Festivalbesucher auf dem 30. Wacken Open Air 2019.

AUDIO: Trailer: Wem gehört Wacken? Metal, Mythos, Millionen (1 Min)

Stand: 09.07.2026 05:00 Uhr

Wacken ist Dorf, Festival, Mythos – und Investment. Der Podcast zum Wacken Open Air «Metal, Mythos, Millionen» von NDR SH erzählt, wie aus Treckern, Schlamm und «Pommesgabel» eine Weltmarke wurde und stellt pünktlich zum Festivalstart 2026 die Frage: Wem gehört Wacken wirklich?

von Maja Bahtijarević

Meist ist es doch so: Wer «Wacken» hört, denkt oft direkt an das Wacken Open Air. Das Festival überstrahlt mit seiner Erfolgsgeschichte alles andere. In der schleswig-holsteinischen Provinz entstanden, auf einem Kuhacker, jetzt eins der größten Metal-Festivals überhaupt. Im Zentrum: die beiden Wackener Thomas Jensen und Holger Hübner, die so etwas Großes auf die Beine gestellt haben. So die Erzählung, der Gründermythos.

Hand mit Geldscheinen zeigt Rockgeste vor düsteren Wolken und Konzertmenge.

Vom Dorfprojekt zur Weltmarke: Die Geschichte hinter Deutschlands bekanntestem Metal-Festival.

Wacken, das Festival – oder Wacken, das Dorf?

Wir haben für unseren neuen Podcast monatelang recherchiert und waren fast so häufig in Wacken, wie es dort Kühe gibt – jedenfalls fühlte es sich so an. Wir haben mit vielen Menschen gesprochen über das Festival – aber auch das Dorf. Denn während das Festival eine gute Woche den Ton im Ort angibt, gibt es das beschauliche Dorf Wacken ja immer. Dieser kleine Ort, in dem Ende der 80er Jahre die Idee für ein Open Air entsteht, am Tresen des Landgasthofs.

Der Mythos um das Wacken Open Air geht so: Die zwei Jungs von nebenan, Thomas Jensen und Holger Hübner, sitzen mit einer Handvoll Leuten der Dorfjugend im Landgasthof zusammen, sie schnacken, trinken das ein oder andere Bierchen – und dann fällt wohl der Satz, ob man mal ein Open Air veranstalten sollte, so erinnert sich Thomas Jensen mehr als drei Jahrzehnte später.

Wer hatte die Idee?

Die Erinnerungen vieler sind vage, schon seitdem wir über die Geburtsstunde des Wacken Open Air berichten. Doch plötzlich erinnert sich einer aus der Dorfjugend von damals, sagt fast beiläufig: «Eigentlich bin ich ja auf den Bolzen gekommen, ein Open Air zu machen.» Eine Aussage, die den Mythos zum ersten Mal wackeln lässt.

Festivalbesucher feiern zum Abschluss des Wacken Open Air vor den Bühnen.

Gut einen Monat vor dem Start des Wacken Open Air 2026 gibt es noch immer Tickets. Die Running-Order der Bands ist veröffentlicht.

Jemand springt auf dem Festivalgelände des Wacken Open Airs in den Matsch.

Nachdem im vergangenen Jahr viele Fans auf matschigem Boden stehen mussten, wollen die Veranstalter für das Festival im Sommer vorsorgen.

Jetzt könnte man einwenden: Ist doch schnurz, einer guten Idee ist es egal, wer sie hat. Ja, vielleicht. Aber vielleicht ist es eben nicht egal, weil sich mit der Frage nach der Urheberschaft neue große Fragen stellen – nach Bedeutung, nach Wert, nach Identität.

Helfende Hände, die mit anpacken

Improvisation ist in den ersten Jahren das Motto: Bühnen werden selbst gezimmert, viele helfende Hände tragen zum Gelingen bei, die Dorfgemeinschaft stellt Kabeltrommeln und Trecker. Holger Hübner betont im Podcast den gemeinschaftlichen Ursprung: «So ist es ja auch über die Freundschaft dann eben alles entstanden.»

Von Freundesprojekt zu Risikogeschäft

Zu sehen sind Hermann Vollstedt, Mitte Vinetta Richter, Maja Bahtijarevic

Wir haben mit vielen Wackenern gesprochen für die Recherche – auch mit Landwirten, auf deren Flächen das Festival stattfindet.

Das Freundesprojekt wächst – und plötzlich einigen über den Kopf. In den 90er-Jahren wird aus dem Dorffest ein Risikogeschäft. Viele aus der Dorfjugend können finanziell nicht einsteigen oder müssen sich wegen Schulden zurückziehen. Holger Hübner und Thomas Jensen haften persönlich und häufen zeitweise einen gewaltigen Schuldenberg an, der nach ihren Angaben in die Hunderttausende geht.

Der Weg vom Acker zur Weltmarke mit 85.000 Metalheads, die Jahr für Jahr in die Gemeinde kommen, ist also kein verklärter Selbstläufer. Miese Vorverkäufe und Misskalkulation bedrohen das Festival, das kurz vor der Absage steht. Doch dann die rettende Zusage einer bis heute umstrittenen Band: Die Böhsen Onkelz kommen. Und mit ihnen Tausende Fans. Das ist der Wendepunkt, ab da geht es aufwärts. Das Wacken wächst: raus aus der «Kuhle», rauf auf die Felder, hinein in eine internationale Festivalökonomie.

Wacken-Open-Air für geschätzte 50 Millionen Euro verkauft

Jahr um Jahr wächst ein Metal-Imperium, das sich Thomas Jensen und Holger Hübner geschaffen haben. Bis heute haben sie fast 70 eingetragene Wort- und Bildmarken – die Kreuzfahrt Full Metal Cruise, Full Metal Mayrhofen, Full Metal Japan. Der Bullenschädel, das Festival-Logo, klebt auf Kaffee, Reisekissen und Parfüm.

Wacken Open Air 1990: Beim Aufbau der Bühne legt die Crew eine Pause ein.

Mit 800 Besuchern beginnt 1990 das, was längst als bekanntestes Heavy-Metal-Festival der Welt gilt: das Wacken Open Air.

Ein Festivalbesucher wirft sich am 4. August 2012 auf dem Campingplatz des Wacken Open Air Festivals (Kreis Steinburg) in eine Schlammpfütze.

Das Wetter in Wacken hat seit 1990 kaum Extreme ausgelassen: Starkregen mit tiefem Matsch – genauso wie Sonne und Hitze bei 34 Grad.

2019 dann ein Schritt, der eine Zeitenwende einläutet: Thomas Jensen und Holger Hübner verkaufen die mehrheitlichen Anteile an den Festival-Konzern Superstruct, etwas später treten sie weitere Anteile ab. Für geschätzte 25 Millionen Euro – pro Kopf, also insgesamt 50 Millionen Euro. Zu dieser Einschätzung kommt Finanzanalyst Stefan Loipfinger, der für den Podcast Unternehmensdaten analysiert hat.

Mit dieser Summe konfroniert antwortet Thomas Jensen lediglich mit Gegenfragen: «Hat das der Finanzexperte gesagt? Netto oder Brutto oder geht da noch was davon ab?»

Wall Street auf der Weide

2024 landet das Unternehmen beim US-Finanzriesen KKR. Damit reicht das Netz der Investoren des Wacken Open Air bis an die Wall Street. «KKR ist ein internationaler Großinvestor, nicht irgendeiner, einer der größten der Welt.» Für ihn ist klar: Die Logik verändert sich. Nicht mehr nur Szene, Dorf und Fans prägen das Festival – sondern handfeste Renditeerwartungen.

Seine persönliche Einschätzung fällt hart aus: «Die Seele wurde verkauft, definitiv.» Jensen und Hübner widersprechen vehement. «Das Dorf gehört den Wackenern und das Festival gehört den Fans», sagt Jensen, Hübner betont: «Nur den Fans.»

Publikum beim Wacken-Festival

Die Gründer halten nur noch gut 30 Prozent am Metal-Festival im Kreis Steinburg. Und: Es gibt einen neuen US-Investor.

Die Bühne des Wacken Open Air

Der Film begleitet die Gründer Holger Hübner und Thomas Jensen zurück zu den Anfängen des größten Metal-Festivals der Welt.

Gehen Kommerz, Kult und einfaches Dorfleben zusammen?

Klar. Ohne Metal-Fans, die den Bullenschädel seit Jahren und Jahrzehnten im Herzen tragen, ist alles nichts, und der «Holy Ground», der Platz vor den größten Bühnen auf dem Wacken Open Air – nur ein Acker.

Zur Wahrheit gehört auch, viele Leute im Dorf und in der Umgebung profitieren erheblich von begeisterten Fans, die ihr Geld für Glückserlebnisse unter Gleichgesinnten investieren. Aber es zeigt sich auch: Wer in Wacken ein Problem mit dem Wacken Open Air hat, könnte selbst zum Problem werden. Zum Beispiel, wenn es um den Lärm geht.

Die Gretchenfrage: Wem gehört Wacken?

Und wem gehört Wacken denn nun? In sechs Folgen unseres Podcasts nähern wir uns der Antwort an, hören fast schon vergessene Weggefährten und Gemeindevertreter, Musiker und Fans, ja auch Wissenschaftler. Und so schwarz-weiß der erste Eindruck war, so facettenreich wie der Regenbogen sind die Aussagen, die wir auf diese Frage bekommen haben. Ohne zu viel zu verraten – eine Sache, die wir gelernt haben: Es braucht ein Dorf, um ein Festival großzuziehen.

Der Podcast «Wem gehört Wacken» ist ab dem 09. Juli in ARD Sounds zu hören.

Abkühlung am 31. Juli 2017 beim Wacken Open Air

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Brennend heiße Sonne, über 30 Grad Celsius und Trockenheit: Dagegen muss man was tun. Die Wacken-Fans haben jahrelange Erfahrung.

Wacken Open Air 1990: Die Crew baut die Bühne auf.

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Auch das größte Metal-Festival der Welt fing mal ganz klein an: 1990 stellt eine Handvoll Freunde das erste Wacken Open Air auf die Beine. Lang ist’s her.

Festivalbesucher feiern beim Wacken Open-Air Festival (WOA) am 03.08.2013 im schleswig-holsteinischen Wacken auf der Festivalwiese im Schlamm.

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Die Metal-Fans beim Wacken Open Air sind einiges an Wetterkapriolen gewohnt. In all den Jahren ist es so oder so meist feucht-fröhlich.