LONDON (IT BOLTWISE) – Die Venus gilt lange als geologisch inaktiv, doch neue 3D-Computermodelle der ETH Zürich zeigen, dass unter der dicken CO₂-Atmosphäre noch immer Kruste auseinanderdriften kann. Besonders breite Riftflanken an Ganis Chasma, Dali Chasma und Devana Chasma sprechen für junge oder sogar anhaltende Grabenbrüche. Die Simulationen verbinden dieses Muster mit schnelleren Dehnungsraten und heißen Mantelströmen. Entscheidend ist dabei: Die Arbeit belegt keinen aktuellen Ausbruch, liefert aber klare Zielregionen für kommende Messmissionen.
Venus bleibt geologisch lebendig: ETH-Modelle stützen aktive Grabenbrüche und mögliche Vulkane (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Venus hat seit Jahrzehnten einen festen Ruf: zu heiß, zu trocken, ohne Ozeane und mit einem Atmosphärendruck, der alles „Earth-ähnliche“ schnell ad absurdum führt. Dazu kommt ein weiterer Grund, warum viele Modelle den Planeten als geologisch weitgehend erstarrt einstuften: Im Gegensatz zur Erde wird keine klassische Plattentektonik erwartet. Umso spannender sind neue Ergebnisse aus Zürich, die das Bild deutlich verschieben. Sie zeigen, dass die Kruste unter der Oberfläche noch in Bewegung sein könnte – und dass Vulkane zumindest als Möglichkeit nicht ausgeschlossen sind.
Im Zentrum stehen mehrere lang gestreckte Grabenbruchsysteme, die auf Venus-Karten als Chasmata auffallen. Die ETH-Forscher haben dafür drei besonders markante Strukturen genauer analysiert: Ganis Chasma, Dali Chasma und Devana Chasma. Die Form dieser Gräben wirkt laut den Autoren nicht wie ein altes „Relikt“ aus ferner Vorzeit, sondern wie ein System, das sich entweder noch weiter öffnet oder erst vor geologisch kurzer Zeit verlangsamt hat. Als wissenschaftliche Plattform wurden die Ergebnisse im Fachjournal Nature Geoscience veröffentlicht. Damit landet die Debatte nicht nur in einem astronomischen Randbereich, sondern bei einer Disziplin, die tektonische Prozesse über Größenordnungen hinweg anhand von Geometrie und Zeitkonstanten abgleicht.
Technisch betrachtet kombinieren die Arbeiten 3D-Computermodelle mit Annahmen zur Materialfestigkeit der Venuskruste und zur Dehngeschwindigkeit. Solche Simulationen sind bei Planeten besonders wichtig, weil es keine direkten Bohrkerne gibt, die man datieren könnte. Stattdessen werden beobachtbare Oberflächenmerkmale in rückwärtsgerichtete Prozesse „übersetzt“. Ein Schlüsselparameter ist dabei, wie schnell Riftflanken nach dem Ende der Dehnung „auslaufen“: Auf der Venus entstehen breite Erhebungen an den Seiten der Gräben, solange die Kruste auseinanderzieht. In den Modellrechnungen nimmt die Breite dieser Ränder innerhalb von etwa 15 Millionen Jahren drastisch ab, wenn die Kruste bestimmten Gesteinsannahmen entspricht – nach rund 100 Millionen Jahren sind die charakteristischen Erhebungen dann nahezu verschwunden.
Genau dieser Abgleich mit der Realität macht die Arbeit so relevant. Die Autoren verweisen auf Radaraufnahmen der Raumsonde Magellan, die auch heute noch sehr breite Riftflanken zeigen. Für Ganis Chasma nennen sie eine mittlere Breite von etwa 160 Kilometern; bei Devana Chasma liegen die Werte sogar bei rund 180 Kilometern. Dali Chasma erreicht demnach etwa 110 Kilometer. Aus diesen Größenordnungen leiten die Modelle ab, dass die Grabenbrüche entweder aktiv waren oder zumindest geologisch sehr jung sein müssten – mit einer möglichen Dehnung von etwa drei bis zehn Zentimetern pro Jahr. Das wäre deutlich schneller als frühere Modellannahmen, die häufig eher Größenordnungen um ein Zentimeter pro Jahr in den Mittelpunkt stellten. Außerdem argumentieren die Autoren, dass die Kruste an vergleichbaren Strukturen nicht nur „langsam nachgibt“, sondern in einer Dynamik reagiert, die zu jungen tektonischen Zuständen passt.
Für den Antrieb kommt als plausibelster Mechanismus ein Zusammenspiel aus Mantelplumes und Auftrieb in Frage: Heiße Gesteinsmaterialen steigen aus dem Inneren auf, wölben die Oberfläche, schwächen die Kruste und können sie dadurch mechanisch auseinanderdrücken. Diese Mantelströme sind zugleich ein Kandidat für Vulkanismus, weil die gleiche physikalische Schwächung die Bildung von Magma begünstigen kann. Interessant ist zudem die topografische Kopplung: Mehrere der untersuchten Gräben liegen nahe großen Erhebungen, wo sich zusätzlich Coronae häufen. Diese ringförmigen Strukturen gelten als sichtbarer Hinweis auf tektonische und magmatische Vorgänge, die vermutlich ebenfalls mit aufsteigendem Material zusammenhängen. Damit entsteht ein konsistentes Gesamtbild aus Grabenbrüchen, breiten Flanken und Coronae – also genau die Art von Muster, die man erwartet, wenn Prozesse im Mantel die Geometrie der Oberfläche aktiv prägen.
Die Studie ordnet sich damit in eine Reihe früherer Indizien ein. Schon Radaraufnahmen lieferten Veränderungen an Vulkanstrukturen, und Messungen der Atmosphäre deuteten zeitweise auf mögliche vulkanische Gase hin. Neu ist vor allem die Verbindung: Die aktuelle Arbeit verknüpft diese Hinweise mit einem quantifizierbaren, schnell genug verlaufenden Dehnungsprozess, der in den beobachtbaren Riftflanken Spuren hinterlässt. ETH-Geophysiker Taras Gerya fasst das Ziel entsprechend zusammen: „Die Ergebnisse helfen, die tektonische Aktivität der Venus besser einzuschätzen“. Gleichzeitig betonen die Autoren die Grenzen der Modellierung: Die Simulationen belegen keinen konkreten gegenwärtigen Ausbruch, sie sprechen aber dafür, dass geologische Kräfte unter der Oberfläche noch nicht vollständig erloschen sind.
Damit wird die Arbeit auch für die Planung künftiger Missionen operativ. Die europäischen Pläne setzen dabei auf EnVision für die frühen 2030er-Jahre: Der Orbiter soll die Oberfläche mit moderner Radartechnik systematisch abtasten und Veränderungen zwischen mehreren Umläufen nachweisen. Auch die NASA arbeitet an weiteren Venusmissionen; als besonders interessant werden erneut Ganis, Dali und Devana Chasma hervorgehoben. Wenn Messungen von Wärme, vulkanischen Gasen und frischen Lavaflächensignaturen dort tatsächlich zusammenpassen, könnte das das langjährige „Vielleicht“ in Richtung „Ja“ verschieben. Bis dahin bleibt es aber eine strategische Priorisierung: Die Modellierung liefert nicht den Ausbruch als Beweis, sondern die Regionen, an denen sich ein moderner Nachweis am ehesten lohnt.
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