
AUDIO: Wie der Film «Odyssee» Kulturdebatten auslöst (6 Min)
Kolumne: Das Altpapier am 3. August 2026
Stand: 03.08.2026 14:14 Uhr
Es ist zum Schafemelken: Durch die medial breit geführte Debatte um Christopher Nolans Hollywood-Version der «Odyssee» wird der Film immer mehr zum Politikum. Heute kommentiert Jenni Zylka die Medienberichterstattung.
Das Altpapier
«Das Altpapier» ist eine tagesaktuelle Kolumne. Die Autorinnen und Autoren kommentieren und bewerten aus ihrer Sicht die aktuellen medienjournalistischen Themen.
Schafskäse vom Zyklopen
Da wir anscheinend in einer Welt voller echter und selbsternannter Homer-Exegetinnen und Exergeten leben, will ich mich nicht länger zurückhalten. Zwar beschränkt sich mein Griechisch auf das wichtige Wort «Ouzo», von Alt-Griechisch ganz zu schweigen, und ich habe die Odyssee weder ganz gelesen, noch demzufolge deren verschiedene Übersetzungen verglichen. Aber ich möchte eine Frage stellen, die in den ausufernden Debatten um Christopher Nolans Kino-Adaption des im 7. und 8. Jahrhundert entstandenen Epos anscheinend bislang vergessen wurde: Wie melkt der riesenhafte Zyklop Polyphem eigentlich seine kleinen Schafe, um aus deren Milch jenen Käse zu machen, der in seiner Höhle zum Reifen an der Wand hängt?!
Obwohl sich meine milchbäuerliche Expertise ungefähr auf dem gleichen Level wie mein aktives Griechisch bewegt, würde ich bauernschlau behaupten, dass Schafeuter (genau wie Ziegeneuter) sogar um einiges kleiner sind als Kuheuter, was es für Polyphem bestimmt nicht leichter macht. Homer selbst schweigt sich dazu aus, jedenfalls laut der Übersetzung des im 18. Jahrhundert geborenen Dichters und Hochschullehrers Johann Heinrich Voss. Darin heißt es nämlich mehrfach lapidar:
«Und nun saß er, und melkte die Schaf‘ und meckernden Ziegen
Nach der Ordnung, und legte den Müttern die Säugling‘ ans Euter.»
Der Rest bleibt der Fantasie überlassen. Womit wir beim Stichwort wären: Das Phänomen um den auf sämtlichen Kanälen schon jetzt am meisten diskutierten Kinofilm des Jahres hat sehr viel mit Fantasie, mit deren Aberkennung und eine ganze Menge mit Politik zu tun. Die Altphilologin Emily Wilson etwa, deren vor zehn Jahren entstandene Übersetzung der Odyssee Christopher Nolan pikanterweise als Vorlage für seinen Film diente, nimmt dem Regisseur in einem 25 000 Zeichen starken Text im London Review of Books eigentlich komplett alles übel:
«Wieder einmal beobachten wir das verzweifelte Bestreben einer männlichen Figur, ein weibliches Liebesobjekt zurückzugewinnen und/oder zu rächen. (…) Die Odyssee präsentiert seine (Nolans) übliche Mischung aus Grandiosität und Oberflächlichkeit.»
(Im Original: «Yet again, we watch a male character’s desperate quest to recover and/or avenge a female love object. (…) The Odyssey features his usual combination of grandiosity and superficiality.»)
«Flache Figuren vom Reißbrett»
Weiter schreibt Wilson, dass sie den zu opulenten und ruhelosen Film ohne Wachs in den Ohren (Odysseus‘ Mannschaft schafft es bekanntlich nur gehörgedimmt an den Sirenen vorbei) habe aushalten müssen, und dabei keinerlei Emotionen empfunden habe. Sie vergleicht Filmszenen optisch mit «Herr der Ringe» und bemängelt den Einsatz eines diversen Casts sowie die Flachheit weiblicher Charaktere:
«Die meisten der nicht-weißen Schauspielenden – Zendaya, Lupita Nyong’o, Himesh Patel, Corey Antonio Hawkins, Travis Scott – verkörpern Varianten des ‚Schwarzen besten Freundes‘, dessen einzige Funktion im Drama darin besteht, dem weißen Protagonisten beizustehen. Scott, der als Barde Phemius einige Worte ruft und mit einem Stab auf den Boden schlägt, darf weder singen noch eine Geschichte erzählen oder die Leier spielen (…). Nyong’os Doppelrolle als Helena und Klytaimnestra ist dramaturgisch äußerst schwach ausgearbeitet; ihr bleiben nur wenige Minuten Leinwandzeit, um in kurzen Tableaus verschiedene weibliche Opferfiguren darzustellen…»
(Im Original: «Most of the non-white actors – Zendaya, Lupita Nyong’o, Himesh Patel, Corey Antonio Hawkins, Travis Scott – play versions of the Black best friend, whose only role in the drama is to provide aid to the white protagonist. Scott, as the Ithacan bard, Phemius, yells a few words and pounds a stick, but does not get to sing, tell a story or play the lyre (…). Nyong’o’s double part as Helen and Clytemnestra is hugely underwritten; she is given only a few minutes of screen time to perform a set of brief tableaux of female victims…»)
Es gibt noch einige bittere Beschwerden darüber, was Nolan alles unterschlagen habe, unter anderem missfällt der Wissenschaftlerin die Zyklopen-Szene komplett (wenn auch nicht aufgrund der fehlenden Erklärung für die florierende Molkerei im Kannibalenheim). An der Sprache im Drehbuch wird ebenfalls kein gutes Haar gelassen:
«Doch das Schreiben von Dialogen gehört nicht zu Nolans Talenten. Die Sprache ist gnadenlos erklärend, humorlos und flach. Versuche, kraftvolle Formulierungen zu etablieren – etwa ‚Mein Papa kommt nach Hause‘ oder ‚Lasst uns von diesem verdammten Strand verschwinden‘ – stehen befremdlich neben hochtrabenden Reflexionen. (…) Ich würde mich schämen, auch nur einen Teil dieses Drehbuchs geschrieben zu haben.»
(Im Original: «But writing dialogue is not one of Nolan’s talents. The language is relentlessly expository, humourless and flat. Attempts at vigorous speech – «My dad’s coming home‘ or ‘Let’s get off this fucking beach‘ – sit uncomfortably next to grandiose meditations (…) I would be ashamed to have written any part of this script.»)
Woke-Vorwürfe von der Neuen Rechten
Alle Wetter, muss man da wohl mit den Göttern und Göttinnen sagen. (Wer weiß, ob auch der eingangs erwähnte Herr Voss nicht vielleicht längst im Grab rotiert.)
Die Vorwürfe lassen sich allerdings leicht entkräften: Odysseus‘ ist schließlich eben nicht unterwegs, um ein weibliches Liebesobjekt zurückzugewinnen. Eine lange und starke Szene mit der faszinierenden Zauberin Circe, die im Gegensatz zur Vorlage nicht partnerschaftlich an Odysseus interessiert ist, sondern sein und das Verhalten der anderen Krieger beim Morden, Vergewaltigen und Brandschatzen mit berechtigter feministischer Wut als «schweinisch» bezeichnet und ihre Hexenkünste dementsprechend einsetzt, spielt in Wilsons Kritik kaum eine Rolle. Dass der vom Rapper Travis Scott gespielte «Barde Phemius» nicht singt, sondern die Geschichten über Odysseus quasi in einer eigenwilligen Prä-Rap-Version kundtut, wird von Filmfans (wie mir) als besonders einfallsreich gutgeheißen: Schließlich ist nicht bekannt, wie melodiös so genannte Barden tatsächlich sangen, und ob rhythmisches Sprechen nicht viel besser passt und zudem die Tradition der «oral history» zitiert. Und dass Nolans Besetzung mit nicht-weißen Schauspielenden und einem Transmann bei neurechten White Supremacy-Anhängern wie Elon Musk dagegen als zu «woke» geschmäht wurde, fällt bei Wilsons Text einfach unter den Tisch. Obwohl der Guardian eben das in einem Artikel mit der Überschrift «Wieso rechte Hasskampagnen die Box Office-Zahlen nicht beeinflussen» zunächst mit einem X-Post der Variety verlinkt, der Musks Aussage «Christopher Nolan pinkelt auf Homers Grab» zitiert; ferner aufdröselt und analysiert und mit den folgenden Worten kommentierte:
«Nichts davon wird die nächste Welle halbgarer, auf Wahnvorstellungen beruhender rechter Empörung verhindern. Eigentlich sollten wir inzwischen gelernt haben, sie zu ignorieren; doch angesichts des Ursprungs solcher Ansichten in Randgruppen sind Leute wie Musk bestens positioniert, um sie in unsere Feeds zu spülen – ganz gleich, wie wenige Menschen dahinterstehen. Unterdessen werden selbsternannte Klartext-Schwätzer wie der YouTuber ‚The Critical Drinker‘ wieder so tun, als würden sie lediglich Filme rezensieren und Kultur analysieren, anstatt künstlich Empörung darüber zu schüren, dass eine oscarprämierter Schwarze Schauspielerin eine Figur verkörpert, die als schön gilt.»
(Im Original: «None of this will prevent the next batch of half-manufactured, half-deluded rightwing outrage. We should be better at ignoring it by now, but given its marginal origins, people like Musk are well-positioned to amplify it into our feeds no matter how few people it represents. Meanwhile, self-styled tell-it-like-it-is doofuses like YouTuber the Critical Drinker will go back to pretending they just review movies and analyze culture, rather than trying to froth up outrage over an Oscar-winning Black actor playing a character who is beautiful.»)
Kriegs-Traumata
Wie der Spiegel berichtet, hat sich nun auch noch die Schriftstellerin Joyce Carol Oates (unter anderem schrieb sie 2000 den großartigen Roman «Blond») auf X in die Debatte eingemischt, und kritisiert wiederum Emily Wilson:
«Anstatt Interpretationen von Homer auf kollegiale Weise zu kritisieren, bedient sich diese Person, die selbst enorm von Nolans Film profitiert hat, der plumpen Rhetorik von MAGA-Anhänger:innen, die jemanden angreifen, dessen Ansichten von ihren eigenen abweichen. In der Übersetzer-Welt ist dies umso überraschender, als jede Übersetzung zwangsläufig subjektiv ist und nicht mit dem Originaltext gleichgesetzt werden kann. Gerade von einer Übersetzerin, die einem Text verpflichtet ist und in dessen Dienst steht, würde man eigentlich etwas mehr Bedacht und Respekt gegenüber Menschen erwarten, die ebenso in gutem Glauben handeln, wie sie es (nach Eigenaussage) tut.»
(Im Original: «Rather than disagreeing with interpretations of Homer in a collegial manner, this person, who has benefited enormously from Nolan’s film, speaks in the crude language of MAGA folks attacking someone with ideas that differ from hers. within the world of translators this seems all the more surprising since all translations are, presumably, subjective & not equivalent to the original text. one would expect a translator, of all people, beholden to a text, in service to a text, to be just a wee bit more thoughtful & respectful of others who are acting in good faith just as (she would claim) she is.»)
Mit dem anhaltenden Erfolg des Films wird es bestimmt nicht mehr lange dauern, bis jemand auch die Sache mit dem Riesen und den Schäfchen erklärt. Bis dahin freue ich mich darüber, dass die Debatten, und natürlich erst recht die mit besonders viel Furor geführten, immer mehr Menschen in einen Film locken, der die schweren Traumata spiegelt, die Odysseus und Konsorten durch den gnadenlosen, zehnjährigen Troja-Krieg erfahren haben – und insofern als halb mystisches, halb historisches Beispiel dafür, was Krieg mit Menschen macht, ziemlich grandios ist. Dieser psychologisch wichtige, für mich wichtigste Punkt spielt allerdings in der genannten Debatte bislang kaum eine Rolle. Ist doch erstaunlich. Hoffentlich zürnt Zeus nicht.
Das Altpapier – dein tägliches Medienupdate kommt am Dienstag von Antonia Groß.
Der Podcast: Das Altpapier – Dein tägliches Medienupdate

Das Altpapier – Dein tägliches Medienupdate | 03.08.2026
Über kaum einen Film wird derzeit so diskutiert wie über Christopher Nolans «Odyssee». Warum dreht sich die Debatte immer stärker um Identitätspolitik und Kulturkampf statt um die eigentlichen Themen des Films?