Welch ein Bewohner kann sich schon rühmen, ein Zwölf-Räume-Haus zu bewohnen? Auf der Museumsinsel Hombroich ist das möglich, und die Nutznießerin ist die Kunst im großen Stil.

Nach langjähriger Sanierung ist das dortige Zwölf-Räume-Haus endlich wiedereröffnet. Doch statt den zentralen Ausstellungspavillons gleich wieder mit Kunstwerken zu befüllen, soll das Gebäude bis Ende September als begehbare Skulptur von Erwin Heerich in seiner puren Form und ohne die installierte Sammlung zu erfahren sein.

Kunst wird es dennoch reichlich geben: „In dieser Zeit begegnen die Besuchenden — überwiegend an den Wochenenden — auch zahlreichen künstlerischen Interventionen. Der Raum selbst, seine klare Ordnung und ein ganz besonderes Licht bilden den Rahmen für auf den Ort bezogene Beiträge aus Tanz, Performance und Musik“, schreibt die Stiftung Insel Hombroich. Aber: Auch die pure Form des Gebäudes ist bereits ein Erlebnis.

Mit einem neuen Glasdach erscheint das ganze Gebäude nicht nur lichtdurchflutet, sondern präsentiert sich als charaktervolle Fläche. Und das gleich zwölfmal. Auch ohne die Sammlungen sind das starke Eindrücke. Den stärksten inneren Widerhall produziert die Stille. Der Mensch ist auf sich selbst verwiesen und lässt sich für eine selbst gewählte Zeit einmal auf das Ausbleiben gewohnter Geräuschkulissen ein. Nur die in Düsseldorf gestarteten Flugzeuge holen die andere Welt herein – ebenso die zufälligen Böllerschüsse eines nahen Schützenfestes.

Die Räume sind für nahezu alle Beiträge geeignet, die das Herz der Besucher höherschlagen lassen werden. Ende Juli werden unter anderem zwölf Soundcubes in den zwölf Räumen platziert, die ein miteinander korrespondierendes Klangbild erzeugen. Für Anfang August ist eine Vokalperformance vorgesehen. Und solche breit gestreuten künstlerischen Auftritte sollen auch bis zur Installation der zuvor gewohnten Sammlungen beibehalten werden. Denn genau das bietet dieses Museum einfach an: das Besondere herauszugreifen und einem dafür sensiblen Publikum zu offerieren.

Einigen am Samstag zunächst spärlich eintröpfelnden Besuchern ist das voll bewusst. Sie schätzen vor allem die lichtdurchflutete Räumlichkeit und malen sich insgeheim aus, was hier demnächst zur Realität wird. Mit fehlenden Beschriftungen, wie sie in Hombroich als eisernes Gesetz gelten, werden sie auch in Zukunft leben müssen. Stattdessen sind ihre eigenen Eindrücke gefragt und hochgeschätzt.

„Im Mittelpunkt der Programme“, so heißt es in der Ankündigung, „stehen das Flüchtige, aber auch das intensive Erleben des Augenblicks und die räumlichen Strukturen“. Sowohl die kulturellen als auch die architektonischen Ästheten mit ihren offenkundigen Verschränkungen kommen hier auf ihre Kosten. „Jeder Mensch ist Gast“, betonte Karl-Heinrich Müller, Gründer des Museums Insel Hombroich, von Anfang an, „denn die Kunst gehört allen.“ So erstrahlt das Zwölf-Räume-Haus wieder im alten Glanz. Und hat zugleich architektonisch eine Menge hinzugewonnen.

Dass der Fantasie für diese oder jene neue Aufführungsart mit den Neuerungen kaum Grenzen gesetzt sind, muss nicht eigens betont werden. Die Verbindung von Produktion und Leben war hier stets ein Anliegen. Auch das leibliche Wohl wird hier laufend bedacht. Im Kern ist und bleibt „Hombroich“ also eine Heimstätte der Kultur, die neuerdings so viel wie möglich mit Glas überdacht. Die sorgfältige Sanierung des Zwölf-Räume-Hauses ist dafür ein Mosaikstein, wenn auch ein sehr wichtiger.