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„Ich werde dieses Jahr 40 Jahre alt. Muss man das feiern? Ich finde schon, wobei meine Art, einen runden Geburtstag zu feiern, vielleicht ein bisschen anders aussieht als bei anderen. Ich möchte mir selbst etwas schenken, das wirklich zu mir passt, und ich glaube, es gibt für mich kein besseres Geschenk als Zeit. Zeit mit mir selbst, ohne E-Mails, ohne Handy und ohne Verpflichtungen, dafür mit ganz viel Fahrradfahren.
Diashow: 1.485 km zum 40. Geburtstag: Hungarian Divide-Rennbericht von Nathalie Schneitter
Als mir mein Kumpel Chris erzählt, dass er im Juni in die Heimat seiner Frau nach Ungarn reisen und dort das Ultracycling-Rennen «Hungarian Divide» fahren möchte, ist meine Neugier schnell geweckt. Als ich dann auch noch erfahre, dass der Start ausgerechnet an meinem 40. Geburtstag stattfindet, muss ich nicht mehr lange überlegen. 1.485 Kilometer, 23.000 Höhenmeter und einmal quer durch Ungarn – in meinen Ohren klingt das nach einem perfekten Geburtstagsgeschenk.
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Riders Briefing – die Vorfreude steigt
Gemeinsam mit Chris und Philipp reise ich im Nachtzug von Zürich nach Graz. Wir haben ein Schlafabteil zu dritt gebucht, was sich für den Beginn eines Ultracycling-Abenteuers schon fast luxuriös anfühlt. Nach einem ausgiebigen Frühstück in Graz geht es mit dem Regionalzug weiter nach Szentgotthárd, wo wir einen Tag vor dem Rennen ankommen, im Hotel einchecken und die Beine auf einer kleinen 30-Kilometer-Runde lockern.
Am Freitag lassen wir den Tag gemütlich angehen, erledigen die Registrierung, essen nochmals eine große Portion Pasta und verbringen die letzten Stunden vor dem Start im Schatten unter den Bäumen beim Start. Es ist die erste richtige Hitzewelle des Sommers, Temperaturen von knapp 40 Grad sind angekündigt, und schon vor dem Start ist klar, dass das Hitzemanagement eine zentrale Rolle spielen wird.
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Nur noch wenige Sekunden bis zum Start
Die Vorbereitung: Alles andere als optimal
Kurz vor dem Rennen wird die Strecke nochmals angepasst, weil aufgrund eines Asbestskandals einige belastete Kiesstraßen in ungarischen Wäldern nicht befahren werden dürfen. Dadurch werden die ersten 200 Kilometer mit nur rund 2.000 Höhenmetern ausgesprochen schnell. Eigentlich nehme ich mir vor, mich auf keinen Fall zu Beginn zu verheizen, denn meine Vorbereitung war alles andere als klassisch. Bis Ende April stand ich noch auf Tourenski, und beim Start habe ich gerade einmal rund 2.000 Rad-Kilometer in den Beinen. Zwar habe ich den ganzen Winter solide trainiert, aber erst knapp zwei Monate zuvor von den Ski aufs Fahrrad gewechselt.
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Kilometer 80 – Die Top 4 warten an der Bahnschranke
Umso überraschter bin ich, dass ich von Beginn weg weit vorne mitfahre. Nach rund 80 Kilometern sorgt eine geschlossene Bahnschranke dafür, dass sich die Spitze nochmals sammelt, und plötzlich stehe ich gemeinsam mit den Führenden vor den Gleisen. Damit habe ich nun wirklich nicht gerechnet.
Auch meine Mama wird es mir danken, denn sie ist zu Hause vor dem Bildschirm am dot-watchen und schläft nur schlecht, wenn ich die Nacht durchfahre.
Ursprünglich wollte ich in der ersten Nacht nur etwa 140 Kilometer fahren, doch die schnelle Strecke macht es einfach, weiterzurollen. Bei Kilometer 209 liegt der erste Checkpoint, und weil ich weiß, dass es dort eine Dusche und eine Turnhalle zum Schlafen gibt, ändere ich meinen Plan. Ich dusche, wasche meine Klamotten, trinke einen Regenerationsshake und lege mich für zwei Stunden hin. Die ersten drei Fahrer ziehen ohne Schlaf weiter und versuchen bereits in der ersten Nacht, möglichst viel Distanz zwischen sich und den Rest des Feldes zu bringen.
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Ich starte für mich überraschend schnell und bin nach 4h noch immer ganz vorne mit dabei
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Die ersten 209 km in 9 Stunden sind geschafft – aber ich bin auch sichtlich erschöpft
Das Hirn braucht den Schlaf
Für mich ist klar, dass diese Strategie nicht funktioniert. Bei anderen Rennen wie Badlands, der Hope 1000 oder Bright Midnight habe ich gelernt, dass mein Hirn ohne Schlaf ziemlich schnell den Dienst quittiert. Bei einem Rennen über fast 1.500 Kilometer bin ich überzeugt, dass es sich auszahlen wird, früh mit dem Schlafen zu beginnen und nicht erst dann, wenn gar nichts mehr geht.
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Auf einer Mission am Checkpoint 1
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Duschen und Klamotten waschen muss sein. Aber auch ein Regenerations-Shake darf vor dem Schlafen nicht fehlen, sodass ich mich in den 2h Schlaf bestmöglich erholen kann.
Nach zwei Stunden stehe ich auf und treffe am Checkpoint auch Chris, der eine halbe Stunde nach mir angekommen ist. Wir geben uns einen High Five, wünschen uns viel Spaß und fahren kurz nacheinander los. Ich starte bewusst in einem Tempo, bei dem ich das Gefühl habe, dass ich es 18 Stunden lang durchhalten könnte. Beim Ultra Cycling sind Pacing und Strategie fast so wichtig wie gute Beine.
Wer glaubt, Ungarn sei einfach nur flach, puuh, der wird sein blaues Wunder erleben.
Schon gegen zehn Uhr morgens wird es wahnsinnig heiß. Beim ersten Supermarkt kaufe ich Cola und eine Banane, mittags gibt es ein Sandwich und nochmals eine Cola. Am Nachmittag erreiche ich den Balaton, gönne mir ein Eis und genieße die prachtvolle Aussicht auf den glitzernden See. Schließlich machen hier alle anderen Urlaub, also darf ich das auch.
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Einmal pro Tag sitzen zum Essen – den Luxus gönne ich mir
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Während ich auf die Pizza warte, werden die Klamotten gewaschen
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Schweiß auswaschen, sodass die Salzkristalle nicht die Haut aufschürfen
Am Abend lande ich bei McDonald’s, esse ein Cheeseburger-Menü und nutze die Gelegenheit, um meine Kleider zu waschen. Danach fahre ich nochmals etwa drei Stunden weiter und meistere in der Dunkelheit eine längere Singletrail-Abfahrt, bevor ich gegen 22 Uhr beschließe, mir irgendwo im ungarischen Wald einen Schlafplatz zu suchen. Das ist zwar früh, aber ich habe echt keine Lust mehr, weiterzufahren. Ich weiß: Auch meine Mama wird es mir danken, denn sie ist zu Hause vor dem Bildschirm am dot-watchen und schläft nur schlecht, wenn ich die Nacht durchfahre.
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Und auch das Bike muss gewartet werden …
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… während es als Kleiderständer dient.
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2x pro Tag wird Kette geschmiert
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Und dann endlich PIZZA!
Der schwierigste Teil des Rennens
Ein Hotel ist weit und breit nicht in Sicht, also breite ich meinen Zeltboden aus, lege die Matte darauf und schlüpfe in den Schlafsack. Zuvor versuche ich, mich mit einer Flasche Wasser und Wilderness Wipes so gut wie möglich zu waschen. Für die Nacht habe ich lange Merino-Unterwäsche dabei, denn so fühlt es sich zumindest ein bisschen weniger eklig an, wenn die dreckigen Beine im Schlafsack nicht direkt aufeinanderkleben.
Der schwierigste Teil solcher Rennen ist für mich übrigens nicht, 18 Stunden am Stück Fahrrad zu fahren. Viel schlimmer finde ich es, schmutzig und ungewaschen in meinen Schlafsack zu steigen. In dieser Hinsicht entwickelt sich der Hungarian Divide für mich zu einer ziemlich wirksamen Konfrontationstherapie.
Tatsächlich schlafe ich sieben Stunden, was für ein Rennen natürlich völlig übertrieben ist. Fünf hätten vermutlich auch gereicht, aber als ich kurz vor fünf Uhr morgens aufstehe, bin ich erstaunlich frisch im Kopf und bereit für einen weiteren langen Tag.
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Checkpoint 2 Budapest
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Der neutrale Mechanikerposten steht bei Checkpoint 2 bereit, doch ich brauche ihn zum Glück nicht
Toi toi toi
Etwa drei Stunden später brauche ich eine Toilette. An einem touristischen See stehen mehrere Toi-Tois am Streckenrand, doch bei den ersten kann ich mich noch nicht überwinden, hineinzugehen. Irgendwann bleibt mir keine Wahl mehr, und zu meiner großen Überraschung öffne ich die Tür zu einem frisch geputzten, gut riechenden Toi-Toi mit Toilettenpapier. Bei einem Ultracycling-Rennen können solche Dinge tatsächlich zu echten Glücksmomenten werden.
Am frühen Nachmittag halte ich bei einer Pizzeria. Während meine Pizza zubereitet wird, wasche ich meine Klamotten, trockne den Schlafsack, öle die Kette und versuche, mich auf der Toilette selbst ein bisschen zu waschen. Sobald die Pizza fertig ist, bin auch ich wieder halbwegs bereit für den nächsten Abschnitt. Bis nach Budapest schaffe ich aber leider an diesem Tag nicht mehr und daher auch nicht zum ersehnten Hotelzimmer mit Dusche. Eine gute Schlafroutine ist mir wichtiger als das weiche Bett, 4.5 – 5h Schlaf will ich mir pro Nacht gönnen, jeweils zwischen 23 Uhr und 5 Uhr.
Ich denke mir nur: Hey Junge, konzentrier dich doch besser auf dich selbst. Wenn du Hunger auf einen zweiten Burger hast, dann zieh ihn dir rein.
Rund um Budapest zeigt die Strecke dann ein völlig anderes Gesicht. Auf mich warten Singletrails der Spitzenklasse, und ich frage mich ernsthaft, wie die Teilnehmer auf ihren Gravelbikes diese Passagen überleben. Ich bin jedenfalls sehr froh um mein Hardtail mit 120 Millimetern Federweg, absenkbarer Sattelstütze, flachem Lenker und potenten Bremsen. Für mich steht spätestens hier fest: Die Hungarian Divide ist definitiv kein Gravel-Rennen.
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Ich liebe den Aerobar – bei über 1000 km sind Pausen für die Hände wahnsinnig wichtig
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Jeden zweiten Tag fahre ich langarm – bei großer Hitze das beste überhaupt!
Auf zur Donau
Am dritten Tag erreiche ich gegen zehn Uhr morgens den zweiten Checkpoint in Budapest. Ich fülle meine Trinkblase, esse ein Sandwich und kaufe nochmals ordentlich ein, bevor ich weiterfahre. Doch schon eine gute Stunde später erschlägt mich die Hitze beinahe. Ich muss mich an den Straßenrand setzen, trinke meine Cola und esse ein paar Gummibärchen, während ich mich frage, wie ich bei diesen Temperaturen noch den nächsten Berg hochkommen soll.
Irgendwie schaffe ich es hinauf, und als Belohnung folgt eine rund 20 Kilometer lange Abfahrt bis zur Donau. Ich erreiche das Fährterminal gerade einmal drei Minuten vor der Abfahrt und schaffe es tatsächlich noch auf die Fähre. Selbst die etwa fünfminütige Überfahrt bleibt nicht ungenutzt: Ich öle meine Kette und breite den Schlafsack zum Trocknen aus.
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Der spätere Sieger sichtlich überfordert beim Einkauf für die nächsten 100 Kilometer
Auf der anderen Seite der Donau bestelle ich mir am Kiosk einen Burger und eine Cola, wasche mich und meine Kleider auf der Toilette und gönne mir rund 20 Minuten Pause. Leider unterschätze ich den folgenden Streckenabschnitt völlig und kaufe viel zu wenig Essen ein. Nach 80 bis 100 Kilometern bin ich komplett leer und muss meine Notfallreserven aus Gels und Riegeln anzapfen, was mich ziemlich ärgert.
Umso größer ist meine Erleichterung, als ich kurz vor 21 Uhr eine noch geöffnete Bäckerei erreiche. Ich decke mich mit Wasser, Sandwiches und allem ein, was ich für die nächsten 15 Stunden brauchen könnte. Bei der Bäckerei finden mich zwei lokale Dotwatcher, die mich offenbar bereits im ganzen Dorf gesucht haben. Sie wollen sogar meinen gesamten Einkauf bezahlen und wir verständigen uns in einem Mix aus Deutsch und Englisch.
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Honig ist das Gel, das es in jedem Supermarkt gibt
Burger oder Fähre?
Kurz darauf taucht Peter aus der Slowakei auf, mein direkter Konkurrent um Rang zwei. Er erzählt mir, dass er meinen Tracker beobachtet und am Nachmittag auf einen zweiten Burger verzichtet hat, als er sah, dass ich die Donaufähre noch erwischen würde. Ich denke mir nur: Hey Junge, konzentrier dich doch besser auf dich selbst. Wenn du Hunger auf einen zweiten Burger hast, dann zieh ihn dir rein.
Ich fahre an diesem Abend noch etwa eine halbe Stunde länger als Peter, weil ich lieber draußen im Wald oder auf einem offenen Feld schlafe als mitten in einem Dorf, wo ich ständig Angst haben muss, dass jemand über mich stolpert. Nach fünf Stunden Schlaf stehe ich wieder auf und bin sogar vor Peter zurück auf der Strecke. Und ich bin froh, dass ich in der Bäckerei so gut eingekauft habe. Es gibt einen Schokodrink und zwei gefüllte Croissants zum Frühstück – mein Herz hüpft.
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Kurzer Stopp im Wald, um den Organisatoren mitzuteilen, wie sehr ich die Trails rund um Budapest feiere!
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Sonnencreme in der Cargo-Hose allzeit bereit
Je länger das Rennen dauert, desto deutlicher merke ich, wie wichtig es ist, ruhig zu bleiben und sich auf sich selbst zu konzentrieren. Mit zunehmender Müdigkeit passieren mehr Fehler, das klare Denken wird schwieriger, und plötzlich können kleine Fehlentscheidungen große Auswirkungen haben.
Genau das passiert mir nach dem dritten Checkpoint. Dort nehme ich mir bewusst 45 Minuten Zeit, ziehe die Schuhe aus, trockne meine Socken, lade die Elektronik und esse ein Pulled-Pork-Sandwich sowie einen Käse-Schinken-Toast. Zusätzlich bestelle ich mir ein Pulled-Pork-Sandwich zum Mitnehmen, denn mein Plan ist ambitioniert: nur kurz schlafen und danach die letzten 300 Kilometer in einem Zug durchziehen.
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Letzter Aufstieg vor der laaangem Abfahrt zur Donau
Der höchste Punkt ist erreicht
Als ich später den Kékes, den höchsten Berg Ungarns, erreiche, ist es bereits dunkel und nach den heißen Tagen plötzlich richtig kalt. Ich ziehe zuerst meine Weste an, fahre weiter, halte nochmals an und hole zusätzlich die Ärmlinge aus meinem Gepäck. Dabei vergesse ich in der Dunkelheit, den Verschluss meines Tailfin-Gepäckträgers wieder zu schliessen.
Erst am Ende der längsten Abfahrt des Rennens bemerke ich meinen Fehler. Mein Sandwich und sämtliche Essensreserven, die ich am Checkpoint gekauft habe, sind weg. Damit ist auch mein Plan, in der Nacht nochmals richtig nach vorne zu fahren, erledigt, denn ohne genügend Essen kann und will ich keine 300 Kilometer in Angriff nehmen. Wahrscheinlich hätte dieser Sandwich-Fehler am Endresultat nichts geändert, und vermutlich hätte ich den Führenden ohnehin nicht mehr eingeholt. Trotzdem hätte ich es gerne versucht.
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Ungarn ist definitiv landschaftlich wunderbar
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Auslegeordnung und Schlafsack trocknen
Ich schaue auf der Karte nach und entdecke 45 Kilometer weiter einen Lidl, der morgens um sieben Uhr öffnet. Damit ist meine Nachtplanung unfreiwillig entschieden: fünf Stunden schlafen und morgens pünktlich zur Ladenöffnung dort sein. Anstatt die Nacht durchzufahren, finde ich einen Schlafplatz an einem See mit fließend Wasser in der Nähe. Was sind solche Kleinigkeiten doch für einen Genuss.
Nachdem der größte Ärger verflogen ist, habe ich ein schlechtes Gewissen, dass nun der Plastiksack mit dem ganzen Essen im Wald rumliegt. Also schreibe ich Chris eine Nachricht, ob er nach diesem Ausschau halten kann. Er findet meine Essensvorräte am nächsten Tag und nimmt sie mit. Gegessen hat er das Sandwich aber nicht mehr – die Ameisen waren schon drin.
Gerade so durch die Sperrzone
Bei Kilometer 1.200 wartet noch ein weiterer strategischer Knackpunkt. Ein Streckenabschnitt durch einen Nationalpark darf zwischen 20.30 Uhr und 5.30 Uhr nicht befahren werden. Wer zu spät kommt, muss bis zum nächsten Morgen warten. Ich schaffe die Passage am Nachmittag und weiß danach, dass es hinter mir niemand mehr rechtzeitig durch die Sperrzone schaffen wird. Damit habe ich faktisch neun Stunden Vorsprung nach hinten, was einerseits sehr befreiend ist, mir andererseits aber auch ein wenig den Druck und die Motivation nimmt.
Ich entscheide mich deshalb gegen eine Nachtfahrt und schlafe nochmals fünf Stunden. Am nächsten Morgen warten noch 100 Kilometer und rund 2.000 Höhenmeter auf mich, und wie so oft bei einem Ultra ziehen sich die letzten Kilometer unglaublich in die Länge. Ich bin müde, habe wenig Energie und eigentlich auch keine Lust mehr.
Ich will das Rennen auf einem High beenden, und dazu gehört nunmal Essen.
Dann fällt mir ein, dass ich noch einen Koffeinshot dabeihabe. Während des gesamten Rennens habe ich, abgesehen von ein bis zwei Colas pro Tag und einem einzigen Kaffee, praktisch kein Koffein konsumiert. Etwa 70 Kilometer vor dem Ziel trinke ich meinen Notfallshot, und die Wirkung ist gewaltig. Plötzlich habe ich wieder Druck auf dem Pedal, finde einen guten Rhythmus und habe richtig Bock, nochmals richtig in die Pedale zu treten.
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Nur in Ungarn stehen in jedem Dorf diese blauen Hydranten-Brunnen
48 Kilometer vor dem Ziel halte ich nach viereinhalb Stunden Fahrzeit in einer kleinen Spelunke und bestelle einen Burger. Ich will das Rennen auf einem High beenden, und dazu gehört nunmal Essen. Vielleicht liegt es an meinem Zustand, aber ich bin überzeugt, dass es einer der besten Burger meines Lebens ist.
Es fühlt sich fast wie Ekstase an
Gegen Mittag erreiche ich das Ziel als Zweitplatzierte im Overall Ranking. Die Organisatoren warten bereits auf mich, der Sieger ist ebenfalls da und ich werde herzlich empfangen. Mein erster Wunsch ist allerdings ziemlich klar: Ich möchte duschen. Seit dem ersten Checkpoint bei Kilometer 209 hatte ich keine Dusche mehr, und meine Haare zu shampoonieren und anschließend zu bürsten, fühlt sich tatsächlich fast wie Ekstase an. Es ist schon erstaunlich, welche Bedeutung ganz banale Dinge plötzlich bekommen können.
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Die Beine drehten rund bis zum Schluss
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Zieleinfahrt nach 1.485 Kilometern
Den restlichen Tag verbringe ich im Ziel und warte auf Chris und Philipp. Chris kommt als Vierter ins Ziel, Philipp als Fünfter. Wir sind alle drei mit einer ähnlichen Strategie unterwegs gewesen: Für ein Ultracycling-Rennen relativ viel schlafen, meistens vier bis fünf Stunden pro Nacht, um nicht nur irgendwie durchzukommen, sondern das Rennen auch genießen zu können. Für jeden von uns geht diese Strategie auf.
Was mir vom Hungarian Divide aber vielleicht am meisten bleibt, sind die Menschen. Jeden Tag warten mehrere Dotwatcher am Streckenrand auf mich, kennen meinen Namen und feuern mich an. Mit so viel Begeisterung und Herzlichkeit habe ich nicht gerechnet.
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Stolz auf meine Leistung finishe ich als zweite Person overall
Und auch Ungarn selbst überrascht mich. Wer glaubt, Ungarn sei einfach nur flach, puuh, der wird sein blaues Wunder erleben. Das Land bietet viel mehr, als ich erwartet habe: knackige Anstiege, erstklassige Singletrails, Wälder, den Balaton, die Donau und unglaublich herzliche Menschen.
Wer Ungarn ohne Rennstress mit dem Rad entdecken möchte, dem kann ich die Gravelroute Tour Horizont empfehlen. Sie führt quer durch das Land, ist top ausgeschildert und steckt voller überraschender Details.
1.485 Kilometer und 23.000 Höhenmeter, viel Schlaf, unzählige Burger, extreme Hitze, ein verlorenes Sandwich und vor allem sehr viel Zeit mit mir selbst. Im Ziel weiß ich: Ein besseres Geschenk hätte ich mir zu meinem 40. Geburtstag kaum machen können.”
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Die 3 schnellsten bei der Hungarian Divide 2026
Praktische Tipps & Tricks
Strecke Das Hungarian Divide findet abwechselnd von West nach Ost und Ost nach West statt
Wasser und Refill In Ungarn hat es fast in jedem Dorf blaue Hydranten mit Trinkwasser. Kleinere Läden gibt es auch fast in jedem Dorf, größere Supermärkte jedoch nur in größeren Ortschaften. Pizza und Burger, mein Ultra-Cycling-Superfood, gab es für mich auch täglich irgendwo.
Packliste Ungarn kann alles. Im Sommer kann es sowohl extrem heiß sein als auch regnen. Unbedingt vor der Reise den Wetterbericht checken!
Route Hungarian Divide https://www.klnd.fun/pages/hungarian-divide
Tour Horizont https://www.klnd.fun/pages/tour-horizont-2026
Anreise Mit dem Nachtzug von Feldkirch nach Graz, oder auch nach Budapest





























