Carolin Sage

Histologisches Symptom einer Fettleber: Hepatozyten zeigen übergroße Fett-Vakuolen. Foto: Alberto Perez-Bouza
(13.02.2026) Das Düsseldorfer Start-up CureDiab entwickelt Thioacrylamid-Derivate zur Behandlung einer bestimmten Form der Leberverfettung.
Der Firmenname lässt es erahnen: Ursprünglich hatte der Biochemiker und CureDiab-Gründer Jürgen Eckel vor, eine Therapie für Diabetes-Patienten zu entwickeln. Heute widmet er sich mit seinem Team einer nicht minder anspruchsvollen Aufgabe: Er sucht nach einem Medikament zur Behandlung der Fettleber, die oft komorbid mit Diabetes auftritt.
Dass Betroffene an dieser Lebererkrankung leiden, wissen sie oft lange selbst nicht, denn die Fettleber verursacht zu Beginn meist keine Beschwerden. Bekannt ist, dass die Erkrankung in Folge von exzessivem Alkoholkonsum entstehen kann. Sie wird aber auch bei Menschen diagnostiziert, die keinen oder nur wenig Alkohol trinken. Früher hieß die Krankheit daher Nichtalkoholische Fettlebererkrankung (NAFLD), seit 2023 spricht man jedoch von der metabolischen Dysfunktion-assoziierten steatotischen Lebererkrankung, oder kurz MASLD.
Im Mittelpunkt steht folglich nicht mehr der Ausschluss von Alkoholkonsum, sondern die enge Assoziation mit metabolischen Risikofaktoren. Das sind dieselben, die auch bei anderen systemischen Erkrankungen eine Rolle spielen: Adipositas, Insulinresistenz, Prädiabetes oder Typ-2-Diabetes, erhöhte Blutfettwerte und arterielle Hypertonie. Auch einige genetische Dispositionen sind bekannt, hauptsächlich bei Menschen im ostasiatischen Raum.
Diabetiker besonders betroffen
„MASLD ist weltweit die häufigste chronische Lebererkrankung“, erklärt Jürgen Eckel, Geschäftsführer von CureDiab. Jahrzehntelang hat er zu Diabetes geforscht, die Pathogenese der MASLD ist ihm deshalb gut bekannt. Global wird ihre Prävalenz auf etwa 30 Prozent der erwachsenen Bevölkerung geschätzt, mit steigender Tendenz (J Obes Metab Syndr. doi.org/g9vvrr). Besonders hoch ist sie bei Menschen mit Typ-2-Diabetes: Hier sind etwa zwei Drittel aller Patientinnen und Patienten betroffen (Clin Gastroenterol Hepatol. doi.org/g4d2tj).
Das Erkrankungsspektrum reicht von einer isolierten Steatose, sprich einer Einlagerung von Lipiden in die Leberzellen, über die entzündliche Verlaufsform MASH (metabolische Dysfunktion-assoziierte Steatohepatitis), mit deren Voranschreiten sich eine Leberfibrose ausbilden kann. Wird nicht behandelt, kann sich eine Zirrhose entwickeln. „Dann hilft nur noch eine Lebertransplantation“, erklärt Eckel.
Ein neues Konzept
Als wichtiger Risikofaktor für MASLD und MASH gilt die Insulinresistenz, die zu einer erhöhten Zufuhr von freien Fettsäuren in die Leber, gesteigerter De-novo-Lipogenese und eingeschränktem Fettabbau führt. Weitere etablierte Risikofaktoren sind ein hoher Fettanteil im Bauchraum, genetische Prädispositionen, Bewegungsmangel sowie energiereiche und hoch verarbeitete Lebensmittel. Auch das Alter, das männliche Geschlecht und bestimmte endokrine Störungen erhöhen das Risiko.
CureDiabs Chief Scientific Officer Elisabeth Rohbeck sowie Geschäftsführer und Gründer Jürgen Eckel. Fotos: NRW.BANK / Lokomotiv
Eine kausale medikamentöse Standardtherapie gibt es bislang nicht in zufriedenstellendem Maße. „Die Basis einer Behandlung ist derzeit die Lebensstil-Intervention“, so Eckel. Wer sein Gewicht um etwa zehn Prozent reduziert, kann sowohl die Steatose als auch die Entzündung und Fibrose abmildern.
Pharmakologisch anvisieren lassen sich die metabolischen Komorbiditäten und die Risikofaktoren. So wirken sich GLP-1-Rezeptor-Agonisten und duale Inkretin-Agonisten positiv auf Leberfett und Entzündungsparameter aus, die Evidenz bezieht sich bisher allerdings nur auf die fortgeschrittene Form der Lebersteatose, die MASH. Gleiches gilt für den kürzlich auch in der EU bedingt zugelassenen Wirkstoff Resmetirom. „Laut Studien erreicht ein Teil der Betroffenen eine Remission der Erkrankung oder sogar eine Verbesserung des Zustands der Leber,“ berichtet der CureDiab-CEO. Allerdings profitierten nur 25 bis 30 Prozent der Patientinnen und Patienten von der Therapie (N Engl J Med. doi.org/gtrp99).
Bereits während seiner Forschungszeit am Deutschen Diabetes-Zentrum (DDZ) in Düsseldorf erkannte Eckel, dass spezielle Thioacrylamid-Derivate vielversprechende Wirkstoff-Kandidaten zur Behandlung der MASH sein könnten. „Ich war über vierzig Jahre am DDZ tätig“, erklärt Eckel – zuletzt als Leiter des Kompetenzzentrums für Innovative Diabetes Therapie (KomIT).
Über einen Zeitraum von drei Jahren koordinierte KomIT ein Konsortium aus acht Partnern aus Industrie und akademischer Forschung. „Zu dieser Zeit wurde klar, dass wir mit den Thioacrylamid-Derivaten Verbindungen im Blick hatten, die einen ganz neuen Pathway adressieren“, erklärt Eckel. Als sich der Ansatz dann tatsächlich als vielversprechend erwies, stand für Eckel die Gründung eines Unternehmens als DDZ-Spin-off fest.
Im Herbst 2021 war es schließlich so weit und CureDiab übernahm bald einen Teil der Forschungsarbeiten, die bis dahin am KomIT liefen. „Sogar die Räumlichkeiten konnten wir mieten“, freut sich Gründer Eckel. Die Anschubfinanzierung war mit 400.000 Euro nicht gerade üppig bemessen, doch das Viererteam von CureDiab setzt große Hoffnung in die neuen Wirkstoff-Kandidaten. Bereits 2023 schloss sich eine weitere Finanzierung an. Diesmal stieg sogar die NRW Bank als Gesellschafterin mit ein.
Zellschutz durch Modulation
Im Unterschied zu Resmetirom und andere derzeit untersuchten Wirkstoffen setzen die Thioacrylamid-Verbindungen wie HK3 oder HK4 an den GABAA-Rezeptoren in der Leber an. Dort stehen die Rezeptoren im Zusammenhang mit Fettstoffwechsel, Entzündung und Insulinresistenz. Die Thioacrylamide wirken dabei als positive allosterische Modulatoren (PAMs), das heißt sie binden an den Rezeptor, allerdings an anderer Stelle als der eigentliche Ligand (allosterisch), und bewirken eine Verstärkung (positiv) des Effekts des eigentlichen Liganden. Diese Modulation, so zeigte das Team von CureDiab in Zellversuchen, kann für Leberzellen von Vorteil sein (Diabetes Obes Metab. doi.org/qnwx sowie Front Physiol, doi.org/qnwz). Sie bewirken gewissermaßen einen Zellschutz für die Hepatozyten, die im Laufe der Erkrankung stark von Lipiden geschädigt wurden.
Zusätzlich zum Zellschutz zeigt HK3 einen weiteren Effekt: Die Substanz wirkt direkt auf die Sternzellen der Leber und reduziert deren fibrotische Signale. HK3 könnte so das Voranschreiten der Erkrankung verlangsamen oder vielleicht gar aufhalten.
An der Wurzel gepackt
Derzeit prüft das Team von CureDiab, ob HK3 auch zu einer Gewichtsreduktion führt sowie zu einer Reduktion der Cholesterinbelastung bei Versuchstieren, ohne dabei die fettfreie Masse zu beeinträchtigen. Damit würde der Wirkstoff das Übel an der Wurzel packen. „Mittels hochauflösender Respirometrie-Messungen haben wir in der Arbeit auch den molekularbiologischen Mechanismus dahinter untersucht“, erklärt Eckels Mitarbeiterin und CureDiabs Chief Scientific Officer Elisabeth Rohbeck.
Firmentrategie Verkauf
Um zu zeigen, dass die Effekte auch auf den Menschen übertragbar sind, bräuchten die Düsseldorfer jedoch deutlich mehr finanzielle Mittel. Eine Hürde, die viele junge Pharma-Start-ups nur mit großen Mühen überwinden können. Dabei geht es bei CureDiab nicht um den großen Durchbruch als Pharmaunternehmen. „Unser Ziel ist ein Exit [der Verkauf des Unternehmens, Anm. d. Red.], sobald wir die Wirksamkeit unter Beweis stellen konnten“, sagt Jürgen Eckel. Denn nur ein etabliertes Pharmaunternehmen könne einen so großen Markt bedienen, erklärt er.
Neben der Fettleber erforscht CureDiab auch die Wirksamkeit von HK3 bei anderen Erkrankungen. „Im Rahmen des EFRE-geförderten Projekts ‚Gesünder in NRW‘ forschen wir nun zu Fibrose in anderen Organen“, erklärt der CureDiab-CEO. Denn, auch wenn das Problem der Leberverfettung eines Tages gelöst sein könnte, Herz, Niere und Lunge leiden ebenfalls – und nicht immer ist der Lebensstil der Auslöser.