Illustration einer Gruppe von Bakteriophagen, die ein Bakterium befallen

AUDIO: Kostbares Vitamin wechselt nur mit Gewalt den Besitzer (1 Min)

Vitamin B12

Stand: 08.08.2026 16:55 Uhr

Über vier Fünftel der Darmbakterien brauchen Vitamin B12, aber nur ein Viertel kann es selbst herstellen. Alle anderen müssen es sich aus der Umgebung besorgen. Merkwürdig nur: Bakterien besitzen zwar Aufnahmewege für das Vitamin, aber keinen bekannten Ausgang. Ein US-Forschungsteam zeigt nun, wer die Vorräte freisetzt – auf ganz unsanfte Art und Weise.

von MDR Wissen / RR

Vitamin B12 ist das teuerste Molekül der Mikrowelt. Wer es selbst herstellen will, braucht dafür bis zu 30 Gene – ein enormer Aufwand. Entsprechend wenige leisten sich die Produktion: Von den Bakterien im menschlichen Darm können nur etwa ein Viertel das Vitamin selbst herstellen, während über vier Fünftel darauf angewiesen sind. Auch Menschen, Tiere und Pflanzen bilden es nicht.

Wer es nicht selbst produziert, muss es sich aus der Umgebung holen. Und genau hier klaffte eine Lücke, die Mikrobiologen lange beschäftigt hat: Man kennt zahlreiche Wege, auf denen Bakterien B12 in ihre Zellen hineinschaffen – aber keinen einzigen, auf dem sie es wieder herausgeben. Niemand verschenkt sein wertvollstes Gut. Trotzdem ist der Stoff nachweislich draußen verfügbar. Ein Team der Virginia Tech hat nun erklärt, warum: Es ist keinerlei Freiwiligkeit im Spiel. Es geht um Plünderung, vielleicht auch Raub.

Erst die Sprengung, dann das Wachstum

Die Räuber sind Bakteriophagen – Viren, die ausschließlich Bakterien befallen. Sie heften sich an eine Zelle, schleusen ihr Erbgut ein und programmieren den Wirt um, bis er neue Viren baut. Am Ende platzt die Zelle. Heraus schwappt alles, was sie vorher zusammengetragen hat: «Erbgut, Proteine, Zucker – all die Dinge, die eine Bakterienzelle normalerweise hortet, um weiterwachsen zu können», sagt Studienleiter Bryan Hsu. Und eben auch Vitamin B12.

Um das zu prüfen, setzten die Forscher einen B12-Produzenten und ein darauf angewiesenes Bakterium in zwei Kammern, getrennt durch eine Membran, die Nährstoffe durchlässt, aber keine ganzen Zellen. Ohne Virus wuchs der Bedürftige nicht: Das Vitamin sickert also nicht von selbst heraus. Kam der Phage dazu und sprengte den Produzenten, blühte der Nachbar auf. Zwei Gegenproben machten den Befund wasserdicht – ein Produzent, dem die Fähigkeit zur B12-Herstellung gentechnisch entfernt worden war, half nach der Sprengung niemandem. Und ein Nachbar, der B12 nicht verwerten kann, wuchs ebenfalls nicht.

Mikroskopische Ansicht eines Bakteriophagen

Resistenzen

Eine Forschungsgruppe der Universität Tübingen hat ein Laborwerkzeug entwickelt, dass die Suche nach passenden Bekämpfern von multiresistenten Krankheitserregern verkürzt.

Anschließend wiederholte das Team den Versuch mit einer Mischung echter Darmbakterien. Dort zeigte sich der überraschendste Befund: Wenn ein Phage zuschlug, stieg die Artenvielfalt auf fast das Vierfache – und zwar stärker, als wenn die Forscher das Vitamin einfach ins Nährmedium gaben. Das Töten der Bakterien selbst erzeugt Vielfalt, die sich durch bloßes Füttern nicht erreichen lässt. Und es hilft ausgerechnet Arten, die der Phage gar nicht befallen kann.

Was das mit uns zu tun hat – und was nicht

Mit der Vitaminversorgung des Menschen hat all das nur indirekt zu tun. Wir nehmen B12 im letzten Abschnitt des Dünndarms auf, unsere B12-bildenden Darmbakterien sitzen aber weiter hinten im Dickdarm – ihre Produktion landet größtenteils in der Toilette. Unser B12-Bedarf wird über die Nahrung gedeckt, über Fleisch, Fisch, Milch und Eier. Auch das ist übrigens Bakterienarbeit, nur eine Station früher: Im Pansen von Rindern und Schafen stellen Mikroben das Vitamin her, das Tier nimmt es auf und speichert es.

Direkt betroffen ist aber die Zusammensetzung unseres Mikrobioms. Aufschlussreich dahingehend ist ein Nebenbefund der Studie: Gab man ein Antibiotikum hinzu, verpuffte der Effekt und die Vielfalt sank. Und dasselbe Prinzip läuft weit über den Darm hinaus: In den Ozeanen sprengen Phagen täglich schätzungsweise 20 bis 40 Prozent aller Bakterien nahe der Oberfläche. Der Tod von Bakterien ist dort ein gewaltiges Verteilsystem. Ob es im menschlichen Darm ähnlich stark wirkt, muss allerdings erst noch erforscht werden – bislang stammen alle Befunde aus dem Reagenzglas.