin, die eine Rolle übernimmt, sondern im Rahmen eines Freundschaftsprojekts zwischen ihr und der Regisseurin. „Geisterbeschwörung“ nennen die beiden ihre Unternehmung, und der Blick auf das Zustandekommen des Films („Bitte sag ja“) und hinter die Kulissen ist Teil der Produktion: das Anlegen der Perücke, die Ankunft in einer Wohnung in Rom, die der Bachmanns ähnelt.

Hüller liest Texte Bachmanns, sie verkörpert sie buchstäblich, wenn aus dem Off von Bachmann erzählt wird. Sie probiert Kleider an, läuft am Strand, bis sie nicht mehr kann, sie tanzt am Tiber und düst im Alfa Romeo durch Italien. Das ist ein nettes, manchmal etwas überillustrierendes Add-On. Das Stärkste an dem Film sind jedoch die Annäherungen an Bachmann und ihre Zeit.

Regina Schilling hat viel Lob für Dokumentationen wie „Kulenkampffs Schuhe“ bekommen, und nun fördert sie aus den Archiven wieder großartige Bilder zutage. Zudem wirkt ihre Zitat-Auswahl erhellend. Man bekommt Lust, selbst in die Texte einzutauchen. Unterlegt werden die Aufnahmen mit Kompositionen der Musikerin Anja Plaschg alias Soap & Skin.

Schilling arbeitet in ihrer Montage heraus, wie grundlegend die Kriegserfahrung für das Werk Bachmanns ist. Dieser Aspekt kommt ja oft etwas zu kurz. Sie macht die Kämpfe nachvollziehbar, die Bachmann in der männerdominierten Literaturszene auszustehen hatte, als man ihre Prosa schlecht redete, weil man sie ausschließlich als Lyrikerin betrachten wollte. Aus heutiger Sicht unfassbare O-Töne, etwa von Marcel Reich-Ranicki darüber, dass Frauen keine großen Werke in der Literatur und Musik schaffen können, lassen den Erfolg Bachmanns umso bewundernswerter erscheinen.

Toll sind die Kronzeugen, die hier auftreten. Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek etwa und der ohnehin immer hörens-und lesenswerte Literaturwissenschaftler Helmut Böttiger.

„Jemand, der ich einmal war“ ist eine würdige und erhellende Annäherung an diese von so vielen Mythen verstellte Schriftstellerin. Und wer aus dem Kino nach Hause kommt und noch mehr wissen möchte über Ingeborg Bachmann, möge sich die einstündige und ebenfalls sehenswerte Doku „Dichten für die Wahrheit“ von Barbara Frank ansehen. Man findet sie in der Arte-Mediathek.

„Ingeborg Bachmann – Jemand, der ich einmal war“, Regie: Regina Schilling, mit Sandra Hüller, 103 Min.