Die bestehende Energiestrategie weiter umsetzen oder in Zukunft wieder neue Kernkraftwerke (KKW) bauen? Diese Frage steht spätestens seit dem Gegenvorschlag des Bundesrates auf die «Blackout-Initiative» im Zentrum der Schweizer Energiepolitik und wird am Ende durch das Schweizer Volk entschieden.  

Eine neue Studie von 19 Energieexpertinnen und Experten der ETH Zürich und des Paul Scherrer Instituts (PSI) untersucht nun, unter welchen Bedingungen der Bau neuer KKW für das zukünftige Schweizer Energiesystem wirtschaftlich sinnvoll wäre. Die Ergebnisse der Studie beruhen auf vier unterschiedlichen Energiemodellen. Diese berechnen, mit welchen Technologien die Schweiz im Jahr 2050 ihren deutlich höheren Bedarf an Strom möglichst günstig und CO2-frei decken kann.   

Stellvertretend für das Forschungsteam erklärt ETH-Professor André Bardow: «Jedes dieser Modelle beruht auf einer Reihe von Annahmen, die mit Unsicherheiten verbunden sind und die Komplexität des Energiesystems vereinfachen. Wo diese Modelle in dieselbe Richtung weisen, liegen belastbare Ergebnisse vor, die Gesellschaft und Politik als Diskussionsgrundlage dienen können. Die Entscheidung für oder gegen Kernkraft ist letztlich eine gesellschaftliche.» 

Kernkraft unter aktuellen politischen Bedingungen 

Die Studie der PSI- und ETH-Forschenden zeigt, dass für neue KKW unter den aktuellen, finanzpolitischen Bedingungen die Wirtschaftlichkeit nicht gegeben ist. Geht man davon aus, dass die öffentliche Hand auch in Zukunft nur erneuerbare Stromquellen wie Photovoltaik und Wind im Rahmen ihres Ausbauziels von 45 TWh subventioniert und keinerlei Unterstützung für den Bau neuer Kernkraftwerke übernimmt, ist die Kernkraft gemäss den meisten Modellrechnungen der Studie auch bei geringen bis mittleren Baukosten von 5000 bis 8000 CHF pro kW installierter Leistung zu teuer.  

Die Studie zeigt zudem, dass die Schweiz ihr Netto-Null-Ziel mit bestehenden und geplanten Technologien erreichen kann, ohne dass dafür neue Kernkraftwerke notwendig sind. Entscheidend für die Stabilität eines Systems ohne Kernkraft ist unter anderem ein effizienter Stromhandel mit dem Ausland. Je nach Modell würden die Netto-Stromimporte im Winter zwischen 5,4 TWh und 12,4 TWh liegen. In allen Modellen zeigt sich, dass die Schweiz auch im Jahr 2050 im Winter genauso wie heute auf Netto-Importe angewiesen wäre. So wurden zwischen Oktober 2025 und März 2026, als das KKW Gösgen auf Grund einer Revision abgeschaltet war, netto rund 7 TWh Strom importiert. Zum Vergleich: die KKW Beznau und Leibstadt erzeugen jährlich Strom im Umfang von rund 6 bzw. 10 TWh. 

In einem künftigen Energiesystem ohne Kernkraft würde die Solarenergie je nach Modell zwischen 36 und 43 TWh Strom liefern, was etwa 50 Prozent des gesamten Stromverbrauchs im Jahr 2050 abdecken würde. Wasserkraft und Photovoltaik würden zusammen rund dreiviertel der Stromversorgung ausmachen und damit das Rückgrat des Systems bilden. Ergänzt würden sie durch Windkraft, Biomasse sowie Speichertechnologien wie Pumpspeicherkraftwerke, chemische Speicher (Wasserstoff und Methan) und Batterien. Um die Ausbauziele für diese Erzeugungs- und Speichertechnologien zu erreichen, ist eine Unterstützung durch den Staat notwendig. Die gesetzlichen Grundlagen dafür hat die Schweizer Bevölkerung 2024 akzeptiert.