Ausgangspunkt der Kontroverse ist ein viel beachteter Instagram-Beitrag von Arzije Asani. Die 31-jährige Autorin und Filmemacherin mit Wurzeln im Kosovo ist in Rebstein aufgewachsen und zog vor elf Jahren nach Zürich.

Ihren offenen Brief beginnt sie mit den Worten: «Liebes Rheintal, nicht jeder Ort, an dem man aufwächst, ist ein Zuhause.» Aufgegriffen hatte den Post zuerst das «St.Galler Tagblatt».

Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit

Asani schildert darin Erfahrungen mit Ausgrenzung, Fremdenfeindlichkeit und dem Gefühl, nicht dazuzugehören. Arzije Asani arbeitet heute als Autorin, Filmemacherin, Kuratorin und Beraterin in Zürich. In ihren Projekten beschäftigt sie sich vor allem mit Migration, Erinnerung, Identität und gesellschaftlicher Vielfalt. 

Ihre dokumentarische Webserie «Çohu» wurde mehrfach ausgezeichnet. 2025 erhielt sie einen Werkbeitrag des Kantons St.Gallen, 2026 einen Arbeitsbeitrag der Stadt Zürich.

Asanis Post stiess bei zahlreichen Menschen auf Zustimmung. Insbesondere Menschen, die selbst im Rheintal aufgewachsen sind und einen Migrationshintergrund haben, erklärten, sie hätten ähnliche Erfahrungen gemacht. Andere reagierten mit Unverständnis und warfen Asani vor, ihre persönlichen Erlebnisse auf die gesamte Bevölkerung zu übertragen.

Auch der St.Galler Historiker und langjährige SP-Kantonsparteipräsident Max Lemmenmeier stellte sich hinter die von Asani angestossene Debatte. Gegenüber dem «St.Galler Tagblatt» erklärte er, eine gewisse «geistige Enge» im Rheintal lasse sich nicht leugnen.

Egger ist sauer

Nun schaltet sich auch der Bernecker SVP-Nationalrat Mike Egger ein. Der 33-Jährige vertritt den Kanton St.Gallen seit März 2019 im Nationalrat und ist im Rheintal aufgewachsen. «Unser Rheintal hat eine Entschuldigung verdient», schreibt Egger in einem am Dienstag veröffentlichten Instagram-Beitrag.

Wer eine ganze Region als rückständig darstelle und den Rheintalern pauschal Fremdenfeindlichkeit unterstelle, dürfe sich über deutlichen Widerspruch nicht wundern.

Das Rheintal sei das pure Gegenteil einer rückständigen Region, hält Egger fest. Es gehöre zu den wirtschaftlich stärksten und innovativsten Regionen der Schweiz und werde von erfolgreichen KMU, international tätigen Unternehmen und Menschen geprägt, die täglich anpackten und ihren Beitrag leisteten.

«Wer das Rheintal als rückständig bezeichnet, sollte vielleicht zuerst genauer hinschauen: auf seine Unternehmen, seine Innovationskraft und vor allem auf die Menschen, die jeden Tag dafür sorgen, dass diese Region zu den wirtschaftlichen Kraftzentren unseres Landes gehört», schreibt der SVP-Nationalrat.

Egger erwartet deshalb von Asani eine Entschuldigung gegenüber den Rheintalern. «Ich bin stolz auf meine Heimat. Und ich lasse nicht zu, dass unsere Region unwidersprochen schlechtgeredet wird.»

Die wirtschaftliche Stärke, auf die sich Egger beruft, lässt sich statistisch belegen.

Gemäss den jüngsten Zahlen des Kantons St.Gallen entfallen im Wahlkreis Rheintal 48,4 Prozent der Beschäftigung auf den industriellen und gewerblichen Sektor. Im schweizerischen Durchschnitt sind es lediglich 23,3 Prozent.

Besonders auffällig ist der Anteil technologieintensiver Branchen: Im Rheintal arbeiten 20,5 Prozent der Beschäftigten in diesem Bereich, gegenüber 7,4 Prozent in der gesamten Schweiz. Zudem sind 70,6 Prozent der Arbeitsplätze bei KMU angesiedelt. Auch dieser Wert liegt deutlich über dem schweizerischen Durchschnitt.

Gleichzeitig ist das Rheintal eine stark international geprägte Region. 44,8 Prozent der Bevölkerung ab 15 Jahren haben einen Migrationshintergrund. Der Ausländeranteil beträgt 30,9 Prozent.

Diese Zahlen beweisen weder, dass es keine Fremdenfeindlichkeit gibt, noch bestätigen sie Asanis weitreichendes Urteil. Sie zeigen aber, dass das Rheintal wirtschaftlich und gesellschaftlich wesentlich vielfältiger ist, als es das Etikett «rückständig» vermuten lässt.

Im Kern prallen in der Kontroverse zwei Ebenen aufeinander:

Asani beschreibt persönliche Erfahrungen, die ihr niemand absprechen kann. Egger wehrt sich dagegen, dass daraus ein Urteil über eine ganze Region und deren Bevölkerung entsteht.