Jessica Chastain, Sie haben es trotz Flugproblemen nach Berlin geschafft. Waren Sie erleichtert, noch über diesen Film sprechen zu können?
JESSICA CHASTAIN: Ja, sehr. Ich wäre wirklich unglücklich gewesen, wenn ich diese Gespräche verpasst hätte. Denn dieser Film ist mir wichtig. Aber gestern kam man einfach nicht aus Manhattan raus, vor lauter Verkehr. Da war nichts zu wollen …! Ich saß völlig gestresst im Auto und habe fast in den Vordersitz gebissen aus Nervosität … und tatsächlich meinen Flug verpasst. Aber die ganze Zeit dachte ich: Ich schaffe das noch, nach Berlin zu kommen!
In Michel Francos Drama „Dreams“ spielen Sie eine Tochter aus sehr wohlhabendem Hause, die sich als Kulturmäzenin betätigt. Jennifer ist eine sehr elegante Frau, trägt teure Kleidung. Wie haben Sie diesen Look entwickelt?
CHASTAIN: (kurze Pause, dann lacht sie schallend) Das Lustige ist: Der Film hatte so ein winziges Budget, dass ich tatsächlich meine eigenen Sachen getragen habe. Ich bin ja auch Mitproduzentin des Films. Der Kostümbildner kam zu mir nach Hause und suchte sich in meinem Schrank Stücke heraus, die ihm gefielen. Einige Outfits, die man im Film sieht, könnten Sie also auch mal auf einem Roten Teppich gesehen haben. Bei „Memory“ von Michel Franco war das Budget genau so gering, da habe ich auch zur Kostümierung beigetragen – aber habe Klamotten beim Discounter gekauft. Für „Dreams“ wurde einfach in meinem Kleiderschrank eingekauft.
„Es gab Zeiten, in denen meine Mutter überlegen musste, womit sie uns satt bekommt“
Sie selbst kommen aus einfachen Verhältnissen. Jennifers Welt ist weit von Ihrer eigenen Herkunft entfernt. Michel Franco sagte, gerade das hätte Sie für die Rolle interessant gemacht.
CHASTAIN: Ja, mein persönlicher Hintergrund ist ein völlig anderer als bei Jennifer! Ich komme nicht aus einer privilegierten Welt. Mein Leben früher, also bis vor zehn, zwölf Jahren, hätte kaum unterschiedlicher sein können.
Mittlerweile sind Sie eine Art Hollywood-Royalty mit einem Oscar – und heirateten auch noch einem italienischen Grafen. Die klassische Aschenputtel-Story?
CHASTAIN: Ich will da nicht zu sehr ins Detail gehen, aber ich habe große Empathie für Menschen, die nicht wissen, wie sie etwas zu essen bekommen sollen. Als ich aufwuchs, gab es Zeiten, in denen meine Mutter überlegen musste, womit sie uns satt bekommt. Ich spiele gern Figuren wie Jennifer, die ganz anders sind als ich. Sie hält sich für einen guten Menschen, für jemanden, der der Gesellschaft etwas zurückgibt. Sie glaubt, sie setze sich für wichtige Anliegen ein. Aber sie erkennt nicht, wie sie selbst an der Ausbeutung oder Entrechtung anderer beteiligt ist.
Jennifer hat trotz ihres Reichtums etwas sehr Einsames. Woher rührt ihre Einsamkeit?
CHASTAIN: Ja, darüber habe ich viel nachgedacht: Da ist eine Frau, die scheinbar alles hat. Man versteht im Film sofort, woher: Ihr Vater spricht in einer Rede stolz von seinem Sohn und dessen Leistungen – und dann sagt er „und meine schöne Tochter Jennifer, die mir immer zur Seite steht.“ Er spricht über sie, als sei sie ein Haustier, ein Anhängsel, kein Individuum. Das prägt ihre Vorstellung von Liebe. Und weil sie Fernando liebt, behandelt sie ihn wie ein Kind, das keine eigenen Entscheidungen treffen kann.
„Das Motiv eines Mäzens ist für mich nicht das Wichtigste. Sondern dass er sein Geld einsetzt, um anderen zu helfen“
Haben Sie für sich erarbeitet, warum sie so isoliert ist?
CHASTAIN: Liebe ist eine aktive Entscheidung. Sie entscheidet sich, jemanden zu lieben, der in einem anderen Land lebt, jemanden, dessen Alltag kaum weiter von ihrem entfernt sein könnte. Bei Fernando findet sie etwas, das sie nie hatte. Wenn sie ihn am Anfang vermisst, sehnt sie sich also nach Fernando – aber auch nach dem Teil ihrer selbst, der nur mit ihm frei war.
Philanthropie und Kulturförderung spielt im Film eine ambivalente Rolle. Auch von Hollywoodstars wird oft erwartet, dass sie Gutes tun und sich engagieren. Wie ziehen Sie da für sich die Grenze?
CHASTAIN: Wenn jemand Geld hat und es einer Organisation oder Stiftung geben möchte, finde ich das erst einmal gut! Natürlich gibt es Leute, die das System ausnutzen, keine Steuern zahlen oder Ähnliches – das ist ein Problem. Aber das Motiv eines Mäzens ist für mich nicht das Wichtigste. Sondern dass er sein Geld einsetzt, um anderen zu helfen.
Sie thematisieren auch Migration und Abschiebung: Unter Trump wurde die Lage noch extremer, schon durch die Brutalität der ICE-Beamten. Manche Schauspieler haben die USA verlassen. Sie leben in New York. Wie blicken Sie auf Ihr Land?
CHASTAIN: Die USA hatten schon immer ein Problem damit, wie Einwanderer behandelt werden. Jetzt wird es nur lauter und unübersehbarer. Die Wahrheit ist: Ich glaube nicht, dass irgendjemand es so gelöst hat, wie es gelöst werden müsste – nämlich indem man Menschen als Menschen behandelt, mit Respekt. Aber ich stehe nicht an dem Punkt, an dem ich die USA verlassen möchte. Dann hätte ich das Gefühl, Menschen in einer schwierigen Situation im Stich zu lassen. Ich möchte lieber bleiben und zu einer Gesellschaft, einer Kultur und einem Land beizutragen, an das ich glaube! Ich glaube an das Gute in den USA. Wegzugehen würde sich anfühlen wie Aufgeben. Ich gebe nicht auf – nur wegen eines faulen Apfels.
Sie haben seit Ihrer Heirat eine intensive Verbindung nach Italien. Können Sie es nachvollziehen, wie es sich anfühlt, in einer anderen Welt zu sein? Und warum haben Sie sich New York ausgesucht? War es die Mitte zwischen Ihrer Heimat Kalifornien und der Heimat Ihres Mannes?
CHASTAIN: Ja. Wofür ich mich fast schäme: Ich spreche nicht viele Sprachen. Ich hatte vier Jahre Französisch in der Highschool, aber da blieb wenig hängen. An öffentlichen Schulen in den USA lernt man leider nicht so viel. Ich lerne jetzt Italienisch, aber ich fühle mich trotzdem nicht wie jemand, der international reist und überall kommunizieren kann. Deshalb habe ich Empathie für Menschen, die sich fremd fühlen – denn mir geht es ja auch so.
„Als ich New York zum ersten Mal besuchte, war das Aha-Moment: Plötzlich ergab alles SInn“
Wie sind Sie selbst, die Kalifornierin, mal in New York gelandet?
CHASTAIN: Ich glaube, ich wusste immer, dass ich dort landen würde. Als ich New York zum ersten Mal in der Highschool-Zeit besuchte, war das ein Aha-Moment für mich: Plötzlich ergab alles Sinn. New York ist mein Lieblingsort auf der Welt. Hier ermöglichte mir ein Stipendium, auf die renommierte Juilliard School zu gehen. Ich liebe diese Stadt: Man geht die Straße entlang und hört so unterschiedliche Sprachen und Akzente, und alle fahren U-Bahn. Das finde ich so wichtig an New York: Egal, aus welcher wirtschaftlichen Schicht man kommt, man begegnet allen in der Subway. Ich fahre überall mit der U-Bahn hin. Für mich ist sie Stadt der beste Ort zum Leben.
Werden Sie nicht erkannt, wenn Sie die Subway nehmen?
CHASTAIN: Ja klar – aber in New York ist man nie der wichtigste Teil im Tag eines anderen. Die Menschen haben anderes zu tun. Das ist großartig. Mir geht es ja genauso: Ich muss meine Kinder zur Schule bringen, habe Dinge zu erledigen. Das macht die Stadt zum idealen Ort für mich. Ich liebe New York.
Überlassen Sie das nicht Nannys, Ihre Töchter zur Schule zu bringen?
CHASTAIN: Oh nein – ich bringe meine Kinder gerne selbst zur Schule!
Zur Person: Jessica Chastain wurde 1977 in Sacramento/Kalifornien als Tochter einer Köchin und eines Feuerwehrmanns geboren. Sie studierte, ermöglicht durch ein Stipendium des Hollywoodstars Robin Williams, an der renommierten Schauspielschule Juilliard in New York. Ihren Durchbruch erzielte sie 2013 im Film „Zero Dark Thirty“, für den sie mit einem Golden Globe geehrt wurde. 2022 gewann sie den Oscar für ihre Hauptrolle in dem Filmdrama „The Eyes of Tammy Faye“. Nun ist sie im Drama „Dreams“ (Filmstart 23. Juli) zu sehen, in dem sie als Tochter aus wohlhabendem Hause und Kunstmäzenin sich in Fernando, einen mexikanischer Tänzer, verliebt und mit ihm ein Doppelleben jenseits der mexikanischen Grenze führt. Jessica Chastain ist seit 2017 mit dem Italiener Gian Luca Pasi De Preposulo verheiratet, das Paar hat zwei Töchter.