Cover: Gerhard Köpf, "Notenblätter eines Hotelpianisten"

AUDIO: Zwischentöne eines Lebens: Heiterkeit und Melancholie (4 Min)

Stand: 14.07.2026 06:00 Uhr

«Notenblätter eines Hotelpianisten», ein Roman, der nach Jazz klingt und Geheimnisse atmet. Gerhard Köpf erzählt von Nächten, Tasten, Erinnerungen – und einem Pianisten, der mehr verbirgt, als er preisgibt. Leise, rätselhaft, schön.

von Annemarie Stoltenberg

Der Text verströmt einen ganz eigenen Sound schon mit der Nennung des musikalischen Repertoires: Namen wie Gershwin, Cole Porter, Hoagy Carmichael, Errol Garner, Jerome Kern, Vernon Duke, Duke Ellington, Irving Berlin, Richard Rodgers, Glenn Miller… Gerhard Köpf gelingt eine Mischung aus Heiterkeit und Melancholie, Zartheit und drastischen Ereignissen, Liebeleien und abgrundtiefer Einsamkeit.

Ein Barpianist zwischen Glamour und Einsamkeit

Der Lebensbericht eines Barpianisten, der selbst immer im Hintergrund bleibt, ist auch ein Ritt durch die Zeitläufe des 20. Jahrhunderts. Es beginnt in den 1920er-Jahren, als der Ich-Erzähler in einem bayrischen Kloster von Nonnen großgezogen wird und dann in einen etwas holperigen Lebenslauf startet, nach Paris geht und während des Krieges in amerikanische Gefangenschaft gerät. Wie Erinnerungen es so an sich haben, spulen sie sich nicht chronologisch ab, sondern in Sprüngen.

Ein Planet aus Klang: Das Grandhotel und seine Choreographie

Später wird er das Ambiente eines Barpianisten in Luxushotels genießen:

So betritt man das Grandhotel Herzog Max und fühlt sich sogleich somewhere over the rainbow. Das Hotel ist die passende Umgebung für einen Barpianisten, geschmackvoll, kostbar und üppig in der Ausstattung, unübertrefflich im Klang: ein autarker Planet. Viele unermüdliche Hände müssen ebenso diskret wie geschmeidig ineinandergreifen, bis diese Komplexität nach außen hin geräuschlos arbeitet und der Gast sich rundum wohlfühlen kann.

Ausschnitt aus «Notenblätter eines Hotelpianisten»

Ob die Gäste sich tatsächlich wohlfühlen, hängt eben auch vom Pianisten ab.

Wolkenschieber am Piano: Nächte, Legenden, Verantwortung

Durch Zufall lernt der Ich-Erzähler einen berühmten Barpianisten kennen. Jimmy Schott bittet ihn, im Paris der Nachkriegszeit, nachdem er aus amerikanischer Gefangenschaft zurückgekehrt ist, die Urlaubsvertretung in «Harry’s New York Bar» zu übernehmen, wo die intellektuellen Stars von Paris einkehren: Hemingway, Fitzgerald, der Herzog von Windsor, die Rothschilds, Rita Hayworth oder Sidney Bechet. Einen so exquisiten Zuhörerkreis bietet ihm nun sein großes Vorbild, sein Lehrmeister:

Jimmy Schott hat mir erklärt, was einen guten Barpianisten ausmacht: Musik sei ein Instrument der Macht, wir müssen Wolkenschieber sein und die dunklen Wolken der Gäste vertreiben, die sich in einem Gemütstief befinden …. Für einen Barpianisten jedoch sei es verhältnismäßig einfach, weil die Musik ein großes Potential zum Glücklichsein beinhalte. Nur ein mit sich im Reinen befindlicher Barpianist könne seine Zuhörer und sich selbst glücklich machen, weswegen er, Jimmy, stets darauf geachtet habe, seine innere Balance nicht zu verlieren, auch wenn gelegentlich die Lebensdornen in die Schutzhülle gestochen hätten, die er um sich aufgebaut habe. Schuldgefühle seien genauso schädlich für das Glücklichsein wie übertriebene Eigenliebe. Wenn der Barpianist feststelle, welche Zuneigung ihm und seiner ‚Arbeit entgegengebracht werde, habe er damit eine solide Grundlage für seine Glücksquelle entdeckt.

Ausschnitt aus «Notenblätter eines Hotelpianisten»

Ohne Noten: Improvisation als Lebenskunst

Der Clou dieser Musikerbiografie ist, dass der Held keine Noten lesen kann, sondern nur über ein erstaunliches Repertoire-Gedächtnis und Gespür für Improvisationen und Übergänge verfügt. Mit Gerhard Köpfs Roman bereisen wir einige der legendären Grandhotels Europas und stellen wehmütig fest, wie reich Kultur früher war!

Köpf erinnert an den unvergessenen Gregor von Rezzori, diesen sprühend bizarren Erzähler von maghrebinischen Geschichten, den man zur ersten Mannschaft des Nordwestdeutschen Rundfunks zählen darf. Auch handwerklich ist das Buch wunderbar ausgestattet: Schwarz-weiße Tasten sind auf dem Umschlag zu sehen, das Lesebändchen ist ebenholzfarben.

Viele Taschenbücher liegen auf Bücherstapeln bei der Frankurter Buchmesse - im Hintergrund steht eine Frau vor den bunten Covern

Auf diese Bücher freut sich die NDR Kultur Literaturredaktion: Neues gibt es etwa von Siri Hustvedt und Anja Jonuleit. Eine Vorschau.

Cover: Gerhard Köpf, "Notenblätter eines Hotelpianisten"

Notenblätter eines Hotelpianisten

von Gerhard Köpf

Seitenzahl:
300 Seiten

Genre:
Roman

Verlag:
Braumüller

ISBN:
978-3-99200-421-8

Preis:
26 €

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Romane