Es gibt ein neues Minialbum der irischen Rockgruppe U2, es heißt Days of Ash, ist ohne vorherige Ankündigung erschienen und überraschenderweise sehr gut. Days of Ash umfasst sechs Lieder, und diese sind von einer Dringlichkeit, lyrischen Kraft und Intelligenz, wie man sie bei U2 seit Langem schon nicht mehr zu hören vermochte. Sie handeln von den politischen Krisen der Gegenwart, von Gewalt und Verzweiflung und Tod, sie künden aber auch von der Hoffnung auf eine bessere Welt und von der Zuversicht, die allein der Glaube zu stiften vermag. Der Sänger der Gruppe, Paul Hewson alias Bono, tut endlich wieder das, was er schon immer am besten konnte: Er predigt in musikalischer Weise, er schmettert aus vollem Halse Lieder mit biblischen Zitaten, manchmal auch mit biblischem Zorn.

So gleich schon im Eröffnungsstück American Obituary, das mit seiner gleichermaßen sparsam instrumentierten wie laut «Alarm» rufenden Punkrock-Ästhetik aus dem Frühwerk der Band stammen könnte, wäre es nicht ganz so glattpoliert produziert. Doch in jedem Fall klingt Bono darin wieder so sendungsbewusst wie weiland auf dem ersten wirklich politischen U2-Album War von 1983. Er singt über das Schicksal von Renée Good, der «American mother of three», die in Minneapolis von den Milizionären der ICE erschossen wurde, «mit drei Kugeln … einer für jedes Kind». Aus der amerikanischen Mutter wird bei Bono die Mutter Amerika, hinter der sich die wahren Vereinigten Staaten einen: «America will rise/ Against the people of the lie». Amerika wird sich erheben gegen die Menschen der Lüge – das erinnert in seiner Anrufung des wahren Volks natürlich an die Anrufung des wahren Patriotismus, die Bruce Springsteen zuletzt in seinem Protestsong Streets of Minnesota darbot.

Renée Good ist eine von drei Toten, um die Bono auf diesem Album klagt. Die zweite ist Sarina Esmailzadeh, eine iranische Schülerin, die im September 2022 von der Sittenpolizei ermordet wurde, damals war sie gerade 16 Jahre alt. In YouTube-Videos stritt sie für Frauenrechte und gegen den Zwang zur Verschleierung, sie postete ein Stück des irischen Folkmusikers Hozier, bei einer Demonstration in Karadsch zertrümmerten ihr die Schergen der Mullahs mit Knüppeln den Kopf. «Sarina, Sarina/ She’s the song of the future», singt Bono für sie in Song of the Future, und in der nächsten Strophe heißt es: «Heaven is closed/ All the classroom prophets gone to ground/ Schoolgirl says everyone knows». Der Himmel ist geschlossen, die Klassenzimmer-Propheten sind untergetaucht, ein Schulmädchen sagt, was jeder weiß. In diesem Lied ist Religion nichts, das Hoffnung und Zuversicht stiftet; hier ist sie eine Agentur der Gewalt, des Zwangs und des Hasses. So versieht Bono sein Comeback als singender Prediger sogleich mit dem Geständnis, dass nicht alle Prediger die Wahrheit sprechen und die Religion keineswegs immer der Liebe dient. Auch das erinnert an die Lieder auf War, vor allem an Sunday Bloody Sunday.

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Wie rettet man die Menschheit? Ein Leben nach dem anderen

Der dritte Tote ist Awdah Hathaleen, ein palästinensischer Aktivist, der im vergangenen Juli im Westjordanland von dem israelischen Siedler Yinon Levi erschossen wurde. Ihm widmen U2 das Stück One Life at a Time. Awdah Hathaleen hatte als Berater an dem Dokumentarfilm No Other Land mitgewirkt, der vom Israeli Yuval Abraham und dem Palästinenser Basel Adra gedreht worden war, ein flammendes Plädoyer gegen die Besetzung des Westjordanlands, das 2025 mit einem Oscar ausgezeichnet wurde. Sie nehmen uns «ein Leben nach dem anderen», «one life at a time»: So klagte Basel Adra am Grab von Awdah Hathaleen die radikalen zionistischen Siedler an. In seinem Text übernimmt Bono dieses Zitat und versucht, es ins Positive zu wenden: Wer die Menschheit retten will, der muss «ein Leben nach dem anderen» retten.

Wie kann man das tun, ohne dabei zu verzweifeln? Das ist die tiefreligiöse Frage, die Bono hier stellt, und er fragt in den neuen Liedern von U2 eben auch danach, was die Religion zur Rettung der Menschen beizutragen vermag und wo sie ihr entgegensteht. Die Anklage des politisch radikalisierten, orthodoxen Judentums in One Life at a Time ist ebenso unüberhörbar wie die Anklage des islamischen Fundamentalismus. In dem Stück The Tears of Things heißt es zusammenfassend: «When people go around talking to God/ It always ends in tears», wenn Menschen behaupten, dass Gott direkt zu ihnen spricht, dann endet das immer in Tränen. Gegen diese gewaltvolle Dogmatik hilft vielleicht am besten der Rückgriff auf die Quellen der Religion: The Tears of Things zitiert den Titel eines Buchs des US-amerikanischen Franziskanerpaters Richard Rohr, in dem dieser die Weisheit der israelischen Propheten auf die Probleme der Gegenwart anzuwenden versucht; es sind Propheten wie Amos und Elija, die ihr Volk schon in biblischer Zeit vor Götzendienst und Dogmatismus warnten.

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The Tears of Things beginnt wie eine Folkballade und lässt daraus eine strahlende Hymne erblühen; in One Life at a Time barmt Bono über einem dunkel voranschubbernden Bass-Arrangement. Die Punkrock-Reminiszenzen in American Obituary bleiben Ouvertüre; trotzdem wirkt die Musik durchweg frisch und belebt. Ein Stück wird gar nicht von Bono gesungen, sondern von der nigerianischen Sängerin Adeola Soyemi gesprochen. Über Ambientklängen rezitiert sie das Gedicht Wildpeace, zu Deutsch Wildfrieden, von dem jüdischen Dichter Jehuda Amichai. Dieses Gedicht erzählt von der Sehnsucht nach echtem Frieden, und dieser Friede ist: «Nicht der Friede eines Waffenstillstands/ Nicht einmal die Vision vom Wolf und dem Lamm/ Sondern eher/ Wie im Herzen/ Wenn die Aufregung vorbei ist/ Und man nur von einer großen Müdigkeit sprechen kann». So heißt es in dem Text, der im Original auf Hebräisch geschrieben wurde und den Adeola Soyemi hier in englischer Übersetzung spricht.

Jehuda Amichai wurde 1924 in Würzburg als Ludwig Jehuda Pfeuffer geboren, 1936 floh seine Familie vor den Nationalsozialisten nach Palästina, dort änderte er 1946 seinen Namen in Amichai – zu Deutsch: «Mein Volk lebt». Er starb im Jahr 2000 in Jerusalem, aber seine Gedichte werden weitergetragen. Vor ein paar Wochen las Papst Leo XIV. in der ersten Weihnachtsbotschaft seines Pontifikats von der Loggia des Petersdoms aus dem Wildfrieden, es war wohl das erste Mal, dass ein Papst an dieser Stelle einen jüdischen Dichter zitierte. Man konnte das als Zeichen für den Wunsch nach Versöhnung zwischen dem Judentum und den Christen lesen, und es ist natürlich kein Zufall, dass der bekennende Katholik Bono diesem Gedicht nun auch eine so zentrale Rolle zukommen lässt. Für ihn ist diese Versöhnung auch ein Modell für die Versöhnung der Religionen – und für die Versöhnung der Menschen mit der Religion. Der Friede, nach dem wir uns sehnen, kann nicht von Gott befohlen oder von Politikern erzwungen werden, er muss von selber wachsen wie Wildblumen auf einer Wiese. «Lass ihn kommen/ Wie Wildblumen», heißt es am Ende des Lieds: «Unversehens, denn das Feld/ braucht ihn: Wildfrieden.»

«Songs of Ash» von U2 ist bei Island/Universal erschienen.