Der «Bauernhofeffekt»

Aktualisiert am 08.08.2026, 16:47 Uhr

Kleines Kind streichelt eine Kuh

Sparringspartner aus der Stallluft trainieren das Immunsystem der Kinder. (Symbolbild)
© Getty Images/Fly View Productions

Kinder, die auf Bauernhöfen gross werden, leiden deutlich seltener an Asthma und Allergien. Warum das so ist, blieb lange ein Rätsel. Nun hat ein internationales Forschungsteam erstmals die entscheidenden Bakterien identifiziert.

Dass Bauernhofkinder seltener unter Asthma, Heuschnupfen und Neurodermitis leiden als Gleichaltrige in der Stadt, beobachten Fachleute seit Jahrzehnten. Hinter diesem sogenannten «Bauernhofeffekt» steckt die Vermutung, dass der intensive Kontakt mit Mikroorganismen im Stall das kindliche Immunsystem trainiert und vor allergischen Überreaktionen bewahrt. Doch welche Keime genau dafür verantwortlich sind und wie sie im Körper wirken, war bislang ungeklärt.

Ein internationales Forschungsteam unter Leitung von Prof. Dr. Markus Ege vom Dr. von Haunerschen Kinderspital des LMU Klinikums und dem Institut für Asthma- und Allergieprävention am Helmholtz München liefert nun Antworten. Die Ergebnisse erschienen im Fachjournal «NEJM Evidence».

Studie stützt Hygienehypothese

Den Hintergrund des Forschungsprojekts bildet die sogenannte Hygienehypothese: Kommt das Abwehrsystem in der frühen Kindheit zu selten mit Umweltkeimen in Berührung, steigt das Risiko, dass es später auf harmlose Stoffe wie Pollen oder Tierhaare mit Entzündungen reagiert. Eindeutig belegt war dieser Zusammenhang allerdings nie, weil er vor allem auf Beobachtungsstudien beruhte.

«Aber mit unserer neuen Studie können wir das nun sehr plausibel tun, weil wir die einzelnen Glieder der vermuteten Kausalkette benennen können: Bakterien, die beteiligten Stoffwechselprodukte der Mikroben und menschliche Rezeptoren», ordnet Studienleiter Ege die Bedeutung der Arbeit ein, wie aus einer Mitteilung des LMU Klinikums hervorgeht.

Von der Kuh bis in die Lunge – die komplette Wirkungskette

Die zentrale Erkenntnis der Studie: Bestimmte Bakterien, die im Verdauungstrakt von Kühen leben, setzen dort Stoffwechselprodukte frei. Über die Stallluft gelangen diese Substanzen in die Atemwege von Menschen. Dort treffen sie auf zwei spezielle Rezeptoren auf den Zellen der Lunge, die als AhR und PPARγ bezeichnet werden.

«Diese Rezeptoren haben vielfältige Funktionen, unter anderem im Immunsystem. Sie verhindern vermutlich eine überschiessende Entzündungsreaktion», erläutert Ege. Damit liegt erstmals die gesamte biologische Kette offen: von der Kuh über die Stallluft, die Bakterien samt ihrer Stoffwechselprodukte hin zu den menschlichen Rezeptoren ergibt einen Schutz vor Asthma.

Spezielle Bakterien als überraschende Schlüsselspieler

Besonders bemerkenswert: Die entscheidenden Mikroben gehören zu einer Gruppe, die in der Allergieforschung bislang kaum Beachtung fand. Jahrelang hatten sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf sogenannte gramnegative Bakterien konzentriert, deren Endotoxine – also bestimmte Zellwandbestandteile – leicht messbar waren und Immunreaktionen auslösen. Die neu identifizierten Bakterien hingegen sind grampositiv und besitzen diese Endotoxine nicht.

Die Erstautorin der Studie, Giulia Pagani, Bioinformatikerin am Helmholtz München, konnte die verantwortlichen Mikroben sogar bis auf die Artebene bestimmen – darunter Romboutsia timonensis und Glutamicibacter arilaitensis. «Diese sogenannten gram-positiven Bakterien vermitteln zusammen zwei Drittel des gesamten ‚Bauernhofeffekts‘ auf Asthma und zur Hälfte auf Heuschnupfen und Neurodermitis», beschreibt Pagani die Tragweite der Ergebnisse. Pilze und sogenannte Bakteriophagen – also Viren, die Bakterien befallen – kamen zwar gemeinsam mit den schützenden Keimen vor, trugen laut der Studie aber nicht selbst zum Schutzeffekt bei.

Über 1.000 Kinder untersucht – Ergebnisse international bestätigt

Für ihre Analysen griffen die Forschenden auf Daten von mehr als 1.000 Kindern aus grossen europäischen Studien in ländlichen Regionen zurück. Von allen Mädchen und Jungen lagen sowohl Nasenabstriche als auch Staubproben aus den Matratzen vor. Bei 47 Kindern, die auf Bauernhöfen lebten, entnahm das Team zusätzlich Proben aus den Kuhställen – von Fussböden, Fenstersimsen und Matratzen.

Mithilfe moderner Gensequenzierung, bioinformatischer Stoffwechselanalysen und eines eigens entwickelten Ausschlussverfahrens filterten die Forschenden heraus, welche Mikroben tatsächlich mit einem geringeren Allergierisiko zusammenhingen und ob sie spezifisch in der Bauernhofumgebung vorkamen. Zur Absicherung überprüften sie ihre Resultate anhand unabhängiger Datensätze aus Frankreich und Finnland – mit übereinstimmenden Ergebnissen.

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Erste Lebensjahre prägen das Immunsystem – und ein Medikament rückt in den Blick

Die Studie unterstreicht auch die Bedeutung der frühen Kindheit für die Entwicklung des Immunsystems. In den ersten Lebensjahren wird das Abwehrsystem massgeblich geprägt – der Kontakt mit einer Vielfalt von Mikroorganismen hilft ihm dabei, gefährliche Erreger von harmlosen Allergenen zu unterscheiden. Fachleute empfehlen Eltern daher, sich mit ihren Kleinkindern möglichst häufig in der Natur aufzuhalten.

Empfehlungen der Redaktion

Doch nicht jede Familie lebt auf einem Bauernhof. Genau deshalb eröffnen die neuen Erkenntnisse eine vielversprechende Perspektive: Das langfristige Ziel der Forschenden besteht nun darin, auf Grundlage der identifizierten Bakterien und ihrer Stoffwechselprodukte ein Medikament zu entwickeln, das den «Bauernhofeffekt» nachahmt – damit auch Stadtkinder von dem Schutz profitieren können, ohne je einen Kuhstall betreten zu haben. (red)

Verwendete Quellen