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27. Februar 2026
Flüchtlinge, Migranten, Vertriebene – kaumein Thema ist so umstritten, selbst innerhalb der Kirche. Vor den Vereinten Nationen in Genf betonte der Heilige Stuhl bei der Sitzung des UN-Flüchtlingshilfswerks die vier Leitprinzipien „aufnehmen, schützen, fördern und integrieren“ – gegründet auf der unantastbaren Würde jedes Menschen. Über die Kernpunkte dieser Position sprach Christian Peschken (EWTN) mit dem Ständigen Vertreter des Heiligen Stuhls bei den Vereinten Nationen in Genf, Erzbischof Ettore Balestrero.
Wenn jede menschliche Person eine „von Gott gegebene Würde“ besitzt – wie können wohlhabende Nationen dann restriktive Migrationspolitiken rechtfertigen, die faktisch den nationalen Komfort über den evangeliumsgemäßen Auftrag stellen, den Fremden aufzunehmen?
Zunächst möchte ich sagen, dass viele Regierungen in ihrer Politik leider nicht dem Evangelium folgen. Sie stellen häufig die Interessen der Wählerinnen und Wähler, die sie an die Macht gebracht haben, in den Vordergrund. Doch an erster Stelle muss die Würde jedes Menschen stehen – die Würde der Migranten ebenso wie die Würde der Menschen in den aufnehmenden Gemeinschaften. Die menschliche Würde überragt jeden rechtlichen oder politischen Rahmen. Öffentliche Politik sollte im Licht dieser Würde beurteilt werden – nicht umgekehrt. Es darf also nicht die Würde des Menschen daran gemessen werden, ob sie mit bestehenden politischen Vorgaben vereinbar ist.
Spannungen entstehen dort, wo die Würde der Neuankommenden und die der Aufnahmegesellschaft miteinander ins Gleichgewicht gebracht werden müssen. In diesem Zusammenhang möchte ich betonen, dass beide denselben Wert besitzen. Zu diesem Ausgleich gehört auch, einen wichtigen Unterschied anzuerkennen: den zwischen Flüchtlingen und Migranten. Flüchtlinge fliehen definitionsgemäß vor Verfolgung oder Krieg. Migranten hingegen entscheiden sich – zumindest formal – für einen Ortswechsel, oft jedoch unter extremem Druck durch Armut, die die Freiheit dieser Entscheidung stark einschränkt oder faktisch aufhebt. Dieser Unterschied muss bei der Bewertung und Abwägung berücksichtigt werden.
Zugleich ist die Debatte stark politisiert, sehr komplex und wird häufig vereinfacht dargestellt. Die politische Rhetorik schwankt zwischen Offenheit und Ablehnung. Währenddessen wird die Zahl der Vertriebenen weiter steigen, und westliche Länder mit niedrigen Geburtenraten werden auf Zuwanderung angewiesen sein. Diese Staaten haben das Recht, Migration zu regeln. Doch dieses Recht hebt die Pflicht zu Gerechtigkeit und Solidarität nicht auf.
Den Fremden aufzunehmen ist daher kein naiver Slogan, sondern ein anspruchsvoller Auftrag, der Klugheit erfordert. Für Christen ist das wahre Maß einer zivilisierten Gesellschaft nicht die Höhe ihrer Mauern, sondern das Maß ihres Mitgefühls. Dieses Mitgefühl muss allerdings mit dem Respekt vor den Gesetzen, Traditionen und Gepflogenheiten der Aufnahmeländer einhergehen – und mit dem Bewusstsein, dass Migration ein globales Phänomen ist, das einen gemeinsamen, kohärenten Rahmen aller Länder entlang der Migrationsrouten erfordert.
In seiner Rede vor der UN betont Msgr. Daniel Pacho, der die Delegation des Heiligen Stuhls bei der 76. Sitzung des Exekutivkomitees des UN-Flüchtlingshilfswerks leitete, die „geteilte Verantwortung“ für Flüchtlinge – doch viele Länder mit katholischer Bevölkerungsmehrheit selbst weigern sich, Vertriebene aufzunehmen. Wie lässt sich das mit der kirchlichen Morallehre über Solidarität und die universale Bestimmung der Güter vereinbaren?
Wie ich bereits sagte, istMigration ein globales Phänomen. Sie ist komplex, und ihre Auswirkungen unterscheiden sich je nach Region erheblich. Eine ernsthafte Antwort darauf muss daher ebenfalls global sein. Sie muss koordiniert, gut gesteuert und von gemeinsamen Anstrengungen getragen werden, die die Folgen der Migration auf allen Ebenen und in allen betroffenen Ländern berücksichtigen.
Die wirtschaftlichen und organisatorischen Belastungen sind real und müssen anerkannt werden. Sie dürfen jedoch nicht als Vorwand für Gleichgültigkeit dienen. Solidarität darf nicht an nationalen Grenzen enden. In manchen Ländern gibt es Widerstände gegen die Aufnahme von Flüchtlingen. Ebenso real sind jedoch Probleme mangelhafter Integration sowie Verbindungen zwischen Migration – insbesondere irregulärer Migration – und kriminellen Netzwerken. Auch das darf nicht ausgeblendet werden.
Integration erfordert Anstrengung. Sie verlangt Engagement sowohl von den Aufnahmegesellschaften als auch von den Migranten selbst. Einige Staaten versuchen derzeit, Migration durch unterschiedliche Maßnahmen zu gestalten, etwa durch Unterstützung der Länder, die besonders viele Migranten aufnehmen. Wie wirksam diese Unterstützung tatsächlich sein wird, wird sich mit der Zeit zeigen.
Wenn dauerhafte Lösungen „friedliche, gerechte und demokratische“ Gesellschaften erfordern – sollte die Kirche nicht deutlicher über die Rolle mächtiger Staaten und rüstungsproduzierender Volkswirtschaften sprechen, die Konflikte mitverursachen?
Dauerhafte Lösungen für die Herausforderungen der Migration setzen Gesellschaften voraus, die auf Frieden, Gerechtigkeit und Demokratie gründen. Die moralische Stimme der Kirche darf sich dabei nicht nur an jene richten, die Vertreibung erleiden, sondern auch an diejenigen, die sie direkt oder indirekt mitverursachen – wo immer sie sich befinden.
Vertreibung ist Ausdruck tieferliegender Kräfte. Sie ist ein Nebenprodukt globaler Machtkämpfe, geopolitischer Interessen und auch des Waffenhandels. Die Kirche hat den Waffenhandel seit Langem als Geißel und als Motor weltweiter Instabilität verurteilt. Es ist daher kein Zufall, dass die ersten Worte von Papst Leo vom Balkon des Petersdoms ein Aufruf zu einer entwaffnenden und entwaffneten Frieden waren.
Katholische Organisationen helfen unterschiedslos – doch manche politisch Verantwortliche in christlich geprägten Gesellschaften handeln anders. Sollte die Kirche ihre eigenen Gläubigen klarer zur Rechenschaft rufen, wenn Politik und kirchliche Lehre auseinanderfallen?
Ich bin jedoch überzeugt, dass eine nationale Politik, die wirklich von christlicher Kultur geprägt ist, humanitäre Hilfe auf der Grundlage der gleichen Würde aller Migranten und Flüchtlinge leistet – unabhängig von Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit, Herkunft oder Rasse, wie Sie es angesprochen haben.
Gleichzeitig schließt das nicht aus, was ich als eine vorrangige Pflicht bezeichnen würde: nämlich jenen Migranten besondere Unterstützung zu gewähren, zu denen ein Land oder eine Gemeinschaft spezifische Bindungen und besondere Verpflichtungen hat – im Unterschied zu anderen Menschen in vergleichbarer Lage.
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Schluss mit der Suche nach katholischen Nachrichten – Hier kommen sie zu Ihnen.
Die Kirche erinnert immer wieder daran, dass die katholische Soziallehre die Staaten dazu aufruft, die grundlegende Würde jedes Menschen anzuerkennen. Was Christen unterscheidet, ist gerade unser Glaube. Als Katholiken sind wir berufen, die Schönheit und Wahrheit des Evangeliums zu bezeugen. Deshalb muss unser Glaube auch das Handeln katholischer Politiker in der Gesellschaft und in ihren Führungsaufgaben prägen.
Original-Interview aufgenommen von Alex Mur in Genf | Teamleitung Genf: Laetitia Rodrigues | Produktionsleitung: Patricia Peschken | Deutscher Sprecher: Jan Terstiege | Redaktion, Moderation und Schnitt: Christian Peschken für Pax Press Agency, im Auftrag von EWTN und CNA Deutsch.
Hinweis: Interviews wie dieses spiegeln die Ansichten der jeweiligen Gesprächspartner wider, nicht notwendigerweise jene der Redaktion von CNA Deutsch.
