Die Tour startet im Badezimmer: Dieses sei, erklärt Madonna in einem vor wenigen Tagen auf Youtube veröffentlichten Video, ihr eigentliches Büro. Wie das? Das Bad in ihrem Londoner Haus, seufzt die 67 Jahre alte, ewig junge Diva, sei der einzige Raum, in dem man sie in Ruhe lasse. Ob die „Sammlung von Schwänzen“ (O-Ton Madonna), die sie dort auf einer Marmorablage platziert hat, konzentrierter Büroarbeit zuträglich ist, darf man allerdings bezweifeln. Jedenfalls – und damit ist der Ton in dem Video gesetzt – unterstreichen die handzahmen Objekte ihr Interesse an Kunst. Handelt es sich doch um Penis-Skulpturen des jungen brasilianischen Künstlers Anderson Asteclines. Von dem Schützling der bekannten britischen Künstlerin Tracey Emin hat Madonna bereits einige Arbeiten erworben.

Was der Diva lieb und teuer ist

Die zehnminütige Hausbesichtigung, produziert von der Zeitschrift „Vogue“, entstand als flankierende Maßnahme des Madonna-Covers für die Juli-Ausgabe der „Vogue Italia“, fotografiert von Rafael Pavarotti. Außerdem bietet Madonnas 15. Studioalbum „Confessions on a Dance Floor II“ (kurz „Confessions II“), erschienen am 3. Juli, die passende Hintergrundmusik zu diesem Bekenntnis in puncto Privatsphäre. Es gibt Aufschluss darüber, welche Dinge Madonna besonders lieb und teuer sind. Lieblingsgegenstände, die sich zu einer Mischung summieren, für die das Wort „Eklektizismus“ eine glatte Untertreibung ist.

Gemälde von Frida Kahlo nehmen hier den gleichen Rang ein wie eine Skulptur, die ihr Sohn Rocco (ebenfalls Künstler) ihr zum Geburtstag geschenkt hat. Hochhackige Stiefel, die Yves Saint Laurent ihr vor 21 Jahren für die „Confessions Part One“-Tour auf die Füße geschneidert hat, rückt Madonna ebenso sorgsam-stolz in den Blickpunkt wie einen Rosenkranz, einen Parfümflakon ihrer frühverstorbenen Mutter, eine Spieluhr, die Madonnas Lieblingslied „Bella Ciao“ abschnurrt, oder das Kuscheltier „Octavia“. Kurios, irgendwie auch irritierend: Während die Sängerin von dem spricht, was ihr am Herzen liegt, sucht man in ihrem makellosen, perfekt geschminkten Gesicht vergeblich nach einer Gefühlsregung.

Kuriositätenkabinett eines Stars

In gewisser Weise erinnert Madonnas Kuriositätenkabinett an die krausen Wunderkammern der Renaissance und des Barock. Während einst Fürsten, reiche Kaufleute oder Gelehrte Gemälde und Skulpturen, Mineralien und exotische Pflanzen, ja sogar ein ausgestopftes Krokodil an einem Platz vereinten, um ein Modell der Welt in Zimmergröße zu schaffen, hat sich Madonna innerhalb einer radikal subjektiven Wunderkammer heimisch eingerichtet. Ein Modell ihrer selbst.

In dieser Sphäre eröffnet sich reichlich Spielraum für Ausdeutungen vielerlei Art. So beschreibt „Vogue Italia“ den Star in seiner aktuellen Story als „ewige Janusfigur“ – ein Wesen, das mit einem Gesicht auf seine Wurzeln zurückblicke, während das andere punktgenau auf das gerichtet sei, was als nächster Trend die Popkultur befeuert.

Warum Madonna Frida Kahlo liebt

Eine Konstante allerdings gibt es in ihrem Leben. Das ist die Verehrung von Frida Kahlo. Madonna nennt sie „meinen Schutzengel“. Schon in ihrer Jugend, als sie Stammgast im Detroit Institute of Arts war, zog es sie in den Bannkreis der mexikanischen Surrealistin: „Ich war einfach total fasziniert von ihrer Selbstbeherrschung und ihrer einzigartigen Schönheit.“ Aufs Schönste harmoniert das Video mit der derzeitigen „Fridamania“, die an der Themse wegen der großen Tate-Ausstellung „Frida: The Making of an Icon“ ausgebrochen ist.

Von ihrem Langzeitidol besitzt die Sängerin zwei Bilder. Zum einen ein Selbstporträt der Kahlo. Der Affe, der auf ihrer Schulter sitzt, mag der Tierliebe der Malerin geschuldet sein; bekanntlich besaß sie mehrere kleine Affen als Haustiere, die sie wie Kinder behandelte. Zudem steht der Affe in der mexikanischen Mythologie für Lust und Fruchtbarkeit. Madonna fügt dem eine alternative Deutung hinzu, die zwar keine kunstwissenschaftliche, aber anekdotische Evidenz hat. Frida Kahlo, glaubt sie, habe ihre Affen darauf trainiert, lautstark Alarm zu schlagen, wenn ihr Ehemann, der Maler Diego Rivera, sich in seinem Atelier mit weiblichen Models vergnügte, sodass sie ihn nach dem Seitensprung entsprechend bestrafen konnte.

Das zweite Kahlo-Werk, das in Madonnas Wohnzimmer hängt, betitelt „Mi nacimiento“, zeigt eine drastische Geburtsszene und ist ebenfalls ein Selbstbildnis. Die Gebärende liegt mit gespreizten Beinen in einem großen Bett. Wir blicken frontal auf den überproportional vergrößerten Kopf der kleinen Frida, die die Vulva soeben verlassen hat. Weil die Malerin das Gesicht ihrer Mutter mit einem Tuch verhüllt hat, erscheint die Entbindung als unpersönlicher, ja mechanischer Vorgang. Frida, erklärt Madonna in dem Video, habe „niemals eine emotionale Verbindung zu ihrer Mutter gehabt. Sie fühlte sich von ihr in gewisser Weise gemieden; der Mutter war es egal, ob sie existierte oder nicht. Deshalb stellt sie ihre Mutter in diesem Gemälde mit einem Laken über dem Kopf dar – irgendwie losgelöst von der gesamten Situation, losgelöst von Frida. Und ich bin ohne Mutter aufgewachsen, sodass ich mich auch hier wieder ungemein auf ihre Geschichte beziehen konnte.“

Die finale Station der Madonna-Tour, die dem Voyeurismus Nahrung in Hülle und Fülle gibt, ist das Schlafzimmer. Bücher von Luchino Visconti (ihr Lieblingsregisseur) und Simone de Beauvoir (ihre Lieblingsfeministin) gehen hier eine seltsame Allianz ein mit einer Decke, die ihre Tochter Esther gehäkelt hat. Und mit „Octavia“ – der leicht abgenutzte Plüsch-Oktopus, der mit Madonna das Bett teilen darf, erinnert sie an eine Krankenschwester, die ihr einst auf der Intensivstation Mut zusprach.

Vielleicht das Erstaunlichste dieses Video-Streifzugs, der auf YouTube schon rund eine Million Aufrufe erzielt hat: Obwohl der Star seinen Fans das Privateste auf dem Präsentierteller darbietet, verharrt die Homestory im Status einer unnahbaren Inszenierung. Auch das eine Leistung. So vielschichtig der Rundgang, so eindeutig Madonnas letzter Satz, der das Video beendet: „Raus aus meinem Schlafzimmer!“