Mit knapp 62 Prozent Ja-Stimmen sprach sich das Zürcher Stimmvolk 2024 deutlich für die geplanten Pistenverlängerungen am Flughafen Zürich aus. Ein klares Signal, doch die Diskussion ist damit nicht abgeschlossen. In den vergangenen Wochen haben sich Stimmen aus den umliegenden Gemeinden gegen die Verlängerungen geäussert. Darunter auch die Interessengemeinschaft (IG Nord).
Eine Verlängerung für die Sicherheit
Geplant ist eine Verlängerung der Piste 32 um 280 Meter nach Norden sowie der Piste 28 um 400 Meter nach Westen. Die Projekte sind im Sachplan Infrastruktur Luftfahrt (SIL) des Bundes sowie im kantonalen Richtplan verankert. Im März reichte der Flughafen Zürich die Plangenehmigungsgesuche beim Bund ein. Die öffentliche Auflage erfolgte vom 1. bis 30. Juni. Während der Flughafen Zürich in den Verlängerungen vor allem eine Massnahme für mehr Sicherheit sieht, befürchten Gemeinden im Norden zusätzliche Belastungen. Die IG Nord sowie die Schaffhauser Gemeinden Rüdlingen und Buchberg haben deshalb Einsprache gegen das Projekt erhoben. «Es geht uns nicht darum, den Volksentscheid zu ignorieren, sondern darum, die konkrete Umsetzung sorgfältig zu prüfen», sagt Markus Surber von der IG Nord. Die Interessengemeinschaft betont, dass der Volksentscheid respektiert werde. Im aktuellen Verfahren gehe es jedoch um die konkrete Ausgestaltung des Projekts. «Dort müssen Fragen zu Lärm, Sicherheit, Raumplanung, Nachtruhe und Kapazität verbindlich geklärt werden. Eine Einsprache ist das einzige rechtsstaatliche Instrument, welches einer Gemeinde zur Verfügung steht.» Für die IG Nord stehe vor allem die Auswirkungen auf die Bevölkerung im Zentrum. Bereits heute trägt die Nordregion eine grosse Last des Flugbetriebs. «Fluglärm wirkt sich auf Lebensqualität der Gemeinden aus», erklärt Surber. Besonders kritisch sieht er die Frage, ob die Pistenverlängerungen langfristig zu mehr Flugbewegungen oder einer stärkeren Belastung führen könnten. «Aus unserer Sicht fehlen verbindliche Garantien. Es muss ausgeschlossen werden, dass die Pistenverlängerungen zu mehr Kapazität oder zu mehr Belastung in den Abend- und Nachtstunden führen.»
Schutz für die Bevölkerung
Auch die Gemeinde Rüdlingen hat sich entschieden, gemeinsam mit der IG Nord Einsprache einzureichen. «Die Anliegen der Bevölkerung im Norden – insbesondere bezüglich Lärm, Nachtruhe und Lebensqualität – müssen angemessen berücksichtigt werden», schreibt die Gemeinde auf Anfrage des «Bock». Mit der Einsprache wolle Rüdlingen die Rechte der Gemeinde im Verfahren wahren und die Interessen der Bevölkerung einbringen. Im Fokus stehen für Rüdlingen vor allem die Themen Sicherheit, Lärm und Siedlungsentwicklung. «Die Gemeinden rund um den Flughafen müssen ihre Entwicklungsmöglichkeiten behalten können und stärker in die raumplanerischen Verfahren einbezogen werden.» Sie betont gleichzeitig, dass die wirtschaftliche Bedeutung des Flughafens anerkannt werde. Die heutige Lärmbelastung werde von der Bevölkerung mitgetragen, zusätzliche Belastungen wolle man jedoch verhindern. Ähnlich sieht es in Buchberg aus. Die Gemeinde sei grundsätzlich nicht gegen eine Pistenverlängerung, jedoch nicht auf Kosten der Gemeinde. Besonders die Flüge in der Nacht seien ein Thema, da diese bereits heute hörbar seien. Für die Gemeinden im Norden geht es deshalb nicht nur um die Frage, ob die Pisten verlängert werden, sondern auch darum, wie die Auswirkungen verteilt werden. «Gerechtere Verteilung sowie Nutzung der An- und Abflugrichtungen, alle Flughafenregionen werden gleichbehandelt», fordert Rüdlingen als möglichen Ansatz für einen Kompromiss.
Auch die IG Nord sieht Möglichkeiten für eine Annäherung: «Ein Kompromiss ist möglich, wenn der Flughafen Sicherheit und Stabilität erhält, die Bevölkerung aber verbindlich geschützt wird.» Dazu gehörten klare Grenzen bei der Kapazität oder Schutz der Nachtruhe.
Flughafen sieht Sicherheitsgewinn
Die Flughafen Zürich AG verweist auf die sicherheitstechnischen Gründe hinter dem Projekt. Die Pistenverlängerungen seien bereits im Bericht «Sicherheitsüberprüfung Flughafen Zürich» aus dem Jahr 2012 als wesentliche Sicherheitsmassnahme identifiziert und vom Bund aufgenommen worden. Mit den Verlängerungen sollen laut Flughafen vor allem die Sicherheitsmargen erhöht und der Betrieb stabiler gemacht werden. Die Pisten 28 und 32 würden mehr Reserven bei Starts und Landungen schaffen und die Pünktlichkeit verbessern.
Die Befürchtung, dass längere Pisten automatisch zu mehr Flugbewegungen führen könnten, weist der Flughafen zurück. «Die Entwicklung der Passagierzahlen und Flugbewegungen hängt von der Bevölkerungs- und Wirtschaftsentwicklung wie auch dem Mobilitätsbedürfnis der Bevölkerung ab und nicht von den Pistenverlängerungen.» Es könnten nicht mehr Flugzeuge starten oder landen, nur weil die Piste länger sei. «Längere Pisten bedeuten aber mehr Sicherheit, mehr Stabilität und mehr Pünktlichkeit», schreibt der Flughafen Zürich auf Anfrage. Auch bei der Lärmentwicklung erwartet der Flughafen keine zusätzliche Belastung der Nordregion. Die Pistenverlängerungen würden Verspätungen reduzieren und damit auch den verspätungsbedingten Flugbetrieb am Abend verringern. Die eingegangenen Einsprachen werden nun durch das Bundesamt für Zivilluftfahrt (BAZL) geprüft. Die Flughafen Zürich AG verweist darauf, dass die Plangenehmigungsgesuche eingereicht seien und das weitere Verfahren jetzt bei der zuständigen Behörde liege. Ob die geplanten Pisten tatsächlich verlängert werden, und unter welchen Bedingungen dies geschieht, wird sich im weiteren Verfahren zeigen.