Eine Frau sitzt einem Mann am Schreibtisch gegenüber (Szene aus dem Film "Bitteres Fest")

AUDIO: Filmkritik «Bitteres Fest» von Pedro Almodóvar (4 Min)

Stand: 29.07.2026 06:00 Uhr

Diese Woche kommt der neue Film des Spaniers Pedro Almodóvar ins Kino. In «Bitteres Fest» konzentriert er sich wieder auf seine Heimat und seine Wurzeln. Einmal mehr verschwimmen darin die Grenzen zwischen echtem Leben und Fiktion.

von Bettina Dunkel

Erst ist es nur ein fernes Donnern, dann ein heftiges Unwetter, das sich auch in Elsas Kopf entlädt. Hilflos ist die Regisseurin einem Migräneanfall ausgesetzt. Sie kann auch nicht mit Atemübungen gegensteuern, erleidet eine Panikattacke und landet in der Notaufnahme.

Seltsam distanzierter Filmauftakt

Der Auftakt von Pedro Almodóvars neuem Film «Bitteres Fest» klingt dramatisch und wirkt doch seltsam distanziert, denn so richtig mitfühlen kann man nicht mit dieser Elsa. Hinter der stoischen Mimik und einer trotz Dunkelheit getragenen Prada-Sonnenbrille werden ihre Schmerzen nicht greifbar. Mit ihrem roten Designermantel wirkt sie im Klinikfoyer selbstbewusster als die Spätschicht-schiebenden Götter in Weiß.

Dass irgendetwas an dieser Geschichte nicht stimmt, merkt auch Drehbuchautor Raúl. Er ist derjenige, der sie gerade verfasst. Er versucht, Elsa Konturen zu geben und der Figur Leben einzuhauen. Wie gebannt starrt er auf den blinkenden Textcursor seines Laptops. Er ist unfähig, seine seit Jahren andauernde Schreibblockade zu durchbrechen und ebenso unfähig, dieses Problem mit seinen engsten Vertrauten zu besprechen.

Muss ich dir wieder und wieder erklären, dass ich nur in der Lage bin zu schreiben, wenn ich absolut frei bin? Koste es, was es wolle.

Filmzitat

Autofiktionales Melodram als Film im Film

Ein Mann mit Kochschürze und ein anderer Mann stehen sich in einer Küche gegenüber.

Leonardo Sbaraglia (r.) als Raúl und Quim Gutiérrez als Santi in einer Szene aus «Bitteres Fest»

«Bitteres Fest» ist ein Film im Film, beziehungsweise genauer: ein Film über die Entstehungsgeschichte eines Films. Und noch genauer: ein autofiktionales Melodram, in dem Almodóvar einmal mehr Einblicke in sein eigenes Schaffen gibt. Denn während Elsa das alter Ego von Raúl ist, ist Raúl das alter Ego von Almodóvar.

Bis sich diese Zusammenhänge vollends erschließen, vergeht allerdings gut und gerne die Hälfte des Films. Denn «Bitteres Fest» ist ein perfekt getrimmtes Labyrinth, in dem sich das Kinopublikum gar nicht anders als verlieren kann. Selbst noch so geschulte Almodóvar-Kenner werden eine Weile brauchen, bis sie den roten Faden finden.

Almodóvar-Film voller versteckter Hinweise

Wer sich nun denkt «Na herzlichen Dank, dieses Rätsel hätte ich aber gern selbst gelöst» – an Reiz verloren hat der Film durch dieses Vorwissen kein bisschen. Schließlich fügt sich «Bitteres Fest» perfekt in Almodóvars Oeuvre. Das heißt: Es gilt nicht nur die zwischen zwei Zeitebenen hin- und herspringende Handlung zu dechiffrieren, sondern auch die Hinweise im Kostüm- und Produktionsdesign, die essenziell sind für das Stimmungsbild und weit über das für den Filmemacher typische Colorblocking hinausgehen.

Szene aus dem Film "The Room Next Door"

Almodóvars bisher reduziertestes Werk besitzt eine künstlerische Offenheit, die belebend wirkt – trotz der Schwere des Themas.

Optische Details als Ausdruck der Machtverhältnisse

Wenn etwa Raúl im sattgelben Hemd vor seinem rot lackierten und mit Kulturwälzern vollgestopften Bücherregal thront und sein ihm gegenüber sitzender und in gedämpften Blautönen gekleideter Partner fast eins wird mit der ebenfalls blauen Sofa-Garnitur, werden ohne Worte Grenzen gezogen im sozialen Miteinander. Dieses ist eigentlich sowieso ein Ohneeinander. Auf der einen Seite ist eine leuchtende Kreativ-Oase, auf der anderen eine zum dekorativen Objekt verkommene Beziehung.

«Bitteres Fest» ist vor allem ein Eingeständnis, dass die Kunst das Leben imitiert und Kreative dazu tendieren, ihr Umfeld auszunutzen. Sie betreiben also emotionalen Vampirismus. Deshalb sollte das Augenmerk umso mehr auf das auch in optischen Details zum Ausdruck kommende Machtverhältnis der Figuren gerichtet werden. Die eine gibt und verblasst, die andere saugt aus und erstrahlt.

Verkopftes Gesamtkunstwerk – und doch emotional

Eingeschworene Almodóvar-Jünger müssten an dieser autofiktionalen Selbstbespiegelung eigentlich Gefallen finden. Denn obwohl das verkopfte Gesamtkunstwerk erst recht spät auch auf emotionaler Ebene funktioniert: Kaum jemand verpackt seine Ideen ordentlicher und eleganter als der 76-jährige Großmeister der Gedankenverschachtelung.

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