Es ist eine Einladung, die einem Ritterschlag gleichkommt: Noch bevor am Opernhaus Zürich  am 19. September der Vorhang für die neue  und zweite Spielzeit unter Intendant Matthias Schulz aufgeht, reist das erfolgreiche Team nach Schottland. Mit Giuseppe Verdis «Un ballo in maschera» gastieren Ensemble, Chor und Orchester vom 26. Bis 30. August beim renommierten Edinburgh International Festival – jenem Festival, das seit bald acht Jahrzehnten die Weltelite der Musik, des Theaters und des Tanzes versammelt.

Künstlerische Visitenkarte

Vier Vorstellungen stehen auf dem Programm. Dass das Edinburgh International Festival die Zürcher Produktion ausgewählt hat, ist alles andere als selbstverständlich. Hier wird nicht einfach eine Oper eingeladen, sondern eine künstlerische Visitenkarte. Zürich präsentiert sich in Edinburgh mit einer Produktion, die bei ihrer Premiere im vergangenen Dezember Publikum und Kritik gleichermassen begeisterte.

Schillernde Gegensätze

Unter der musikalischen Leitung von Generalmusikdirektor Gianandrea Noseda entfaltet Verdis Meisterwerk seine ganze faszinierende Vielgestaltigkeit. «Un ballo in maschera» ist Liebesgeschichte und Politthriller, düsteres Verschwörungsdrama und funkelnde Gesellschaftskomödie zugleich. Kaum ein anderes Werk Verdis wechselt so mühelos zwischen überschäumender Lebenslust und tödlicher Tragik.

Intrigen und Abgründe

Die britische Regisseurin Adele Thomas hat diese schillernden Gegensätze zum Ausgangspunkt ihrer Inszenierung gemacht. Sie verlegt die Handlung in das Amerika des Gilded Age der 1880er-Jahre – eine Epoche des rauschhaften Fortschritts, des gesellschaftlichen Glanzes und der politischen Machtspiele. Elektrisches Licht beginnt die Welt zu verändern, der gesellschaftliche Aufstieg scheint grenzenlos, doch unter der glänzenden Oberfläche lauern Intrigen und Abgründe.

Gothic lässt grüssen

Thomas erzählt die Geschichte von Riccardo, dem Gouverneur von Boston, seiner verbotenen Liebe zu Amelia und dem tragischen Verrat seines engsten Vertrauten Renato als grosses Gesellschaftspanorama. Zwischen Ballsaal und Orakel, zwischen leidenschaftlichen Liebesduetten und düsteren Prophezeiungen entsteht ein opulentes Musiktheater, das sich bewusst jeder eindeutigen Zuordnung entzieht. Mal erinnert es an einen Gothic-Roman, mal an einen amerikanischen True-Crime-Thriller, dann wieder an die funkelnde Eleganz der grossen Pariser Bälle des 19. Jahrhunderts.

Gerade diese Mischung macht den besonderen Reiz des Werkes aus. Verdi komponierte hier eine seiner farbenreichsten Partituren, die Gianandrea Noseda mit dem Orchester der Oper Zürich zu leuchtenden Klangbildern formt – vom zarten Liebesgeständnis bis zu den überwältigenden Ensembleszenen des finalen Maskenballs.

Internationales Schaufenster

Für das Opernhaus Zürich ist das Gastspiel weit mehr als eine sommerliche Reise nach Grossbritannien. Edinburgh gilt seit Jahrzehnten als internationales Schaufenster der darstellenden Künste. Wer hier eingeladen wird, repräsentiert nicht nur sein eigenes Haus, sondern auch die kulturelle Strahlkraft seiner Stadt und seines Landes.

Wenn Ende August der Vorhang in Edinburgh aufgeht, wird Zürich deshalb nicht nur Verdis Maskenball präsentieren. Das Opernhaus zeigt zugleich, warum es heute zu den führenden Musiktheaterhäusern Europas zählt: mit einem Weltklasse-Orchester, einem herausragenden Chor und einer Produktion, die Verdis Meisterwerk mit Fantasie, Eleganz und grosser emotionaler Wucht neu zum Leuchten bringt.