Gleich zwei Stars der internationalen Kunstszene kann man zurzeit in Duisburgs Museen kennenlernen. Zum einen den indisch-britischen Bildhauer Anish Kapoor im Lehmbruck-Museum (bis 30. August) und nun den spanischen Künstler Jaume Plensa im Museum Küppersmühle für moderne Kunst. Es ist die erste Präsentation Plensas in einem deutschen Museum seit zehn Jahren.
Duisburg ist für den vielfach preisgekrönten Künstler aus Barcelona übrigens kein Neuland. Im Jahr 2005 konnte ihn der damalige Direktor des Lehmbruck-Museums, Christoph Brockhaus, für eine Ausstellung mit dem Fragezeichentitel „Glückauf?“ gewinnen. Schön, dass sich die beiden architektonisch so verschiedenen Museen, die jeweils auf ihre Weise herausragend sind, so ergänzen. Ein enormer Gewinn für Duisburg!
International bekannt ist Jaume Plensa (Jahrgang 1955) durch seine monumentalen Arbeiten im öffentlichen Raum geworden. In vielen großen Städten, in Europa, in den USA und Asien sind sie zu finden. In Deutschland steht unter anderen die Großskulptur „Laurelle“ in Bonn-Bad Godesberg, „Body of Knowledge“ in Frankfurt am Main und „Gläserne Seele“ in Potsdam. Im Sommer 2025 war Plensa mit seinem Projekt „Secret Garden“ bei den Salzburger Festspielen vertreten. Dort traf er mit Walter Smerling, dem Direktor des Museums Küppersmühle, zusammen. Und dort wurde der Plan für die Ausstellung in Duisburg geschmiedet, die am Donnerstag, 25. Juni, 19 Uhr, eröffnet wird und bis zum 1. November zu sehen ist. Es ist eine grandiose Schau geworden.
Bereits vor dem Museum empfängt die Besucherinnen und Besucher die monumentale Skulptur „Flora“. Im Museum selber wurden in den vergangenen beiden Wochen insgesamt 50 „Schwestern“ von „Flora“ installiert. Diese zum Teil riesigen menschlichen Köpfe, stets in die Länge gezogen und mit geschlossenen Augen, sind typisch für das gesamte Schaffen Plensas. Manchmal mahnt ein an die Lippen gehaltener Finger zur Stille. Durch die künstlerische Verlängerung des Kopfes und des Gesichts bekommen alle Figuren etwas Einheitliches, gleichwohl kann man individuelle Züge in den weiblichen Antlitzen erkennen.
Jaume Plensa geht es eigenem Bekunden darum, die Würde aller Menschen in seinen Skulpturen festzuhalten und das, was die Menschheit eint, in den Mittelpunkt zu stellen. Zugleich soll das Individuelle erhalten bleiben. Ein wahrer Menschheitstraum!
Der österreichische Schriftsteller Clemens J. Setz hat für den im August erscheinenden Katalog einen schönen Essay über Jaume Plensa und seine Großskulpturen im öffentlichen Raum geschrieben. Da heißt es treffend: „Diese großen, still vor sich hin sinnenden Köpfe stehen als Wächter in unseren urbanen Sphären, Vertreter eines Geschlechts von Riesen, die die Straßen erträumen, durch die wir im selben Augenblick laufen.“ Die Ausstellung im Museum Küppersmühle lässt uns noch eindringlicher die Tiefenschichten von Plensas Kunst spüren. In dessen schönen Skulpturen möchte man riesige Wächterinnen der Menschlichkeit sehen.
Neben den Skulpturen aus Marmor, Granit und Holz schuf der Künstler auch „unsichtbare“ Werke aus Stahl, die so groß sind, dass man sich in sie hineinstellen kann. Auch diese Skulpturen sind als Gesichter gestaltet. Die Stahlelemente, aus denen die Skulpturen zusammengesetzt sind, bestehen aus unterschiedlichen Buchstabenformen.
„Mir geht es dabei um die Sprachen der Welt“, sagte der Künstler beim Pressegespräch. Zu den sprachlichen Universalien gehört nach Ansicht Plensas auch die Musik. Deshalb besteht eines diese „unsichtbaren“ Stahlwerke aus Notenzeichen.
Ein Film, der in Dauerschleife im Museum Küppersmühle gezeigt wird, zeigt Plensa bei seiner Arbeit im Atelier in Barcelona, das so groß wie eine Werkshalle ist. Dort ist auch die sieben Meter hohe „Invisible Anna“ entstanden, die nun dauerhaft in den Silotürmen, im Durchgang von Alt- und Neubau, aufgestellt wurde. Eine wirklich schöne Bereicherung fürs Museum!
Neben den riesigen „Wächterinnen“, deren Vorbilder übrigens stets auf der ganzen Welt fotografierte Frauen sind, zeigt die Schau auch Zeichnungen des Künstlers sowie eine mehrteilige Arbeit, die Türen zeigt, auf denen die Menschenrechte zitiert werden. Diese Arbeit entstand schon vor einigen Jahren, sie sei aber gerade jetzt besonders aktuell und werde deshalb auch in der gegenwärtigen Ausstellung gezeigt, so der Künstler.