Der SWR begeht ein doppeltes Jubiläum: Sowohl das Studio Kaiserslautern als auch dessen Rundfunkorchester werden 80 Jahre alt. Am 5. Juli findet ein Festkonzert statt.

Die Wetterlage im Sommer 1946 war unbeständig und regnerisch. Der 9. Juli markiert die Gründung der Länder Mecklenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt, die ebenso wie die neu gebildeten Provinzen Brandenburg und Thüringen unter sowjetischer Militärverwaltung standen. Derweil bereitete im Südwesten Deutschlands die französische Militärregierung unter General Pierre Koenig gerade die Vereinigung der einst bayerischen Pfalz mit den Regierungsbezirken Koblenz, Trier, Montabaur und Mainz zum neuen Land Rheinland-Pfalz vor.

In Kaiserslautern nahm an diesem Dienstag, dem 9. Juli 1946, der Südwestfunk (SWF) seinen Sendebetrieb auf. Die „Stimme der Pfalz“ meldete sich per Mittelwelle aus einem Studio im Gebäude der Vereinsbank in der Lauterer Kanalstraße. Am selben Tag fand in der Fruchthalle das erste Konzert des neuen Rundfunkorchesters statt.

In der Heimatstadt vergessen: der erste Dirigent

Dirigent war ein studierter Musiker aus Kaiserslautern, dessen Andenken heute gänzlich vom Ruhm seiner Nachfolger überstrahlt wird. Heinrich Geiger, 46 Jahre alt, vor dem Krieg als Kapellmeister und Korrepetitor am Pfalztheater tätig, Leiter mehrerer Profi- und Laienchöre, außerdem zeitweilig Musikkritiker des „Pfälzer Tageblatts“.

Neben Heinrich Geiger darf ein zweiter Pressevertreter als Gründervater des Rundfunkorchesters gelten. Der Mann, der sich im Oktober 1945 „mit der Bitte um Genehmigung für eine Orchestergründung“ an die in Baden-Baden residierende Militärregierung wandte, war Heinz Rohr (1894-1958). Er entstammte einer eingesessenen Familie von Buchdruckern, Verlegern und Zeitungsmachern, deren „Pfälzische Volkszeitung“ im Dritten Reich verboten war und erst wieder ab 1949 erschien.

Smola: Synonym für jahrzehntelange Erfolgsgeschichte

Die Konzerte des Orchesters wurden live aus dem „Bank-Funkhaus“ ausgestrahlt, da es noch keine Bandaufzeichnung gab. Im März 1948 entstand in Koblenz ein weiteres Funkorchester unter Leitung des jungen Kölners Otto Gerdes (1920-1989). Als die Klangkörper von Koblenz und Kaiserslautern 1951 im „Großen Unterhaltungsorchester des Südwestfunks“ zusammengeführt wurden, hieß der Chefdirigent Emmerich Smola (1922–2011).

Sein Name steht als Synonym für die jahrzehntelange Erfolgsgeschichte des Lauterer Ensembles. Er führte sage und schreibe 36 Jahre lang den Taktstock. Im Archiv des Senders finden sich 18.000 verschiedene Titel vom Barock über Oper und Operette bis zum Musical. Smola gilt als Förderer vieler Nachwuchstalente und holte große Namen für Konzerte und Aufnahmen an die Lauter.

36 Jahre am Pult

Nach der Fusion war Smola Chefdirigent von 45 Musikern. Das erste gemeinsame Livekonzert unter dem neuen Leiter wurde am 14. September 1951 aus der Alten Eintracht gesendet. Derweil entstand in der Lauterer Fliegerstraße ein komplett neues Studio, das im Februar 1958 eingeweiht wurde.

Es galt als „modernstes und zweckmäßigstes Funkhaus Westdeutschlands“ und bot „die besten Bedingungen für das Große Unterhaltungsorchester des SWF“. Herzstück des Neubaus, welcher der Sendezentrale in Baden-Baden ebenso zuarbeitete wie dem Mainzer Landesstudio, war der neue Sendesaal. Daneben gab es Sprecherkabinen für den Land- und den Kirchenfunk.

„Erweckung der Westpfalz aus Dornröschenschlaf“

1975 erhielt das Studio Kaiserslautern eine eigene aktuelle Redaktion, die sowohl die Radio- als auch die Fernsehprogramme der ARD belieferte. Die „Pirmasenser Zeitung“ sah darin die Erweckung der „rundfunk- und fernsehvernachlässigten Westpfalz aus ihrem Dornröschenschlaf“. Dennoch drohte aus wirtschaftlichen Gründen immer wieder die Auflösung des Orchesters. Smola konnte dies abwenden, die Musiker unternahmen internationale Tourneen bis nach Israel und in die Sowjetunion.

Das Studio wurde derweil mehrfach ausgebaut, zuletzt 2010. Die Ära Smola endete, als der Meister nach über 40 Jahren in den Ruhestand trat. Seine Nachfolger waren der Hamburger Pianist Klaus Arp (1950-2016), der später zur Stiftung Villa Musica wechselte, ab 1995 dann Peter Falk. Nachdem SWF und SDR im neuen SWR zusammengeführt wurden, firmierte der Klangkörper zunächst als SWR-Rundfunkorchester Kaiserslautern.

Smola: Umstrukturierung und neuer Name „Gaunerei“

Eine weitere, in der Öffentlichkeit kontrovers diskutierte Umstrukturierung – von Smola empört als „Gaunerei“ gescholten – führte 2007 zum Namen Deutsche Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern. Die Leitung ist im Vorjahr vom Finnen Pietari Inkinen auf den in Spanien geborenen Josep Pons übergegangen.

Emmerich Smola ist in Kaiserslautern bis heute allgegenwärtig. Der SWR hat den neuen Sendesaal nach ihm benannt, das Terrain direkt vor dem Studio heißt Emmerich-Smola-Platz. Außerdem tragen die städtische Musikschule und ein Nachwuchspreis seinen Namen. Dagegen ist die Erinnerung an seinen Vorgänger Heinrich Geiger schmählich verblasst. Der Jahrestag seines frühen Tods, der sich im vergangenen Mai zum 75. Mal jährte, wurde weder vom SWR noch von der Stadt Kaiserslautern zur Kenntnis genommen.

Simple Versatzstücke aus dem Phrasenbaukasten zum 80.

Unterdessen liefern die Funk-Funktionäre zur 80-Jahr-Feier bestürzend simple Versatzstücke aus dem Phrasen-Baukasten. Laut Intendant Kai Gniffke zeigt das Lauterer Studio, dass der Sender „tief verwurzelt in der Region“ ist. Landessender-Direktorin Ulla Fiebig sieht die Pfalz-Präsenz gleichfalls als Beweis „für verlässliche Information aus der Region“.

Die für „Zentrale Entwicklung“ zuständige Hauptabteilungsleiterin Monica Mellino erwähnt immerhin das „Studioteam um Studioleiterin Nicola Geck“, das „ein unverzichtbarer Teil der regionalen Berichterstattung“ sei. Erfreulicherweise formulieren die Macher vor Ort besser, lebendiger, einfallsreicher und konkreter als ihre augenscheinlich KI-affinen Vorgesetzten.

Info

Mit einem festlichen Konzert feiert die Deutsche Radio Philharmonie am Sonntag, 5. Juli, 17 Uhr, gleich zwei Jubiläen: 80 Jahre SWR-Studio und 80 Jahre Rundfunkorchester Kaiserslautern. Angekündigt ist „ein beschwingt-unterhaltsamer Abend, der Vergangenheit und Zukunft verbindet“ im Sendesaal in der Lauterer Fliegerstraße.
Unter Leitung des Gastdirigenten Patrick Lange spielt das Orchester Werke von Rossini, Bernstein, Lehár, Johann und Josef Strauß, Brahms und Gounod. Als Solisten sind die Sopranistin Eva Zalenga und der Tenor Benjamin Bruns zu erleben. Durchs Programm führt Markus Brock.
Karten in der Tourist-Information Kaiserslautern (Telefon 0631 3652316), beim Thalia-Ticketservice (0631 36219814) sowie unter der Ticket-Hotline 01806 570000.

Die Radio-Philharmonie – vormals Rundfunkorchester-Kaiserslautern – begeht ihr 80-jähriges Bestehen mit einem Festkonzert. Die Radio-Philharmonie – vormals Rundfunkorchester-Kaiserslautern – begeht ihr 80-jähriges Bestehen mit einem Festkonzert.Foto: Lena SemmelroggeDer SWR feiert seine Philharmonie, hat aber deren ersten Dirigenten vergessen: der 1951 verstorbene Heinrich Geiger am Pult. Der SWR feiert seine Philharmonie, hat aber deren ersten Dirigenten vergessen: der 1951 verstorbene Heinrich Geiger am Pult.Foto: SWR/Fotohaus Franz WilkingSchnappschuss aus einer Probestunde des Jahres 1982: Emmerich Smola führt den Taktstock. Schnappschuss aus einer Probestunde des Jahres 1982: Emmerich Smola führt den Taktstock.Foto: rik