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„I’m living with a knife in my side/I’m gonna take it for a joy ride“, singt Gracie Abrams beim dritten Song ihres neuen Albums. Es ist nicht das erste Mal, dass das Wort „Messer“ auf „Daughter From Hell“ auftaucht – und auch nicht das letzte. Insgesamt viermal verweist sie auf Klingen, und das schließt die atemberaubende Klavierballade „The Knife“ noch nicht einmal mit ein. Für Abrams sind diese Messer ein Werkzeug, um ihren Schmerz zu beschreiben – wie er sich dreht, bis auf den Knochen schneidet und manchmal einfach bleibt. Auf „Daughter From Hell“ könnte man fast meinen, sie hat sich damit arrangiert. „They’re daring me to pull it out“, singt sie. „I’ll probably keep it for a lifetime.“

Die Erwartungen an „Daughter From Hell“ sind hoch – das Album erscheint diesen Freitag via Interscope. Und das nicht nur, weil es Abrams‘ drittes Album ist, jener berüchtigte Moment in jeder Künstlerkarriere, an dem sich entscheidet, ob jemand wirklich bleibt. Abrams, Tochter des Filmemachers J.J. Abrams und der Hollywood-Produzentin Katie McGrath, veröffentlichte ihr Debüt „Good Riddance“ 2023 – im selben Jahr, in dem sie Taylor Swift auf der Eras-Tour als Vorband begleitete und eine Grammy-Nominierung als Best New Artist erhielt. Ein Jahr später folgte „The Secret of Us“, dessen Deluxe-Edition ihren ersten Top-10-Hit enthielt: das hochgradig süchtig machende „That’s So True“ (auf die angekündigte „sehr vulgäre“ Version warten wir noch immer). Abrams wurde als „Nepo Baby“ abgestempelt – ein Label, mit dem sie offen und selbstreflektiert umgegangen ist. Sie war auch Zielscheibe dummer Memes: die ewige Sad Girl, die laut Internet gar keinen Grund zur Traurigkeit hat – erst recht nicht mit durchtrainierten Bauchmuskeln und einem berühmten Schauspieler an der Seite (der ebenfalls durchtrainierte Bauchmuskeln hat).

Doch wie Abrams auf der mitreißenden Single „Look at My Life“ eingesteht: Sie hat bekommen, was sie wollte – und es fühlt sich nicht richtig an. Es kann sogar ziemlich beschissen sein. Auf „Daughter From Hell“ gibt es Geister, imaginäre Freunde, verblassende Motoren und mögliche Zugkollisionen – aber es ist ihr bestes Album bis dato, 16 Tracks, die vor Angst, Schönheit und dem ganzen Gepäck des Erwachsenwerdens funkeln. Abrams ist ungefähr so alt wie Napster und „The Sopranos“ (Jahrgang 1999), schreibt aber mit einer abgeklärten Weisheit, nach der Songwriter ihr ganzes Leben suchen. „There’s no one at the top to believe“, singt sie auf dem zarten „Humming“, das sie gemeinsam mit ihrem langjährigen Kollaborateur Aaron Dessner und Bon-Iver-Mastermind Justin Vernon geschrieben hat. „What a way to feel in your twenties.“

Messer, Geister, Durchbrüche

Abrams‘ erste beiden Alben waren herrlich introspektiv – ihre hauchigen Bedroom-Vocals flüsterten ihre tiefsten Geheimnisse direkt ins Ohr, unterlegt von sanfter Instrumentierung. Mitunter drohten ihre Songs dabei zu sehr ineinanderzufließen, klanglich wie textlich. Auf „Daughter From Hell“, das sie gemeinsam mit Dessner co-produziert hat, räumt sie mit diesem Eindruck gründlich auf: Sie gräbt tiefer und experimentiert mehr als je zuvor. Der Titeltrack ist ein rohes, erschütterndes Rockstück, das in ihrem gesamten Katalog seinesgleichen sucht und zu den stärksten Songs ihrer Karriere zählt. Sie dankt ihrer Mutter darin gleichzeitig und entschuldigt sich bei ihr dafür, als Teenager so schwierig gewesen zu sein – über verzerrte Gitarren singt sie: „I was a pill, you swallowed me down/They say that I got your mouth.“

Auch stimmlich hat Abrams hier enorme Sprünge gemacht. Man höre, wie sie auf „Good Reason“ mühelos durch federleichte Oktaven gleitet – oder wie sie im Chorus von „Men Like You“ zur vollen Adele aufläuft: „Girl, I know men like youuuuuuu, youuuuuuu!“ Das freche „Mini Bar“, gemeinsam mit ihrer besten Freundin, der Popsängerin Audrey Hobert, geschrieben, hat denselben lockeren Plauderton wie „That’s So True“. Nur ohne blöde Grimassen – dafür gibt es herrlich treffende Zeilen übers Ausgehen („I’m at the corner minimart/Got 50 bucks and a brain cell“) und soziale Angst („I’m at the party/Is it just me, or do you feel insane?“). Genau diese Mischung aus entwaffnendem Humor und Verletzlichkeit hat ihr die treue Fangemeinde eingebracht, die bei ihren Konzerten mit Schleifen und weißen Röcken erscheint und jede Zeile mitbrüllt.

„Imaginary Friend“, der direkt folgende Track, steht in scharfem Kontrast zum Trubel von „Mini Bar“ – ein Comedown, ein reduziertes akustisches Kleinod für den stillen Morgen danach. Abrams hat ihn mit einem weiteren Kollaborateur auf „Daughter From Hell“ geschrieben: Paul Mescal, dem besagten berühmten Schauspieler. „Don’t be a figment of my imagination“, besteht sie. „But you are, and I fucking hate it.“ Gute Musik in einer glücklichen Beziehung zu schreiben gilt als schwierig – Abrams scheint dieses Problem nicht zu kennen, sie ist kreativer denn je. „You tell the truth about everything“, singt sie auf „Afflictions“, das ein subtiles Streicherarrangement trägt. „Of all your afflictions/That is my favorite one.“

Joni Mitchell im Flur

Gleich zu Beginn von „Daughter From Hell“, auf dem synthgetriebenen „Hit the Wall“, versucht Abrams zu ergründen, warum sie „lives in a pattern of breakdowns“. Dabei schmuggelt sie geschickt Joni Mitchell, ihren Nordstern, in eine Zeile: „‚A Case of You‘ playing in the hallway/Hallucinations that I downplay.“ Das setzt den Ton für den Rest von „Daughter From Hell“ – denn genau wie die kanadische Legende weiß Abrams, dass ihre stärkste Waffe ihr Songwriting ist. Messer braucht sie dafür nicht.