Der deutschen Künstlerin Anne Loch widmet das Zentrum Paul Klee in Bern eine grosse Ausstellung «Malerei: Na und?» – die zweite in der Schweiz nach einer Ausstellung in Chur 2017. Die Gemälde in grossem Format beeindrucken durch ihre Farben und die Genauigkeit der Darstellung.

Die luftige Ausstellungshalle wurde von Renzo Piano nicht nur für den Namensgeber des Zentrums am grünen Rand von Bern konzipiert, seit Jahren zeigen die Kunstverantwortlichen auch Werke, die in irgendeiner Weise in Beziehung zu Paul Klee stehen könnten. Anne Loch, geboren 1946 in Minden / Westfalen kannte sicher Werke von Klee, auch wenn sie sich nicht demonstrativ auf ihn bezieht. – Museumsdirektorin Nina Zimmer erweiterte den Horizont zur Einführung mit der Frage «Wie kann man Malerei aus unserer heutigen Perspektive neu denken?» Das bewegte wohl Paul Klee seinerzeit in seinem Schaffen ebenfalls.

Anne Loch im Atelier in Thusis, 1989. Nachlass Anne Loch. Foto: Christoph Guler, Thusis

Anne Loch wurde von der Künstlerszene in Düsseldorf und Köln geprägt. Die «wilde Szene» damals tendierte zu Gegenständlichkeit und neuer Figürlichkeit. Sie hatte zuerst eine Ausbildung als Modedesignerin absolviert und begonnen, als Schneiderin zu arbeiten, ehe sie die Kunstakademie in Düsseldorf besuchte.

Sie reist nach Venedig und Ravenna, später verbringt sie längere Zeit in Neapel, hat Kontakt zu Künstlern dort und kann im Goethe-Institut Neapel ausstellen. Zurück in Köln lebt und malt sie wohl in lebendigem Kontakt zu der dortigen Kunstszene. – Wiederum kann sie ihre Werke in verschiedenen Galerien zeigen.

Anne Loch: AL 213, 1987. Acryl auf Nessel. 180 x 280 cm. Nachlass Anne Loch. Foto Dominique Uldry, Bern

1988 bricht sie radikal mit der rheinischen Kunstszene, sie trennt sich von ihrem Ehemann, über den nichts weiteres bekannt ist, und den zwei Adoptivkindern. Sie zieht sich nach Thusis GR zurück, wo sie sich bis 2002 in ihre Malerei vertieft. – Die Schweiz war ihr vielleicht nicht vollkommen unbekannt. Die Berner Galeristen Erika und Otto Friedrich unterstützen sie mit Ausstellungen ihrer Bilder. Anne Loch muss auch die Gegend um Bern besucht haben, denn sie malt den Niesen – den Berg, der andere (Paul Klee, Ferdinand Hodler) früher schon inspiriert hatte.

Anne Loch: AL 279, 1989. Acryl auf Leinwand. 180 x 280 cm. BKW Energy AG Bern. Foto: Dominique Uldry, Bern

«Das Dargestellte springt uns direkt entgegen.» So formuliert Kuratorin Amélie Joller den Eindruck, wenn wir durch die Halle schlendern. Die grossen Formate ziehen den Blick schon von ferne an. Beim Näherkommen erkennt die Besucherin, der Besucher, wie diese Malerei ausgeführt ist: nämlich bewusst und mit Sorgfalt für jeden Strich, seien es prächtige Pfingstrosen oder Blumen von einer Alpenwiese. Von Kitsch kann da keine Rede sein.

Anne Loch: AL 603, 1993. Acryl auf Leinwand. 180 x 280 cm. Kunstmuseum Bern, Schenkung. Foto: Markus Mühlheim

Anne Loch malt jeden Gegenstand absichtsvoll, nicht etwa «nach der Natur». Sie benutzt als Vorlagen Bücher, Blumen und Pflanzen der Alpen zum Beispiel, ausserdem fotografiert sie selbst sehr viel. – Wer ihre Bilder anschaut, sieht, Fotorealistin ist sie nicht. Sie bezeichnet sich selbst als Konstruktivistin. Das zeigt sich am deutlichsten auf grossen fast monochrom wirkenden Flächen, die aber aus einzelnen Stücken zusammengesetzt sind.

Strukturen haben grosse Bedeutung für sie. Ebenso fertigt sie von vielen ihrer Sujets ganze Serien an, nicht nur von Rosen, auch der Niesen wird in Variationen dargestellt. Sie spielt mit der Spannung zwischen Konkretem und Abstraktem und sucht die Grenzen ihrer Malweise. Form- und Farbstudien macht sie auch mit dem Fotoapparat.

Anne Loch: AL Z 29, 1997. Lack und Gouache auf Papier. 93 x 129 cm. Sammlung BONDO. Foto: Dominique Uldry, Bern

In ihren Techniken ist sie experimentierfreudig, manchmal benutzt sie Lack anstelle von Öl- oder Acrylfarbe, um spezielle Effekte zu erzielen: der Wald erhält durch die Lackfarbe eine besondere Atmosphäre. Ihre Bilder haben keine Titel, sie hat sie in chronologischer Reihenfolge nummeriert. Es sind über 1’400 Werke.

Durch die Hängung ungefähr in der Mitte der Ausstellung entsteht eine raffinierte Kombination: ein rares Selbstbildnis neben einem Raben. Hier ist ihre Farbpalette – ganz bestimmt willentlich – stark reduziert.

Ausstellungsansicht (Foto mp)

Mit dem damals üblichen Kassettenrecorder macht Anne Loch Tonaufnahmen, in denen sie tagebuchartig ihre Gedanken, ihre intimsten Gefühle und Bemerkungen zu ihrer Kunst ausdrückt, gerichtet an einen (unbekannten) Mann. Diese mündlichen Aufnahmen lässt sie transkribieren und überarbeitet sie dann noch einmal. Dieses Material wird in der Nachlass-Stiftung aufbewahrt. Es ist noch nicht bearbeitet und dementsprechend auch nicht veröffentlicht. André Born, ein enger Freund, der ihr nicht erst in der letzten Zeit ihrer Krankheit zur Seite stand, verwaltet das Archiv in Bern und Bondo.

Anne Loch: AL Spino 5, 2014. Permanentmarker auf Schwarz-Weiss-Fotografie. 27 x 20 cm. Privatsammlung. Foto: Dominique Uldry, Bern

In ihren Werken findet man keine sozial- oder zeitkritische Bezüge wie bei vielen anderen zeitgenössischen Künstlern. – Anne Loch malt einfach Bilder, wie sie selbst in ihren dokumentierten mündlichen Äusserungen sagt. Seit dem Jahr 2000 und in den folgenden Jahren hält sie sich noch einmal in Deutschland auf. 2013, nach der Diagnose einer schweren Krebserkrankung, kehrt sie ins Bündner Land zurück und stirbt 2014 im Spital von Promontogno, betreut von ihren Schweizer Freunden. Bis zuletzt ist sie künstlerisch tätig: Im Spital bemalt sie ihre Fotografien mit einem Edding-Stift, genauer gesagt, sie setzt durch Formen Akzente.

Anne Loch. Malerei: Na und?. Ausstellung im Zentrum Paul Klee, Bern, bis 20. September 2026.

Titelbild: Anne Loch: AL 235, 1987. Acryl auf Nessel. 280 x 370 cm (2-teilig). Nachlass Anne Loch. Foto: Dominique Uldry, Bern

Eva Caflisch berichtete über die oben erwähnte erste Ausstellung im Bündner Kunstmuseum 2017.