Etwas Zeit bleibt Mel Brooks noch, bis sich die Prämisse eines seiner bekanntesten Witze erfüllt. In dem halbstündigen Improv-Sketch „2000 Year Old Man“ mit seinem langjährigen Partner Carl Reiner, erstmals 1961 in der „Ed Sullivan Show“ aufgeführt, rekapituliert er mit übertrieben jüdischem Akzent die Lebensgeschichte eines amerikanischen Methusalems, inklusive zahlreicher Ehen im Laufe der Jahrhunderte.

Comedy ist für Brooks aber nie bloße Unterhaltung gewesen. Auf die Frage Reiners, welche Fortbewegungsmittel ihn in seiner Lebenszeit vorangebracht haben, antwortet er, ohne eine Miene zu verziehen: „Meistens Angst.“

An diesem Sonntag feiert das komische Universalgenie Mel Brooks seinen 100. Geburtstag. Man darf damit ohne Übertreibung sagen, dass er die besten Jahrzehnte der amerikanischen Unterhaltungsindustrie erlebt hat. Brooks war schon da, als es noch nicht als selbstverständlich (und per se karriereförderlich) betrachtet wurde, als jüdischer Künstler Witze zu machen.

Vom jüdischen Stand-up-Komiker zum Nonsens-Experten in Hollywood

In den 1960er Jahren, als jüdischer Humor dann aus der amerikanischen Comedy nicht mehr wegzudenken war, gehörte er zu den prägendsten Figuren. Und in den 1970er Jahren machte Brooks den verstiegenen, beißenden Klamauk, dem die Marx-Brothers einst die Türen geöffnet hatten, in Hollywood mit Parodien wie „Der wilde wilde Westen“ und „Frankenstein Junior“ zu seinem Markenzeichen.

ANNE BANCROFT ERIC June 8, 2005 - K22013AR SD0603.2001 TONY AWARDS.RADIO CITY MUSIC AWARDS, NEW YORK CITY..MEL BROOKS AND ANNE BANCROFT. ANDREA RENAULT - ANNEBANCROFTRETRO Copyright: xAndreaxRenaultx 40 Jahre kreative Partnerschaft. Anne Bancroft und Mel Brooks.

© IMAGO/ZUMA Press Wire/IMAGO/Andrea Renault

Als sein Gegenpol fungierte in diesen Jahren der ewige Neurotiker Woody Allen, doch Brooks’ Humor ist nicht weniger existenzialistisch. „Lachen ist ein Protestschrei gegen den Tod, gegen den langen Abschied“, schreibt er in seinen Memoiren „All About Me! My Remarkable Life in Show Business“, die vor fünf Jahren erschienen. Auch in der zweiteiligen Dokumentation „The 99 Year Old Man!“ von Judd Apatow, auch so ein Brooks-Erbe, sind seine Lebenserinnerungen von einer unterschwelligen Melancholie durchzogen.

Lachen ist ein Protestschrei gegen den Tod, gegen den langen Abschied.

Mel Brooks, Komiker und Regisseur

Mit 100 Jahren ist man eben automatisch ein Überlebender. Mel Brooks hat als Letzter seiner Art alle Weggefährten überdauert: die Show-Legende Sid Caesar, bei dem er in den 1950er Jahren das Handwerk lernte, seinen früheren Comedy-Partner Carl Reiner, seinen Lieblingsdarsteller Gene Wilder, mit dem er seine größten Erfolge feierte. Und natürlich seine 2005 verstorbene Ehefrau Anne Bancroft, mit der er unter anderem 1983 in dem Lubitsch-Remake „Sein oder Nichtsein“ gemeinsam vor der Kamera stand.

Tagesspiegel Checkpoint: Berlins beliebtester Newsletter

Der schnellste Berlin-Überblick von Montag bis Samstag.

Von Geburt an vorgezeichnet war Brooks’ Karriereweg nicht. Geboren 1926 als Melvin Kaminsky im New Yorker Arbeiterviertel Williamsburg, seinem amerikanischen Shtetl, verlor das jüngste von vier Kindern seinen Vater früh an Tuberkulose. Seine Kindheit beschreibt er in der Autobiografie als glücklich und liebevoll, aber mit gelegentlichen Anflügen einer Depression wegen des frühen Todes des Vaters.

Er versucht sich zunächst als Musiker, wird im Zweiten Weltkrieg aber von der Armee eingezogen und steht in der Ardennenoffensive 1944 an vorderster Front. Den Antisemitismus seiner Landsleute bekommt er in diesen Jahren erstmals zu spüren, unter anderem wird er mit der gefährlichen Mission des Minenentschärfers betraut.

TO BE OR NOT TO BE MEL BROOKS PICTURE FROM THE RONALD GRANT ARCHIVE A BROOKSFILM TO BE OR NOT TO BE MEL BROOKS A BROOKSFILM Date: 1983. Strictly editorial use only in conjunction with the promotion of the film. Credit line mandatory. This image is copyright of the film company and is supplied under the terms of issue as film still. No commercial or book cover use permitted without prior consent from the film company. PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Mandatory credit line: Image courtesy Ronald Grant Archive / Mary Evans Jüdischer Humor. 1983 steigt Mel Brooks im Lubitsch-Remake „Sein oder Nichtsein“ in ein gewagtes Kostüm. 

© imago images/Ronald Grant/Mary Evans Picture Library via www.imago-images.de

Zurück in den USA schließt er sich dem Writer’s Room von Sid Caesars Bühnenshows an, in deren Ensemble er bald an der Seite von Neil Simon und Woody Allen aufrückt. Der Legende nach – sprich: Brooks’ Memoiren – soll der notorisch alkoholisierte Caesar ihn einmal am Kragen haltend über die Balustrade seines Hotelzimmers gestoßen haben, weil sich der Newcomer über die Unterkunft beschwerte. Auch diese Nahtod-Erfahrung münzte er später in Comedy-Gold um.

Unvergesslich machte sich Mel Brooks aber 1968 mit seinem Regiedebüt „Frühling für Hitler“ (im Original „The Producers“) über eine desolate Theatertruppe, deren fest eingeplanter Bühnenflop – eine Musikrevue über den Gröfaz – sich als Überraschungserfolg entpuppt, weil das Publikum die dreiste Nazi-Hommage als Satire feiert. Mit seiner Gesangs- und Tanznummer „Springtime for Hitler“, später in „Sein oder Nichtsein“ grenzdebil aktualisiert als „Hitler-Rap“, fand Brooks auch die Comedyformel für seine Hollywoodkarriere: eine Mischung aus Blödelhumor und bizarren Musicaleinlagen. Entsprechend avancierte „The Producers“ Anfang des Jahrtausends auch noch zu einem Broadwayhit.

Furzende Cowboys, sinnfreie Wortspiele, ein steptanzendes Alien

Furzende Cowboys, ein grimassierender Marty Feldman, inspiriert-sinnfreie Wortspiele, vor denen die deutschen Synchronfassungen oftmals kapitulierten, visuelle Nonsens-Gags, ein steptanzendes Alien in der „Star Wars“-Verarschung „Space Balls“ (1987), jüdische Astronauten (in „Die verrückte Geschichte der Welt“, 1981) und eine Stummfilm-Hommage („Silent Movie“, 1976), in der der einzige Satz von dem weltberühmten Pantomimen Marcel Marceau gesprochen wird: Alles passt ins Humor-Repertoire von Brooks.

1987 - Spaceballs - Movie Set RELEASE DATE: June 24, 1987. MOVIE TITLE: Spaceballs. STUDIO: MGM. PLOT: Planet Spaceball s President Skroob sends Lord Dark Helmet to steal Planet Druidia s abundant supply of air to replenish their own, and only Lone Starr can stop them. PICTURED: MEL BROOKS as Yoghurt. San Diego California USA Copyright: xMGMx Möge der Saft mit Dir sein. Mel Brooks als Meister Joghurt in der Weltraum-Klamotte „Spaceballs“.

© IMAGO/ZUMA Press Wire/IMAGO/MGM

Dass er auch ein Filmfan ist, beweist er 1977 mit seiner Hitchcock-Hommage „Höhenkoller“, für die er sich das Okay vom „Master of Suspense“ persönlich einholte. Die Komödie wurde zur Blaupause für sogenannte Genre-Spoofs, die sich ab Anfang der 1980er mit dem Erfolg der Katastrophenfilm-Persiflage „Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug“ wachsender Beliebtheit erfreuten. Damit ist Brooks in gewisser Weise auch der Urvater der „Scary Movie“-Filme, deren sechster Teil gerade in den Kinos läuft. Und im kommenden Jahr steht zum 40. Jubiläum das Sequel der Weltraum-Klamotte „Space Balls“ (Regie: Josh Greenbaum) an.

Aber nicht alle waren Fans. Hedy Lamarr verklagte Brooks in den 1970er Jahren, weil der Name des korrupten Gouverneurs in „Der wilde wilde Westen“, Gegenspieler des von Cleavon Little gespielten schwarzen Cowboys Bart, unmissverständlich auf den Namen des Hollywoodstars anspielte. Das ist lange her. In „The 99 Year Old Man!“ erzählt Ben Stiller, dass ohne Brooks’ Vorarbeit seine Fashion-Farce „Zoolander“ undenkbar gewesen wäre.

Mehr zum Thema Kino im Tagesspiegel:Kinodebüt von „Supergirl“ Ganz schön auf den Hund gekommen Rekordfilm „Obsession – Du sollst mich lieben“ Dating ist für die GenZ der reinste Horror Hollywood-Superstar und Stil-Ikone in Berlin In diesem Second-Hand-Laden schaute Zendaya vorbei

Auch wenn Brooks’ brachialer Humor über die Jahre nicht sonderlich gut gealtert ist, liebt Amerika sein Humor-Urgestein bis ins hohe Alter. 2016 verlieh ihm Barack Obama die National Medal of Arts, vor zwei Jahren ehrte die Academy ihn mit einem Ehrenoscar.

Sein Vermächtnis: Seinen Handabdruck im Beton des Walk of Fame in Hollywood zieren sechs Finger. Mel Brooks, der ewige Quatschkopf der amerikanischen Komödie, hatte sich bei der Zeremonie heimlich eine Prothese des kleinen Fingers angeklebt. Ein zweiter Mittelfinger hat physiognomisch leider nicht gepasst.