Wer aus dem Fleischgefängnis ausbricht, dem stehen alle Türen offen. Man kann machen, worauf man Lust hat. Rappen zum Beispiel. Oder schauspielern. Leben, wo man will. Und wenn man Glück hat, läuft es sogar richtig gut. So wie bei Willi Sellmann gerade. Im Mai hat er sein erstes Rap-Album „Ausbruch aus dem Fleischgefängnis“ veröffentlicht und fast zeitgleich steht er in seiner ersten Serienhauptrolle vor der Kamera. Musikdebüt und Schauspieldurchbruch in einem Atemzug – so läuft es eher selten. Zeit, mal genauer hinzuschauen, wer dieser Typ aus MV eigentlich ist.

Vom Basketball-Leistungssport zum Rapper und Schauspieler

Wilson, wie sich der Rapper nennt, ist ein Fischkopp. Aufgewachsen ist er in einer Lkw-Fahrer-Familie in Wismar. Vater, Onkel und zwei Brüder sind allesamt auf der Straße unterwegs. Der junge Willi träumt lieber von einer Basketball-Karriere. Tatsächlich wird er mehrfacher Landesmeister mit den „Wismar Bulls“. Schafft sogar den Sprung in die Jugend-Bundesliga zu den „Lübeck Lynx“. Doch mit 16 verliert er die Lust, weil er nicht mehr mit seinen Jungs aus der Heimat zusammenspielt.

Zurück in Wismar kämpft er gegen die Langeweile an. In der Stadt ist so wenig los für junge Leute. Er fährt mit Freunden zum Baden an den Strand. Doch die Ostsee fühlt sich in dem Alter manchmal wie der Rand der Welt an. Sie kiffen sich aus der Langeweile. Zum Glück erzählen ihm Freunde von einem Jugendmusicalverein JAUXi, der sich gerade gegründet hat. Dort stellen Jugendliche selbst Musicals auf die Beine. Willi Sellmann entdeckt seine Lust am Schauspielern und spielt nebenbei in einer Rap-Band.

Das Coverbild vom Rap-Debüt-AlbumBild vergrößern

Das Coverbild vom Rap-Debüt-Album (Foto: Michel Kekulé)

Nach der Schule versucht der Wismarer sein Glück an der renommierten Leipziger Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“. Er hangelt sich von Casting zu Casting. Von 900 Bewerbern werden schließlich 16 angenommen. Er ist einer davon.

Der Start an der Hochschule verwirrt den Jungen von der Küste. Zum ersten Mal fühlt er sich als ostdeutscher Provinzler. Erkennt, dass Leute auch anders aufgewachsen sind als er, mit anderen Startvoraussetzungen. Es ist nicht überall in Deutschland wie in Wismar. Es gibt Ost- und Westunterschiede. Alle aus dem Osten in seinem Jahrgang sind BAföG-Empfänger. Von denen aus dem Westen niemand. Willi beißt sich durch das harte Studium.

Willi Sellmann spielte in Dresden die Hauptrolle in der erfolgreichen Bühnenfassung von „Nullerjahre“.Bild vergrößern

Willi Sellmann spielte in Dresden die Hauptrolle in der erfolgreichen Bühnenfassung von „Nullerjahre“. (Foto: Michel Kekulé)

Das Arbeiterkind aus Mecklenburg wird 2024 zum ersten Mal gefeiert. Am Staatsschauspiel Dresden spielt Willi Sellmann die Hauptrolle in der erfolgreichen Bühnenfassung von „Nullerjahre“. Das Stück basiert auf dem autobiografischen Roman von Hendrik Bolz. Der beschreibt das raue Aufwachsen der Nachwendegeneration in Stralsund in den 2000er-Jahren. Es ist die perfekte Rolle für Willi Sellmann, der viele Parallelen aus seinem eigenen Großwerden in Wismar ziehen kann.

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Mittlerweile lebt Willi Sellmann in Berlin. Sein Geld verdient er als freischaffender Schauspieler. Er stand bereits für den Rostocker Polizeiruf und Soko Leipzig vor der Kamera. Jetzt ist er in seiner ersten Serienhauptrolle zu sehen. In der neuen RTL-Comedy „Highter & Wolkig“ spielt der Schauspieler und Musiker einen Dauerkiffer, der gemeinsam mit einem angeblichen Businessmogul das erste Cannabis-Café in einem bayerischen Dorf eröffnen will. Dumm nur, dass zwischen Gras und Gewinn vor allem eines blüht: Bürokratie.

Willi Sellmann zieht es immer wieder nach Wismar

Parallel dazu läuft Projekt Nummer zwei. Sein Debütalbum „Ausbruch aus dem Fleischgefängnis“ ist im Mai erschienen. Mit entspannten Beats rappt er unter seinem Künstlernamen „Wilson“ über seine Herkunft und das Aufwachsen in Ostdeutschland. Und was genau ist mit „Fleischgefängnis“ gemeint? „Die Summe aller Dinge, die einen zurückhalten und inneren Widerstand auslösen“, sagt er. Dieses Gefühl, aus der eigenen Haut rauszuwollen und über sich hinauswachsen zu müssen.

Willi Sellmann hat sich aus seinem „Fleischgefängnis“ befreit.Bild vergrößern

Willi Sellmann hat sich aus seinem „Fleischgefängnis“ befreit. (Foto: Michel Kekulé)

Den Ausbruch hat Rapper Wilson erfolgreich hinter sich gebracht. Aber es gibt eine Menge Heranwachsende, die in der ostdeutschen Provinz gerade in Fleischgefängnissen stecken. Mit seinen Songs will Wilson sie ermutigen, sich durch die Stäbe zu zwängen. Er ist regelmäßig zu Besuch in Wismar und liebt die Ostsee. Trotzdem ist sein Blick auf MV zwiegespalten: „Die Region liegt mir sehr am Herzen“, sagt er, „aber es wird zu wenig für junge Leute getan.“ Deshalb sei es wichtig, selbst den Hintern hochzubekommen und was zu bewegen.