RIO DE JANEIRO / LONDON (IT BOLTWISE) – Die 26. Internationale AIDS-Konferenz startet in Rio de Janeiro unter dem Druck drastischer US-Finanzkürzungen. Im Zentrum steht PEPFAR, das in den vergangenen Monaten bereits merklich an Wirkung eingebüßt hat. Gleichzeitig berichten Forschende über neue HIV-Therapien wie halbjährliche Injektionen mit Lenacapavir und wöchentliche Tabletten. Doch ohne stabilere Finanzierung drohen Versorgungslücken und Verzögerungen beim Ausbau der neuen Optionen.

International AIDS Conference in Rio: Unsicherheit durch US-Kürzungen bei PEPFARInternational AIDS Conference in Rio: Unsicherheit durch US-Kürzungen bei PEPFAR (Foto: IT BOLTWISE)

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Die diesjährige Internationale AIDS-Konferenz setzt bewusst auf „Rethink. Rebuild. Rise.“ – in Rio de Janeiro klingt das nicht wie ein bloßer Slogan, sondern wie eine Antwort auf ein konkretes Lagebild: Einerseits zeigen die letzten Jahre messbare Fortschritte in der HIV-Prävention und -Therapie, andererseits stehen zentrale Förderströme unter Beschleunigungsdruck. Für 2025 nennt der Bericht 1,2 Millionen Neuinfektionen und 547.000 AIDS-bedingte Todesfälle – bei Letzteren der niedrigste Stand seit 30 Jahren. Genau diese positive Entwicklung macht die aktuelle Unsicherheit besonders schmerzhaft, weil sie verdeutlicht, wie schnell der Fortschritt kippen kann, wenn Programme unterbrochen werden.

Die Konferenz beginnt daher mit einer politischen und organisatorischen Dimension, die über die reine Wissenschaft hinausgeht. UNAIDS-Geschäftsführerin Winnie Byanyima warnt laut den Aussagen vor Ort: Wenn Prävention verschwindet, steigen Infektionen. Wenn Behandlung unterbrochen wird, sterben Menschen. Zusätzlich steht nicht nur die Finanzierung der HIV-Programme auf dem Prüfstand, sondern auch die strukturelle Zukunft von UNAIDS selbst: Der UN-Generalsekretär habe vorgeschlagen, die Organisation zum Jahresende auslaufen zu lassen, als Teil einer Verkleinerung des UN-Systems; nach Gegenwehr sei eine finale Entscheidung noch nicht gefallen. Für die Konferenzteilnehmenden bedeutet das: Selbst mit neuen Therapieansätzen bleibt die Frage, ob die Infrastruktur der Versorgung mitziehen kann.

Technisch und zugleich programmatisch wird die Debatte am deutlichsten an PEPFAR festgemacht, dem US-Programm für die Bekämpfung von HIV/AIDS. Laut dem Bericht sanken die US-Zuwendungen als weltweit größter Förderblock für globale HIV-/AIDS-Programme von 6,7 Milliarden US-Dollar auf 4,6 Milliarden US-Dollar im Vorjahr. Speziell bei PEPFAR sei 30% des Budgets gestrichen worden, das zuvor rund 4,7 Millionen US-Dollar umfasst habe; zudem habe der State Department-Betrieb PEPFAR nur mit 70% der verfügbaren Mittel gemeldet, nachdem ein rein finanzieller Wiederaufbau durch den Kongress versucht worden sei. Diese Diskrepanz ist in der Praxis relevant: Wenn Mittel später, weniger oder an andere Auflagen gekoppelt fließen, verschieben sich Beschaffungszyklen für Medikamente, Schulungen für medizinisches Personal und Nachsorgeprogramme – und damit oft genau die Zeiträume, in denen Patientinnen und Patienten stabil bleiben müssen.

Die Auswirkungen werden während der Konferenz anhand neuer Erhebungen von PEPFAR-Empfängern konkretisiert. Wie aus den vorgestellten Befunden der Nichtregierungsorganisation amfAR hervorgeht, skalierten viele Organisationen ihre Leistungen als Reaktion auf Kürzungen und Einschränkungen beim Mitteleinsatz zurück. Insgesamt seien 1.714 Kliniken, „drop-in centers“ und andere Anbieter geschlossen worden. Besonders stark betroffen seien laut den Ergebnissen gemeindebasierte Programme gewesen; zudem hätten Präventionsangebote für bestimmte Risikogruppen – etwa Männer, die Sex mit Männern haben, trans Personen, Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter sowie Menschen, die Drogen injizieren – überproportional gelitten. Am Ende ergibt sich ein Muster, das viele Gesundheits-Systeme aus der Vergangenheit kennen: Nicht die wissenschaftliche Wirksamkeit fehlt, sondern der Zugang zu Tests, Starttherapie und regelmäßiger Medikamentenverfügbarkeit.

Parallel zu dieser Versorgungslage verschiebt sich die inhaltliche Agenda der Konferenz auf neue Behandlungsoptionen – mit besonderer Aufmerksamkeit für Lenacapavir. In den Berichten zu den Studien geht es um zwei Regime: eine zweimal jährlich verabreichte Injektion sowie eine wöchentliche Einnahme als Tablette. Über einen Zeitraum von einem Jahr hätten die Studien gezeigt, dass Lenacapavir-Injektionen eine „superior efficacy“ zur Vermeidung der HIV-Übertragung gegenüber täglichen oralen Medikamenten aufweisen. Die wöchentlichen Tabletten seien ihrerseits ähnlich wirksam wie die tägliche Dosis gewesen und hätten relativ wenige Nebenwirkungen gezeigt. Für die Versorgungspolitik ist das mehr als ein Komfortgewinn: Wenn Patientinnen und Patienten ihren Virusstatus dauerhaft unter die Nachweisgrenze bringen können, sinkt das Risiko von Folgeerkrankungen – und gleichzeitig wird die Übertragung verhindert, sofern die Therapie zuverlässig funktioniert.

Genau hier kollidieren jedoch zwei Zeithorizonte: Die Medikamente könnten neue Standards setzen, doch die Skalierung braucht Geld, Beschaffungskanäle, Logistik und medizinische Betreuung. Dr. Kenneth Ngure von der International AIDS Society verweist deshalb auf die Gefahr, dass die Produkte nicht rechtzeitig in ausreichendem Umfang verfügbar gemacht werden können. Auch Dr. Ngure wird mit der Aussage zitiert, dass man nicht sicher sei, ob die Präparate hochskaliert werden und ob sie wirklich bei den Menschen ankommen, die sie am dringendsten brauchen. In der gleichen Gemengelage steht zudem die politische Entscheidung zum endgültigen Ende von PEPFAR: Dem Bericht zufolge hat die US-Regierung angekündigt, PEPFAR-Finanzierung dauerhaft bis Anfang 2027 zu beenden. Für viele Partnerorganisationen heißt das: Jede Verzögerung bei Budgetfreigaben wird zu einer strategischen Hürde, weil Zwischenphasen ohne stabile Versorgung die spätere Neunormalisierung erschweren.

Für Unternehmen, Stiftungen und IT-nahe Akteure ergibt sich aus dem Konferenzauftakt ein klarer Handlungsrahmen, selbst wenn die Programmsprache zunächst medizinisch klingt. Die Kernfrage ist, wie sich Versorgungsketten resilient gestalten lassen, wenn Förderflüsse unruhig werden: von der Lieferfähigkeit und dem Bestandsmanagement für Medikamente über die Erreichbarkeit von Patientinnen und Patienten bis zur Datenlage für Nachverfolgung und Wirkungsmessung. Das „Rebuild“ der Konferenz zielt damit nicht nur auf neue Wirkstoffe, sondern auf den Aufbau verlässlicher Prozesse, die auch bei Förderunterbrechungen funktionieren. Gleichzeitig zeigt der Verlauf der Konferenz, wie stark Disparitäten mit politisch-administrativen Brüchen zusammenhängen: Wer keinen Zugang zu Behandlung hat, wird durch Fortschritte in Studien nicht automatisch erreicht – und genau diese Lücke wird in Rio de Janeiro in den kommenden Tagen zum zentralen Thema.

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