Na, servus. David Schalko, Regisseur und Autor, der zuletzt mit den in der ARD ausgestrahlten skurrilen Episodenfilmen „Warum ich?“ und der mit Daniel Kehlmann geschriebenen Serie „Kafka“ auf sich aufmerksam machte, lädt wieder ins bizarre Niederösterreich. In die Marktgemeinde Braunschlag im nördlichen Waldviertel, die Schalko 2012 in seiner gleichnamigen Serien-Groteske erfunden hat.
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Die genial schräg geschriebene und in einer ebenso genialen Ensembleleistung gespielte Originalserie brachte damals den Beweis, dass ein öffentlich-rechtlicher Sender wie der ORF, wenn er sich nur traut, Lokalkolorit mit Themen wie Touristennepp, Dorfdumpfheit, Katholizismus-Kritik, Politkorruption und Ufo-Gläubigkeit zu verquicken, einfach nur gewinnen kann.
„Braunschlag“, die Serie, in der ein Bürgermeister und sein Dorfdisco-Betreiber-Spezi den wirtschaftlichen Niedergang mit einer fingierten Marienerscheinung stoppen und in der ein Todkranker mittels aufgelegter Meerschweinchen geheilt wurde, entpuppte sich als Erfolg. Beim Publikum und bei der Kritik.
Sogar in den USA wurde man auf Schalkos Kultserie aufmerksam und plante Remakes, die jedoch nie in Serie gingen. Gott sei Dank: Die schwarzhumorige Mischung aus Schmäh, Irrsinn und zärtlicher Bosheit, mit der David Schalko sein Pandämonium an Dorfdeppen ausstattet, ist so nur bei den Ösis denkbar. Vom kraftvollen Idiom mit Aufforderungen wie „Geh‘ scheißen“ ganz zu schweigen.
Die Serie
„Braunschlag 1986“, Österreich 2026, 231 Minuten (fünf Teile), Buch und Regie: David Schalko. Mit Robert Palfrader, Nicholas Ofczarek, Nina Proll, Maria Hofstätter und Nora von Waldstätten.
Zu sehen beim Streamer HBO Max, der – wie Amazon Prime und Apple TV – auch die Vorgängerserie „Braunschlag“ zeigt.
Mit der fünfteiligen Serie „Braunschlag 1986“, die der Streamer HBO Max jetzt ausstrahlt, probt Schalko den Rücksturz in die Vergangenheit, gewissermaßen als behauptetes Prequel im Sequel. In eine Vergangenheit, die mit neonfarbenen Großbuchstaben und einer Synthesizer-klirrenden „Miami Vice“-Melodie schon im Titel schrilles Achtziger-Feeling beschwört.
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Bürgermeister Gerri (Robert Palfrader) und Dorfdisco-Betreiber Richard (Nicholas Ofczarek) sind die einzigen, die 14 Jahre nach einer atomaren Verstrahlung noch im Flecken Braunschlag ausharren. Plötzlich klingelt das Telefon und „St. Pölten“ ist dran.
In der Landeshauptstadt sitzt wie eh und je der konservative Politiker Rainer Katzlbrunner (Simon Schwarz) und teilt mit kerniger Stimme mit, dass der Ort wieder betretbar sei, von wegen Halbwertszeit und so. Doch der Ansturm von einstigen Strahlenflüchtlingen, die Gerri anderntags am Ortsschild vor leerer Gegend zu begrüßen hofft, hält sich in Grenzen: Keiner will wieder nach Braunschlag.
Die Eighties sind pink. Herta Tschach (Maria Hofstätter) und Elfi Pfeisinger (Nina Proll, r.) sind nur mäßig begeistert vom Achtziger-Revival, das sich ihre Ex-Gatten ausgedacht haben.
© PR/Superfilm
Also hecken Gerri und Richard, die vom ewigen Drinnenhocken noch versoffener, feister und lethargischer geworden sind, einen Plan aus, um zuerst Bewohnerinnen und dann Touristen zu locken: In Braunschlag herrscht per Deklaration wieder das Jahr 1986.
Kein Corona und kein Kaffee mit Schaum
„Da habe ich meine Herta kennengelernt“, greint Gerri am Tresen seiner verflossenen Ehefrau (Maria Hofstätter) hinterher. Außerdem: „Gab’s keine Globalisierung, kein Corona, kein Handy und keinen Kaffee mit Schaum.“ Dass sich 1986 auch der Atomunfall von Tschernobyl ereignete, fällt Gerrit erst viel, viel später wieder ein.
Nepp mit Nostalgie. Milchgesicht B.B. („Arthur Vischer“) verfügt über Geld und Marketingideen, die Bürgermeister Gerri (Robert Palfrader“) stark interessieren.
© PR/Superfilm
Alsbald fährt ein Laster mit von Richard bestellten Achtziger-Requisiten vor. Und Braunschlag beherrscht mit seiner neuen Idee wieder die Schlagzeilen. Richards Frau Elfi (Nina Proll), Priester Riccardo (David Wurawa), Dr. Feist (Thomas Stipsits), Polizistin Gerti (Stefanie Reinsperger), Ufologe Reinhard (Raimund Wallisch), der vatikanische Kommissar Banyardi (Manuel Rubey) und all die anderen Flitzpiepen kehren zurück.
Wieso sollte es 1986 keine schwarzen Pfarrer in Niederösterreich geben? Banyardi (Manuel Rubey) und Riccardo (David Wurawa) haben das Gestänkere der Rechten satt.
© PR/Superfilm
Aufgestockt um zwei zentrale Figuren einer neuen Zeit, die auch im Braunschlag der Vergangenheit heraufdämmert: Der schneidige neurechte Politiker – und Koalitionspartner, wie Katzlbrunner betont – Sigmund (Stefan Gorski), der in Nullkommanichts eine uniformierte Privatmiliz aufstellt und auf Ausweisung des schwarzen Priesters drängt. Und der obercoole Entrepreneur mit Milchbubi-Gesicht B.B. (Arthur Vischer), dessen Finanzen so unendlich zu sein scheinen wie seine hippen Vermarktungsideen.
Überkandidelt und knochentrocken
Flucht in die Nostalgie vor einer als unübersichtlich und anstrengend empfundenen Welt. Wieder salonfähig werdende Rechtsextreme. Popkultureller Nerd-Kult um Musik, Filme, Autos und Amiga- und Atari-Rechner. Russlandgeschäfte von Banken. Sehnsucht nach Digital Detox. All das nimmt „Braunschlag 1986“ überkandidelt und knochentrocken zugleich auf die Schippe. In einem Timing und einer Schauspielkunst, die mehr mit Pausen, Understatement und Verdichtungen arbeiten, als mit Komödienlärm.
Mit feschem Retroschlitten. Ronda (Gabriela Garcia Vargas), die in der ersten Serie nach einem Autorennen mit Elfi an einen Baum krachte, taucht plötzlich wieder auf.
© PR/Superfilm
Und David Schalko, der auch mal als Werbetexter gearbeitet hat, schreibt dazu geschliffene komische Dialogsätze. „Die Kirche hat doch sonst nie was dagegen, die Uhr zurückzudrehen“, muss sich der vatikanische Gesandte vom Bürgermeister anhören. Und als Elfi ihren Teenager-Sohn Winie, der immer im Darth-Vader-Kostüm rumläuft, nicht aus dem Auto bekommt, sagt sie erklärend: „Er hat Angst vor der Landschaft.“
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Geradezu abgründig gerät die lakonische Kurz-Konversation zwischen Gerri, der beim Angeln sitzt, und der hinzutretenden Ex Herta. Sie: „Hast du eigentlich jemals was gefangen? Er: „Schon. Gedanken.“ Sie: „Und?“ Er: „Die meisten waren so klein, dass ich sie gleich wieder reingehauen hab‘“.
Was Arne Feldhusen, der mit der Körperkomik-Serie „Das Manko“ gerade einen großen Wurf im ZDF gelandet hat, als Botschafter des intelligenten Humors im deutschen Fernsehen leistet, das leistet David Schalko im österreichischen, wo „Braunschlag 1986“ zuerst im ORF ausgestrahlt wurde.