Die Europäische Südsternwarte (ESO) schlägt angesichts neuer Ausbaupläne kommerzieller Raumfahrtunternehmen Alarm. Wie in einer zur Veröffentlichung im Fachmagazin Astronomy & Astrophysics angenommenen Studie zu lesen ist, stellen die Anträge auf weit über eine Million neuer Satelliten eine fundamentale Gefahr für erdgebundene Beobachtungen dar.
Aktuell umkreisen rund 14.000 aktive Trabanten die Erde, wobei das Satelliteninternet Starlink einen erheblichen Teil dieser Systeme stellt. Diese bestehenden Konstellationen hinterlassen bereits jetzt extrem helle Lichtspuren auf den Sensoren der großen Observatorien und erschweren die Datenauswertung erheblich.
Gigantische Ausbaupläne belasten den Nachthimmel
Im Zentrum der aktuellen wissenschaftlichen Kritik steht vor allem das Raumfahrtunternehmen SpaceX aus Hawthorne im US-Bundesstaat Kalifornien, das etwa eine Million zusätzliche Satelliten für weltraumgestützte Rechenzentren in die Umlaufbahn bringen will. Wie Heise berichtet, verschärfen weitere Projekte wie Cinnamon von E-Space sowie verschiedene chinesische Netzwerke die prekäre Situation im Erdorbit zusätzlich.
Noch gravierendere optische Auswirkungen hat das Vorhaben des US-amerikanischen Startups Reflect Orbital, das bis zu 50.000 riesige Spiegelsatelliten für eine längere Ausleuchtung irdischer Solarparks ins All schicken möchte. Die Berechnungen des französischen ESO-Astronomen Olivier Hainaut zeigen, dass ein einzelner dieser Spiegel aus dem direkten Lichtkegel betrachtet viermal heller als der Vollmond erscheinen würde.
Instrumente der Sternwarten stehen vor der Sättigung
Selbst außerhalb der direkt angestrahlten Zonen wäre jeder dieser Satelliten so hell wie die Venus am Morgenhimmel. In städtischen Gebieten mit ohnehin hoher Lichtverschmutzung würden diese künstlichen Objekte nach der Inbetriebnahme der Flotte als einzige verbleibende Lichter am Firmament sichtbar sein.
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Die Überfülle an künstlichen Himmelskörpern führt dazu, dass die hochempfindlichen Kameras der wissenschaftlichen Teleskope unbrauchbare Bilder liefern. Von der Sonne beleuchtete Satelliten ziehen bei der Durchquerung des Sichtfeldes extrem helle Spuren über die Aufnahmen und überdecken dabei ferne Galaxien oder potenziell gefährliche Asteroiden.
Massive Verluste bei astronomischen Messungen
Beim Very Large Telescope der ESO in der chilenischen Atacama-Wüste würde das Vorhaben von SpaceX zu einem errechneten Verlust des nutzbaren Sichtfeldes von knapp 28 Prozent führen. Noch weitaus stärkere Einschränkungen ergäben sich für umfassende Himmelsdurchmusterungen mit hochauflösenden Optiken, da extrem helle Lichtstreifen sogenannte Geisterspuren auf den Detektoren erzeugen.
Besonders kritisch sind die Prognosen für Anlagen wie das Vera C. Rubin Observatorium der US-amerikanischen National Science Foundation im chilenischen Cerro Pachón. Die hochdichte und komplexe Elektronik der dort verwendeten Kameras reagiert auf extrem helle Lichtstreifen mit gravierenden Datenverlusten, die im schlimmsten Fall die Arbeit mehrerer Stunden vollständig vernichten können.
Neben den direkten Lichtstreifen, die entstehen, wenn ein Satellit exakt durch das Bildfeld eines Teleskops fliegt, droht ein weiteres, flächendeckendes Problem: die sogenannte diffuse Hintergrundhelligkeit. Die geplanten Spiegelsatelliten von Reflect Orbital werfen intensives Sonnenlicht aus dem All auf die Erde. Wenn diese extrem hellen Lichtstrahlen von oben in die Erdatmosphäre eindringen, treffen sie auf unzählige Luftmoleküle, Wassertröpfchen und Staubteilchen. Diese Partikel wirken wie winzige Prismen und streuen das einfallende Licht in alle Richtungen.
Der physikalische Effekt ist vergleichbar mit dem Aufblenden von Autoscheinwerfern im Nebel: Nicht nur der direkte Lichtkegel ist hell, sondern die gesamte Umgebung beginnt milchig zu leuchten. Durch diese Streuung entsteht ein permanenter Lichtschleier über dem gesamten Himmelsgewölbe. Die Berechnungen der ESO zeigen, dass allein die 50.000 Spiegel des Reflect-Orbital-Netzwerks diesen Schleier so stark verdichten würden, dass der gesamte Nachthimmel drei- bis viermal heller wird als in seinem natürlichen Zustand. Lichtschwache Sterne, ferne Galaxien und potenziell gefährliche erdnahe Asteroiden werden von diesem diffusen Leuchten schlichtweg überstrahlt und verschwinden dauerhaft für die Instrumente der Wissenschaft.
Eine absolute Obergrenze wird gefordert
Um erdgebundene Astronomie auch in Zukunft auf wissenschaftlichem Niveau möglich zu machen, beziffert Hainaut die absolute Kapazitätsgrenze auf maximal 100.000 Objekte im Orbit. Diese Grenze greift jedoch nur unter einer strikten Bedingung: Die Satelliten müssen so lichtschwach sein, dass sie selbst an den dunkelsten Orten der Erde nicht mehr mit bloßem Auge zu erkennen sind.
In der Astronomie wird dies mit der sogenannten scheinbaren Helligkeit gemessen. Da diese Skala rückwärts zählt (je höher der Wert, desto schwächer das Licht), liegt die Grenze der menschlichen Sichtbarkeit bei perfekter Dunkelheit bei etwa Magnitude 6. Die Studie fordert daher, dass künftige Satelliten zwingend schwächer leuchten müssen als Magnitude 7.
Sollten diese physikalischen Werte ignoriert oder hellere Systeme genehmigt werden, sättigen diese die Sensoren der Teleskope. In diesem Fall muss die Gesamtanzahl der zugelassenen Flugkörper laut der Untersuchung drastisch reduziert werden. Die Genehmigungshoheit für einen Großteil dieser Anträge liegt bei der US-Kommunikationsbehörde FCC.
Die ESO hat daher gemeinsam mit der britischen Royal Astronomical Society in London offizielle Stellungnahmen zu den laufenden Genehmigungsverfahren eingereicht. Betty Kioko, Referentin für institutionelle Angelegenheiten bei der ESO, weist darauf hin, dass der Behörde bereits Hunderte Kommentare und Beschwerden zu den Vorhaben vorliegen.
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Wissenschaft und Ökologie in Gefahr
„Die Astronomie erbringt einen enormen Wert für die Menschheit – in wissenschaftlicher, technischer, wirtschaftlicher und bildungspolitischer Hinsicht – und hilft uns, unseren Platz im Universum zu verstehen“, ordnet der ESO-Generaldirektor Xavier Barcons die Gesamtsituation ein. Neben den astronomischen Hürden weisen die Forscher:innen zudem auf die noch unerforschten Folgen durch Zehntausende Raketenstarts und das spätere Verglühen in der Erdatmosphäre hin.
Die zunehmende Lichtverschmutzung stört laut der vorgelegten Studie zudem grundlegende biologische Rhythmen und beeinträchtigt empfindliche Ökosysteme auf der Erde. Für Olivier Hainaut ist die niedrige Erdumlaufbahn eine wertvolle und vor allem begrenzte Ressource. Er fordert, die ökologischen und optischen Auswirkungen der gigantischen Satellitennetzwerke streng zu regulieren, damit der ungestörte Blick in den Weltraum für kommende Generationen erhalten bleibt.
Dieser Artikel wurde ursprünglich am 02.07.2026 veröffentlicht, interessiert jedoch immer noch sehr viele unserer Leser:innen. Deshalb haben wir ihn aktualisiert und hier nochmals zur Verfügung gestellt.
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