Donnerstagabend auf dem Sportplatz von Neuensee (Landkreis Lichtenfels): Es ist brütend heiß, aber das stört weder die Musiker auf der Bühne noch das knapp 2.000-köpfige Publikum. Die niederländisch-lateinamerikanische Band Pendejo! zündet ein musikalisches Feuerwerk, bei dem harter Rock und mexikanisch anmutende Bläsersätze zu einem unwiderstehlichen Groove verschmelzen.

Die Zuhörer sind begeistert – zumal Pendejo! nur eine von knapp zwei Dutzend hochkarätigen Bands des dreitägigen, ehrenamtlich organisierten «Rock im Wald»-Festivals war, für das Besucher aus ganz Europa anreisen. Unter den in der Szene bekannten und teils kultisch verehrten Acts waren in diesem Jahr Namen wie Gluecifer, Fu Manchu, Elder, Kylesa, Ghost Woman oder My Sleeping Karma.

Lauter Höhepunkt des Jahres

Für Neuensee sei das Festival seit mehr als 30 Jahren der Höhepunkt des Sommers, erklärt Andreas Robisch, Erster Bürgermeister der zuständigen Gemeinde Michelau. Er selbst sei jedes Jahr dort, es mache ihn unglaublich stolz, was die ehrenamtlichen Veranstalter und ihr Team jedes Jahr auf die Bühne stellen. Das Festival sei längst in der Branche so bekannt, dass auch verhältnismäßig große Bands gerne in das ländliche Oberfranken kommen.

Was genauso für das Publikum gelte: «Welches Dorf kann schon von sich sagen, dass es jedes Jahr im Festivalkalender einer internationalen, treuen Fangemeinde sei?» Das Team rund um Veranstaltungsleiter Christian Sünkel habe es in mehr als 30 Jahren «Rock im Wald» geschafft, eine regelrechte Community aufzubauen.

Harte Musik, treues und friedliches Publikum

Schon beim Anmarsch von den Park- und Campingplätzen rund um das Dorf lässt sich diese Community erleben. Überall stehen Grüppchen von Besuchern zusammen, die sich oft schon seit Jahren kennen, weil man sich jedes Jahr in Neuensee trifft. Auch völlig unbekannte kommen schnell ins Gespräch. Eine Freundesgruppe aus Eisenach erzählt zum Beispiel einem österreichischen Paar, wie sie als Jugendliche zu DDR-Zeiten heimlich illegale Konzerte auf die Beine stellen mussten, wenn sie harte Musik hören wollten: «Langhaarige waren im Sozialismus nicht gern gesehen», lacht einer.

Andere verbringen das dreitägige Festival fast pausenlos vor der Bühne, um ja keine Minute zu verpassen. So wie ein Mann, dessen hagerer, nackter Oberkörper samt wirbelndem Haar an den jungen Iggy Pop erinnert. Und dann sind da auch noch ganz junge Fans, die zum Beispiel wegen der norwegisch-australischen Band Blood Command angereist sind, deren Sängerin trotz Sommerhitze eine energiegeladene Stunde lang über die Bühne wetzt und sich auch immer wieder auf Händen durch das Publikum tragen lässt. Das glänzt durch eine eigenwillige Mischung aus frenetischer Hingabe und absoluter Friedfertigkeit, was auch zwei Polizisten bestätigen, die plaudernd auf Streife unterwegs sind: «Völlig entspannt» sei das «Rock im Wald».

Klares Musikalisches Profil – Harter Rock in vielen Facetten

Der nachhaltige Erfolg liegt auch daran, dass den Veranstaltern ein Spagat gelingt, an dem viele andere Festivals scheitern. So hat das «Rock im Wald» ein klares musikalisches Profil: Es gibt harten Rock, den Kenner in Subgenres wie Heavy Rock, Desert- und Psychedelic-Rock oder Doom einordnen würden. Dazu kommt ein ehrenamtliches Organisationsteam, das es schafft, Besucher und Musiker wie echte Gastgeber zu empfangen und zu betreuen. Die Atmosphäre ist friedlich, familiär und herzlich.

Bodenständig und gleichzeitig international

Das «Rock im Wald» präsentiert sich – bei aller Internationalität auf Bühne und Campingplatz – als fest regional verwurzelt. Der örtliche Metzger verkauft Spanferkel und fränkische Bratwürste. Bier kommt von einer lokalen Brauerei, und nicht – wie beim riesigen Wacken Open Air – von einem anonymen Getränkekonzern. Dieses Bodenständige sei die Seele des Festivals, sagt Veranstalter Sünkel. Daran wolle man unbedingt festhalten, auch aus Respekt gegenüber den Menschen in Neuensee.

Das Groß der 350 Helfer stamme ja aus der Gemeinde: «Das sind 800 Leute, die hier in Neuensee wohnen. Dann kommt quasi das Dreifache an Besuchern. Mit einem komplett anderen Mindset, mit komplett anderem Style. Die Leute genießen es», so Sünkel. Zur Akzeptanz trage auch bei, dass das Publikum sehr diszipliniert sei: Wenn die Fans am Sonntag das Festivalgelände und die Campingplätze verlassen, sehen die Felder rund um Neuensee jedes Jahr aus, als wäre nie etwas gewesen. Traditionell hinterlässt das Publikum den Platz so, wie es ihn vorgefunden hatte.